Ausstellungen

Berlin lädt zum Europäischen Monat der Fotografie

Von Arno Fischer bis Peter Lindbergh: 118 Galerien und Museen locken Kunstliebhaber diesen Herbst unter dem Motto "Modernes Zeiten, neue Bilder" zum Monat für Fotografie in die Hauptstadt.

Foto: dapd

Kurios und poppig. Ein gigantisches, nennen wir es Kuschelobjekt in XXL, steht im Eingangsbereich der Berlinischen Galerie. Jeder kann sich hier in die weiche, gepolsterte Materie hinwerfen, lesen, Latte trinken, quatschen, was auch immer. Ganz in modernem Lila hat das Teil Signalwirkung – soll es auch. Die Berlinische Galerie wurde in diesem Jahr, mit einer Finanzspritze des Kultursenats gestärkt, zur urbanen Leitzentrale des Europäischen Monats der Fotografie (MdF) ausgerufen, der zum vierten Mal in Folge stattfindet.

Diese Entscheidung für eine zentrale Besucherplattform war dringend nötig, in den letzen Jahren wurde dieser länderübergreifende Event zunehmend diffuser, auch in Berlin. Die Veranstaltungen, Vorträge und Ausstellungen immer zahlreicher, bis letztendlich niemand mehr so richtig wusste, wo nun was in der Stadt stattfand. Immerhin sind es in diesem Jahr wieder 118 kleine und große, etablierte wie junge Galerien und Museen, die mit den unterschiedlichsten Präsentationen in allen Bezirken locken. Gemeinsame Klammer soll das Thema „Modernes Leben, Neue Bilder“ bieten. Das ist reine Makulatur, denn unter diesen Begriffen lässt sich nun bald alles zusammenfassen.

Um zu zeigen, wie stark künstlerische Fotografie sein kann, die sich von der traditionellen „Lichtbildkunst“ zum digitalen Massenmedium entwickelt hat, verwandelte sich die Berlinische Galerie buchstäblich in ein lebendiges Fotolabor: drei Ausstellungen sind neu, während Marianne Breslauer auch noch läuft. „Mutations III“ beschäftigt sich mit der Jetztzeit der Facebook-Generation, und damit, in welcher Weise sich die Grenzen und Wahrnehmungen öffentlicher und privater Bilder immer stärker verwischen. Roter Faden ist die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Fotografie heute.

Eine wirkliche Entdeckung sind die Fotografien von Emil Otto Hoppé, der hierzulande heute weniger bekannt sein dürfte, obgleich der Münchner Bankierssohn Anfang des 19. Jahrhunderts zu den gefragten Porträtfotografen Europas zählte. Hoppé arbeitete zeitweise auch in Berlin, hatte hier sogar ein Atelier. Er schwärmte von der „neuen Schönheit Berlins“, wurde Mitarbeiter der „Berliner Illustrirten Zeitung“. Hoppé, Jahrgang 1878, war fasziniert von den industriellen Anlagen und ihrer Architektur in Deutschland, schuf Fotos, die in ihrer grafischen Struktur und Nüchternheit den Übergang zur modernistischen Fotografie markieren. Egal ob luzide Glühbirnen oder das monumentale Stahlgerippe des „Graf Zeppelin“ - in den Aufnahmen spiegelt sich der unbedingte Fortschrittsglaube und das „Neue Sehen“.

Höhepunkt in der Berlinschen Galerie aber ist die Retrospektive von Arno Fischer. 1927 in Berlin geboren, ist er in der Stadt nicht nur als exzellenter wie sensibler Fotograf, sondern ebenso geschätzter, weiser Lehrer der Ostkreuzschule bekannt ist. Anlass für die dichte Schau, die mit 80 Arbeiten die Facetten seines Lebens umfasst, ist der Hannah-Höch-Preis. Gestern Abend wurde er vergeben. Seine Serie „Situation Berlin 1953 -1960“, aufgenommen im noch ungeteilten Berlin ist ein markantes und eindringliches „Psychogramme deutscher Nachkriegswirklichkeit“. Das Motto des über den Preis „erschrockenen“ Fotografen, der nicht gerne spricht, sondern lieber genau hinschaut: „Wirklichkeit als das zu nehmen, was sie wirklich ist!“ „Arno“, wie ihn fast alle nennen, hat auch eine wunderbar filigrane, wie ein Aquarell wirkende „Garten“-Serie gemacht. Sie besteht aus Polaroids, die er locker „wie ein Notizbuch benutzt“. Darauf: verhuschte Blätter, mürbe Holzbretter, das Haus in Gransee, verblichene Gartenmöbel. Alles Zeugen der Vergänglichkeit. „Nichts ist hier arrangiert, ah, vielleicht habe ich mal ein Blatt weggenommen“, fügt er lakonisch hinzu. Es gibt auch einen melancholischen Zyklus, Varianten nur eines Steines, der wie beiläufig im Moos eingebettet liegt und dessen Oberfläche ein Gesicht suggeriert, das sich von Polaroid zu Polaroid zu verändern scheint. „Ein Selbstporträt, das über die Jahre gewachsen ist“, meint Arno Fischer. In digital-überschwemmten Zeiten führen Fischers Fotos vor Augen, was Fotografie eigentlich sein kann, wenn der Fotograf bei sich ist und bei den Menschen, die er porträtieren will. Wie damals, 1964, Marlene Dietrich in Moskau. Die unnahbare Diva im transparenten Glitzerkleid, wie sie sich im Dunkel der Bühne verneigt. Schatten verdeckt ihr Gesicht, und doch sagt diese Aufnahme alles, was über einen Star wie die Dietrich nur zu sagen war. Nichts scheint Pose. Die Dietrich schrieb Arno Fischer einen Brief. Sie wollte die Negative. Eine schönere Liebeserklärung als diese, gibt es wohl kaum.

Berlinische Galerie , Alte Jacobstr. 124-128. Kreuzberg. Mi-Mo 10-18 Uhr. Tel: 78902600. Führungen Mo, 14 Uhr, Sa/So 15 Uhr.

Geführte Bustouren zu ausgewählten Ausstellungen. Information: Tel: 24749888.