Neue Ausstellung

Adolf Hitler und die Deutschen

Das Deutsche Historische Museum präsentiert die erste große Ausstellung zur Wahrnehmung Adolf Hitlers im Volk. Darf man in Berlins Mitte eine Schau über den "Führer" zeigen? Das DHM wagt mit "Hitler und die Deutschen" das Experiment.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Erste Hitler-Ausstellung in Deutschland

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Nur Buchstaben finden sich auf dem Ausstellungsplakat. „Hitler und die Deutschen“, heißt die neue Schau, auf die das Deutsche Historische Museum (DHM) in grau-weiß-rot hinweist und die ab Freitag, den 15. Oktober 2010, geöffnet ist. Es wird, nach zahlreichen mehr oder weniger gelungen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus in Museen bundesweit, die erste Ausstellung, die speziell das Verhältnis von Diktator und Volk behandelt.

Aber warum finden sich auf dem Plakat kein Porträt des „Führers“, keine Fotografie und keines der heute eher skurril anmutenden Werke der „Staatskunst“ des Dritten Reiches? Haben die Ausstellungsmacher um den Münsteraner Historiker Hans-Ulrich Thamer „Angst vor der eigenen Courage“, wie der „Spiegel“ mutmaßt? Vor Beifall von rechts außen, von den wenigen ewiggestrigen Hitler-Bewunderern, die es heute noch gibt?

Der wahre Grund für die Zurückhaltung dürfte viel profaner sein: Vor 16 Jahren musste der damalige DHM-Chef Christoph Stölzl eine sehenswerte Ausstellung über Hitlers Leibfotografen Heinrich Hoffmann absagen. Zuvor hatte sich Protest erhoben dagegen, dass Hitler-Bilder in der einstigen Reichshauptstadt plakatiert würden. Dabei war die Schau zuvor weitgehend problemlos im Münchner Stadtmuseum gezeigt worden war. Offenbar bestand in manchen Teilen der deutschen Gesellschaft dennoch die Sorge, die Propaganda-Inszenierungen rund um den „Führer“ könnten gerade in Berlin noch immer Wirkung entfalten.

Die Idee der „Volksgemeinschaft“

Eine halbe Generation später hat sich das Team um Thamer von solchen ohnehin nie sinnvollen Befürchtungen emanzipiert. Außerdem geht es nicht um die Person Hitler, sondern, wie der Untertitel „Volksgemeinschaft und Verbrechen“ beschreibt, um die Beziehung zwischen Machthaber und deutscher Bevölkerung. Schon einige Jahre vor der Wiedervereinigung und damit vor dem ungeheuren Aufschwung der Zeitgeschichte im öffentlichen Bewusstsein hat Thamer in seinem wichtigen Buch „Verführung und Gewalt“ die „grundsätzliche Doppelgesichtigkeit der NS-Herrschaftspraxis“ behandelt. Denn so sehr Hitler-Deutschland ein repressiver Staat war, der jede Abweichung vom erwarteten Verhalten hart, oft grausam und mörderisch bestrafte, so sehr fügte sich der allergrößte Teil der deutschen Gesellschaft willig ein. Das Dritte Reich war bis weit in den Zweiten Weltkrieg hinein eine populäre Diktatur. Warum das so war, ist eine Frage, auf die seit Jahrzehnten immer wieder Antworten gesucht wurden. Doch wirklich überzeugend hat sie bisher niemand erklären können – weder die ersten Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg, die meist die Gewalttätigkeit von Gestapo und SS in den Mittelpunkt stellten, noch die Sozialhistoriker der sechziger bis achtziger Jahre, die vom „Sonderweg“ fabulierten, und auch nicht der zeitweilige Publikumsliebling Daniel Goldhagen, der bei „den Deutschen“ einen quasi genetisch verankerten Judenhass konstatierte.

Zu Recht spricht Thamer von einer „breiten Selbstgleichschaltung und Anpassungs- und Zustimmungsbereitschaft“. Wer danach fragt, braucht keine lebensgroßen Porträts Hitlers zu sehen und auch keine Reste seiner persönlichen Besitztümer, die überwiegend in Moskau und im Bayerischen Hauptstaatsarchiv in München unter Verschluss lagern. Nicht die Person Hitler steht dann im Mittelpunkt, sondern das Bild, das sich Millionen Deutsche von Hitler gemacht haben.

Die Verheißung einer neuen „Volksgemeinschaft“ nach den als niederschmetternd wahrgenommenen Zumutungen der Demokratie in der Weimarer Republik bereitete der NS-Herrschaft den Boden. Seit einigen Jahren demonstrieren Historiker der gegenwärtig mittleren Generation, geboren in den fünfziger und frühen sechziger Jahren, wie diese Vorstellung die Selbstgleichschaltung erst ermöglichte. Zur „Volksgemeinschaft“ gehört stets die Ausgrenzung vermeintlicher oder tatsächlicher Feinde – seien es nun Juden, Kommunisten oder prinzipienfeste Christen. Wenn vermeintliche Homogenität der Gesellschaft zum Selbstzweck wird, dann steht den Machthabern ein „Instrumentarium für die Integration verschiedener sozialer Erwartungen und Rechtfertigungen, zugleich aber für Ausgrenzung, Denunziation, Verfolgung und Gewalt“ (Thamer) zur Verfügung.

Lieber Erinnern als Verdrängen

Man kann das an vielen Beispielen illustrieren. Etwa an einem denkbar hässlichen Wandbehang aus der Jakobi-Kirche in Rothenburg an der Fulda. Schülerinnen aus der evangelisch geprägten kleinen Residenzstadt stickten auf das 3,30 mal 2,30 Meter große Tuch in Kreuzform die Rotenburger Frauen, die zur Kirche liefen und dort auf örtliche SA, Hitler-Jungs und Mädchen des „Bundes deutscher Mädel“ treffen. Am Kirchturm hängt die Hakenkreuzfahne. Der Wandbehang, der vom 1. Mai 1935 bis zum Frühjahr 1945 in der Kirche hing, war ein gemeinsames Produkt vieler Einwohnerinnen – übrigens waren auch Katholikinnen als Mitglieder der NS-Frauenschaft an der „Ausschmückung“ der protestantischen Kirche beteiligt. Auch eine Form der „Volksgemeinschaft“.

Wie war Hitler möglich, wie der Absturz der Kultur- und Rechtsnation Deutschland in den Abgrund von Massenmord und Vernichtungskrieg? Einfache Antworten auf diese Fragen hält die Geschichtswissenschaft bis heute nicht bereit; wer derlei im DHM erwartet, wird den Pei-Bau wohl enttäuscht verlassen. Nur wer sich einlässt auf komplexe Deutungen, versteht vieles, was normalerweise unerklärlich scheint. Einschließlich der enormen Präsenz der braunen zwölf Jahre in der heutigen Bundesrepublik, die nicht wenigen gegenwärtig übertrieben erscheint. Aber Erinnern ist immer besser als Verdrängen – selbst wenn es sich um Hitler handelt.

„Hitler und die Deutschen“ ist ab 15. Oktober 2010 im Untergeschoss des Pei-Baus hinter dem DHM bis zum 6.2.2011 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Zur Ausstellung erscheint ein sehr lesenswerter Katalog mit vielen Essays und Bildern (328 S., 25 Euro). Zusätzlich gibt es im Zeughaus viele Exponate zu 1933 bis 1945 zu sehen.