Hinterm Horizont

Lindenbergs Mann aus St. Pauli inszeniert Musical

Udo Lindenbergs "Hinterm Horizont" erzählt von einem Besuch des Sängers in Ost-Berlin – und einer großen Liebe. Inszeniert hat das Wiedervereinigungs-Musical ein Hamburger.

Hut-Metaphern werden in den nächsten Tagen aus vielen Hüten gezaubert werden. Der Grund steht auf der Bühne des Theaters am Potsdamer Platz: Eine überdimensionale, drei Tonnen schwere Udo-Lindenberg-Kopfbedeckung, die im Musical „Hinterm Horizont“ eine wichtige Rolle spielt. Donnerstagabend steigt die Gala-Premiere, zu der Lindenberg persönlich zahlreiche Gäste eingeladen hat. Er steuert ja nicht nur die Musik bei, sondern auch ein Stück seines Lebens. Oder zumindest der Legende davon, denn bei dem selbsternannten Panik-Rocker vermählen sich Dichtung und Wahrheit.

Einer, der Lindenberg schon lange kennt, ist Ulrich Waller. Der Regisseur, Autor und künstlerischer Leiter des Hamburger St.-Pauli-Theaters inszeniert „Hinterm Horizont“. Und schießt genüsslich einen Pfeil in Richtung Hauptstadt ab: „Wir leisten Entwicklungshilfe für Berlin. Hier hat es ja niemand fertiggebracht, in 20 Jahren ein Wiedervereinigungs-Musical auf die Beine zu stellen.“

Deshalb also muss die Hamburg-Connection ran. Wobei das durchaus nahe liegt, denn Musical-Produzent Stage Entertainment sitzt schließlich in der Hafenstadt. Und verfolgt die Pläne zu einem Ost-West-Musical schon lange. Ursprünglich sollten die Scorpions aus Hannover Songs wie die bedeutungsschwangere Ballade „Wind Of Change“ beisteuern. Es gab sogar schon eine Pressekonferenz samt Interviews mit Klaus Meine und Rudolf Schenker, aber irgendwann löste sich alles in Luft auf. Und Waller kam wie gerufen. Der Theatermacher hatte nämlich mit Lindenberg vereinbart, eine Art Liederabend mit den Hits des Deutschrockers machen. Mitten im Kiez. Die Premiere sollte im St.-Pauli-Theater stattfinden. Aber dann wollte Stage Entertainment mit ins Boot – und das ganze richtig groß aufziehen.

Die Kooperation mit Stage hat dem Regisseur Waller eine Musical-Uraufführung eingebracht. An einem großen Theater. Mit allem, was dazu gehört. Nicht nur Lindenberg schaut täglich vorbei und präsentiert jeden Abend eine neue Idee: „Es gibt momentan viele Leute, die alle mögliche Wünsche haben“, sagt Waller, der „in den letzten Tagen verstanden hat, wie ein amerikanischer Blockbuster entsteht.“ Aber, gibt er beschwichtigend zu Protokoll, „es geht ja nicht um persönliche Eitelkeit, sondern darum, dass die Show gut wird.“

Und da habe Lindenberg schon einen guten Instinkt bewiesen, als er vorschlug, Thomas Brussig als Autor zu verpflichten. Denn wenn „so viel der Geschichte im Osten spielt, dann brauchen wir jemanden, der eine Ost-Authentizität hat“. Die kann man Brussig, 1965 im Osten Berlins geboren, nun wirklich nicht absprechen. Der Schriftsteller hat sich mit dem Mauerfall in Romanen – und auch auf dem Theater – beschäftigt. Und ihn adelt zudem diese Geschichte: Brussig soll bei dem legendären Lindenberg-Konzert 1983 im Palast der Republik versucht haben, schwimmend – also quasi von der Rückseite des Palastes aus – doch noch zu der abgeschotteten Veranstaltung zu gelangen. Man kann diesen tollkühnen Versuch wohl nur mit einer Mischung aus jugendlicher Naivität und Idolverehrung erklären.

Brussig schrieb für „Hinterm Horizont“ die Geschichte um die Liebe zu einem Mädchen aus Ost-Berlin, in das sich der junge Lindenberg verliebte und von dem er sich schnell wieder trennen musste, weil das Tagesvisum ablief. Lindenberg und Brussig hatten sich bei einer Preisverleihung kennengelernt. Waller tippt auf die Zuckmayer-Medaille. Das führt zu einer weiteren Anekdote. Denn bei diesem (undotierten) Literaturpreis des Landes Rheinland-Pfalz wird ein 30-Liter-Weinfass aus Nackenheim, dem Geburtsort Zuckmayers, überreicht. Blöd nur, wenn Preisträger wie Brussig und Lindenberg keinen Wein trinken!

Für Ulrich Waller, der von dem Mauerfall in einer Hamburger Kneipe hörte und das für einen Witz hielt, war Lindenberg eigentlich „der musikalische Botschafter von Willy Brandt“. Nach dem legendären Kanzler-Besuch in Erfurt entstand der Song „Mädchen aus Ost-Berlin“. Die Wiedervereinigung sei für Lindenberg immer ein Thema gewesen: „Auch wenn er nicht die Trompete war, die die Mauer zum Einsturz gebracht hat, ein paar Löcher reingesungen – das hat er schon.“