Kunst

Als der Elektriker mehrmals bei Picasso klingelte

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Sascha Lehnartz

Pierre Le Guennec, der behauptet Picasso persönlich habe ihm 271 seiner Werke geschenkt, bestreitet nun von deren Wert gewusst zu haben.

Drei Trödler finden auf einem Pariser Flohmarkt ein Madonnenbild, bei dem es sich womöglich um einen Leonardo handelt. Diebe steigen nachts im Pariser Museum für Gegenwartskunst durchs Fenster ein und schneiden ungestört fünf Werke im Wert von 500 Millionen Euro aus den Rahmen.

Vom französischen Kunstmarkt ist man Kuriosa gewohnt, doch die Geschichte, welche die Zeitung "Libération" enthüllte, ist auch für französische Verhältnisse außergewöhnlich: Pierre Le Guennec, ein 71 Jahre alter Elektriker aus Mouans-Sartoux bei Grasse würde gern 271 Picasso-Werke verkaufen, von deren Existenz bislang kein Mensch etwas wusste.

Le Guennec baute "Alarmanlagen" ein

Schätzungen zufolge liegt der Gesamtwert der Bilder irgendwo zwischen 60 und 80 Millionen Euro. Le Guennec behauptet, der "Maître" selbst und dessen Frau Jacqueline hätten ihm die Werke Stück für Stück geschenkt, nachdem er Anfang der Siebzigerjahre in den Residenzen des Malers in Südfrankreich Elektroinstallationen durchgeführt habe.

In Picassos Villa "La Californie" in Cannes, im Château Vauvenargues am Fuße des Sainte Victoire Gebirges sowie in seinem Landhaus in Mougins habe er "Alarmanlagen" eingebaut, sagt Le Guennec. Angeblich war das Jahrhundertgenie von den Installationsfertigkeiten seines Elektrikers so angetan, dass er ihm gleich eine ganze Kiste seiner Werke vermachte.

Picassos Erben jedoch halten das für höchst unwahrscheinlich und haben gegen den Elektriker Anzeige wegen "Hehlerei" erstattet. Im Januar hatte Le Guennec Claude Picasso, Sohn und Nachlassverwalter des Künstlers, angeschrieben und um Echtheitszertifikate für 26 Werke gebeten. Amateurhafte Fotos der Werke lagen dem Schreiben bei. Claude Picasso staunte. Umso mehr, als ihm Le Guennec im März 39 neue Fotos weiterer Werke zusandte und dann noch einmal 30 im April.

Papier-Collagen galten als verloren

Claude Picasso antwortete, dass er die Echtheit der Werke nicht auf der Grundlage von Fotos attestieren könne. Im September besuchte ihn Le Guennec daher im Büro der Picasso-Administration in Paris. Im Gepäck hatte er 175 Werke des Künstlers.

Die meisten hatte kein Picasso-Kenner der Welt je zuvor gesehen, darunter zwei Mappen mit 97 Zeichnungen. Keine davon ist in den Archiven verzeichnet. Unter den übrigen Werken, die zwischen 1900 und 1932 entstanden, sind die bedeutendsten neun "kubistische Collagen" aus dem Jahr 1912, deren Wert allein bei 40 Millionen Euro liegen dürfte.

Als "Sprichwort in der Malerei" hat der Surrealist Tristan Tzara diese empfindlichen Papier-Collagen in einem Aufsatz aus dem Jahr 1931 bezeichnet. Sie galten als verloren, nachdem Picassos Atelier im Pariser Vorort Montrouge überschwemmt worden war. Im Magazin des Elektrikers befand sich zudem ein Aquarell aus der blauen Periode, zahlreiche Gouachen, Studien über seine eigene Hand, eine Serie von 30 Lithographien aus dem Jahr 1920 sowie mehr als 200 Zeichnungen.

Die Garage als Kunst-Lagerplatz

Nachdem Claude Picasso mit drei Mitarbeitern die Werke gesichtet hatte, entschied sich der Vorsitzende der Erbengemeinschaft, Anzeige zu erstatten. Am 5. Oktober beschlagnahmte daraufhin der Staatsanwalt von Grasse Le Guennecs Sammlung.

Der Elektriker kam kurzzeitig in Untersuchungshaft. Er beteuert seine Unschuld. Der "Meister" selbst habe ihm die Bilder geschenkt. Nach dessen Tod 1973 habe er weiter für Jacqueline gearbeitet; seine Ehefrau sei gar mit ihr befreundet gewesen, und die Witwe habe dem Paar noch weitere Werke vermacht. Bestätigen kann Jacqueline Roque diese Aussage nicht mehr, sie starb 1986. Le Guennecs Geschichte bleibt dubios: Zeugen, die sie bestätigen könnten, gibt es nicht mehr.

Ist es vorstellbar, dass jemand 271 Picasso-Werke vierzig Jahre in der Garage verwahrt und dann auf die Idee kommt, sie auf den Markt zu bringen? Die Erben des Malers glauben nicht daran. Picasso sei großzügig gewesen, habe gelegentlich einzelne Werke verschenkt, aber nie solche Mengen.

Picasso selbst war sein bester Archivar

Er sei selbst sein bester Archivar gewesen, sagt sein Sohn Claude, jedes einzelne verschenkte Werk habe er datiert und signiert, in vollem Bewusstsein um Marktwert und kunsthistorischen Rang. Und auch Jacqueline habe bestenfalls gelegentlich "eine Postkarte verschickt oder ein kleines Buch verschenkt". Dass sie aber niemals einen derart großen Teil des Werks an einen Handwerker verschenkt habe, stehe "außer Frage", glaubt Olivier Picasso.

Um Fälschungen scheint es sich indes nicht zu handeln, die Experten der Picasso-Administration, welche die Sammlung des Elektrikers gemeinsam mit Claude Picasso begutachteten, sind sich ziemlich sicher. Mehrere der Werke auf Papier tragen fortlaufende Nummern, die ihre Echtheit nahe legen.

Zudem sei die technische Qualität der sehr unterschiedlichen Werke eben ziemlich picassoartig. Der Fall wird nun vor Gericht gehen. Da ein Diebstahl-Delikt schwer nachweisbar und bereits verjährt wäre, verklagen die Erben Le Guennec wegen "Hehlerei".

Picasso-Biograph bezweifelt Le Guennecs Aussage

Der Elektriker wundert sich derweil in seinem kleinen Häuschen in Mouans-Sartoux über die Aufregung, die der Fall auslöst. Vor der Tür lauern seit Montag Reporter, seine Anwältin hat ihm geraten zu schweigen. Schließlich sagt er doch ein paar dünne Worte. Warum er die millionenschwere Kunstwerke fast vierzig Jahre ins einer Garage aufbewahrt habe? "Ich hatte zwei schwere Operationen und spürte, dass es nicht mehr gut geht", sagt der 71-Jährige.

Deshalb habe er "ein Wort" an die Picasso-Administration gesandt, um mitzuteilen, dass er ein paar "Dinge loswerden" wolle. Ob er keine Ahnung gehabt habe, was er da für Schätze in der Garage hortete? Darauf sagt der Handwerker, dessen Schwester in Cannes eine Galerie führen soll: "Ich habe vierzig Jahre damit geschlafen. Glauben Sie, wenn ich gewusst hätte, was das für einen Wert hat, hätte ich noch Beton an den Händen? Dann würde ich schon längst nicht mehr in diesem Viertel wohnen."

Die Geschichte vom Geschenk glaubt auch der Picasso-Biograph Pierre Daix nicht: "Das ist ganz und gar unmöglich", sagt der 88 Jahre alte Daix, der Picasso 1945 kennen lernte, als er Chefredakteur der Zeitschrift "Lettres Françaises" war. "Picasso hat absolut alles aufbewahrt. Er hat allenfalls in zwei, drei Fällen bedeutendere Geschenke an Frauen gemacht die er liebte." Dass Picassos Frau Jacqueline ohne dessen Plazet Werke verschenkt haben könnte, schließt Daix auch aus: "Jacqueline war ihm völlig hörig. Die hätte keinen Finger gerührt, ohne dass Picasso es ihr befohlen hätte."