Impressionisten-Schau

Die Franzosen gaben den Nackten neue Würde

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Ulrich Wickert

Die große Ausstellung in der Berliner Nationalgalerie prunkt mit entblößten Körpern. Die französischen Maler wie Edouard Manet schockierten damals die Betrachter. Der Fernsehmoderator Ulrich Wickert beschreibt die Erfindung der Moderne von Paris aus.

Eine Nackte in der Sommerhitze am Strand des Wannsees löst in Berlin höchstens eine Bemerkung von halb nackten Machos über ihre Figur aus. Etwa: zu kurze Beine. Dagegen alarmiert, und sei sie noch so schön, eine Nackte im Central Park von New York gleichzeitig berittene Polizei, Feuerwehr und Notdienst der Psychiatrie.

Im Bois de Boulogne von Paris wird eine Nackte nicht gern gesehen, denn da tummeln sich die Damen, die für Geld schmusen, aber „à la plage“ am Seine-Ufer vor dem Louvre liegen Mann und Frau bis auf den kleinsten Tanga entblößt. Gelassen und unbeschwert.

Das sittliche Empfinden zwischen Paris, New York und Berlin hat sich in den vergangenen hundertfünzig Jahren unterschiedlich entwickelt und damit auch die Kunst und ihre Wahrnehmung. Die nackte Frau auf Edouard Manets „Frühstück im Freien“ (hängt im Musée d’Orsay) – umgeben von zwei streng gekleideten Männern – wirkt heute wie ein Klassiker, vor dem man aus Achtung stehen bleibt, der jedoch niemandem mehr ein Stirnrunzeln abringt. Denn gehen wir beispielsweise in Berlin in eine Galerie, da streiten sich die reichen Kunstsammler aus Amerika, England und sogar aus Südkorea eher aufgeregt um „Farbenkleckse“ von Daniel Richter oder über Orgasmus-Porträts von Jonathan Meese.

Wie Manets Kleckse zum Augenschmaus werden

Als allerdings 1863 Edouard Manet sein „Frühstück im Freien“ beim Salon in Paris einreichte, wurde das Bild abgewiesen. „Farbenkleckserei“ und eine „grobe Machart“ wurden dem Maler vorgeworfen und die Verletzung des sittlichen Empfindens durch die Darstellung einer hässlichen nackten Frau. Das Bild wurde dann erst im „Salon des Refusés“, bei der Ausstellung der „abgewiesenen“ Künstler, gezeigt. Die „Kleckse“ aber machten Manet zum Vater der Impressionisten, die von der aufkommenden Fotografie ermuntert wurden, nicht nur die Natur abzubilden, sondern auch ihre Wahrnehmung durch den Maler zu vermitteln.

„Augenschmaus“ schreiben deutsche Kunstkritiker heute über diese Bilder, weil sie so schön sind. Und das meinen einige gar nicht nett. Denn – so ihre hochmütige Einschätzung – diese Bilder sind doch gar nicht gefährlich. „Gefährlich“ waren sie aber zur Zeit ihres Entstehens!

Deshalb galt damals Paris deutschen Künstlern als der Ort, der die Kunstrichtung bestimmt. Berliner Sammler und Kuratoren wie Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie, rissen sich um die jungen Franzosen. Es begann der Wettbewerb zwischen Sammlern und den Museen in Berlin und New York. Das Metropolitan Museum of Art hatte schon früh zwei Manets als Geschenk erhalten. Die Macht der Sammler siegte im Dreieck Paris-Berlin-New York.


Die Hausfassaden von Paris sollen schwarz beleiben

Das amerikanische Ehepaar Louisine und Henry Osborne Havemeyer schenkte dem Metropolitan Museum fast zweitausend Kunstwerke, sodass es heute neben dem Musée d’Orsay in Paris die umfassendste Kollektion französischer Kunst des 19. Jahrhunderts zeigen kann. Weshalb die schönsten Franzosen jetzt aus New York kommen.

Auf eine wirkliche Nackte im Freien reagieren Berliner, Pariser und New Yorker auch heute noch – selbst in aufgeklärten Zeiten – unterschiedlich, weil sie ein jeweils anderes sittliches Empfinden haben. So sehen sie auch Bilder anders. Denn das Hinschauen, Sehen und Erkennen wird von der jeweiligen zivilisatorischen Identität geprägt.

Paris, die schönste Stadt der Welt, liebt die wilde Kleckserei nicht mehr. André Malraux hat als Kulturminister unter de Gaulle mit dem Großputz begonnen, indem er die Reinigung der schwarzen Hausfassaden zur Pflicht machte. Georges Pompidou stiftete als Präsident das nach ihm benannte Centre, Giscard ahmte ihn nach mit dem Musée d’Orsay, und François Mitterrand übertraf alle, indem er den Louvre mithilfe von I.M. Pei zum größten Museum der Welt ausbauen und modernisieren ließ.

1000 Kunsthändler in Chelsea

Als bunten Klecks fügte Jacques Chirac das großartige Musée Branly für Völkerkunde hinzu. So hat das zum lebenden Museum umgebaute Lutetia seine einst kühnen Künstler erdrückt. Aus dem Paris der Impressionisten, der Kubisten und der Surrealisten ist alle Vitalität gewichen.

Aber von der Vitalität einer Metropole nähren sich die Künstler. In den sechziger und siebziger Jahren belebte die Popkultur aus New York die Fantasie der Schaffenden, dann der Sehenden, aber natürlich auch der Galerien, der Sammler und schließlich der Museen. Aber die Zeit eilt im Sauseschritt.

In Chelsea mögen heute bald tausend Kunsthändler ihr Gewerbe treiben, so als handle es sich um Kunstboutiquen. Deren Gerede nur vom Geld hat derweil aber die Künstler vertrieben. Denn die jeden weiteren Gedanken ausschließende Herrschaft des Mammons ist der Feind jeder Fantasie.

Berlin ist das neue Paris

Was bleibt, ist großbürgerliche Spießigkeit, die sich über Kunst entsetzt: Als im Jahr 2005 die große Max-Ernst-Retrospektive im Metropolitan Museum in New York gezeigt wurde, regte das 1926 gemalte Bild, auf dem die Heilige Jungfrau das nackte Jesuskind über das Knie legt und züchtigt, wieder die puritanischen Gemüter auf – so wie acht Jahrzehnte zuvor die Stadtväter von Max Ernsts Geburtsort Brühl, die wegen des Bildes eine Ausstellung abbrachen.

Wanderten vor hundert Jahren deutsche und amerikanische Künstler nach Paris, französische und deutsche vor vierzig Jahren nach New York, so zieht heute die Vitalität von Berlin Franzosen wie Amerikaner (aber auch Polen, Russen, selbst Chinesen) an.

Denn Ateliers sind groß und billig. Und man redet nicht über Geld, sondern über die Wirrnisse des Lebens, aus denen die Kunst emporwächst. Schließlich finden in Berlin auch noch Sammler, die die Ökonomisierung der Kunst zu verantworten haben, je nach Gusto Werke jeder Richtung. Sei es die neue Malerei von Neo Rauch oder Tim Eitel, die alte Malerei von Gerhard Richter und Anselm Kiefer, oder die Objektkunst, die, ohne Gebrauchsanweisung der Theoretiker, von Putzkommandos in Müllcontainer verfrachtet werden würde. Wie schon geschehen.

Wenn nun die französischen Impressionisten in der Neuen Nationalgalerie sind, stelle ich mir die Frage, ob Edouard Manets „Frühstück im Freien“ in dem diesjährigen „Kunstsalon“ der Deutschen – also bei der „documenta“ in Kassel – einen Platz fände? Nein, natürlich nicht. Kunst, so meinen modische Kuratoren, habe doch nichts mit Gefallen zu tun!

Müssten die Impressionisten also wieder auf einen „Salon des Refusés“ warten? Auch das nicht. Denn Manet wird mit Monet und den schönsten Franzosen aus New York für einen Sommer in Berlin gewürdigt.

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