"Wir beaten mehr"

Xavier Naidoo lädt zur HipHop-Hitparade in Berlin

Xavier Naidoo und Kool Savas moderierten sie alle an: Max Herre, Cassandra Steen, Jan Delay, Das Bo und sogar Peter Fox kam zu "Wir beaten mehr" in der O2 World. Das Festival bewies, dass HipHop auch nichts anderes mehr ist als Volksmusik.

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Bushido fehlt. Die Fanta 4 und Fettes Brot sind ebenfalls nicht anwesend beim Festival „Wir beaten mehr“ in der O2 World, wo es leichter fällt, zu sagen, wer nicht da ist, als die Mitwirkenden alle aufzuzählen. Pünktlich um acht Uhr betreten Xavier Naidoo und Kool Savas die Bühne wie ein altes Moderatorenpaar. Savas erkundigt sich nach dem Befinden mit „Was geht?“ Naidoo verspricht den Gästen eine „Künstlerkette“, die Geschichte schreiben werde. Und daraus entwickelt sich auch weniger ein Popkonzert als eine Manifestation des guten Willens und, wie man beim Musikantenstadl sagt, ein bunter Strauß von Melodien für Millionen.

Als Kapelle der Revue spielen die Söhne Mannheims zunächst „IZ ON“, wo der Herr wieder zum Hirten wird, und anschließend „Das hat die Welt noch nicht gesehen“. Auf der Bühne wird das Pult des Diskjockeys vom Schlagwerk eingerahmt und das Geschehen auf einem dreiflügeligen Video-Altar für alle sichtbar abgebildet. In die Menschenmenge führt ein Laufsteg. Damit sind nicht nur die Marktführer des Genres in der Mehrzweckhalle angekommen. Sondern auch der deutsche HipHop allgemein mit seinen Ausläufern in Richtung Soul und R&B, Erbauungslied und Schlager.

Von Berlin, der „Stadt der vier Millionen Seelen“, singt Max Herre zur Gitarre. Er erinnert an sein Unternehmen Freundeskreis, das bereits in den Neunzigerjahren dafür sorgte, dass der Heimat-Rap auch ernst genommen wurde. „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“, fordert Herre, der inzwischen einen dichten Bart trägt wie ein Liedermacher. Es geht Beat auf Beat: Xavier Naidoo singt wieder, und Cassandra Steen tritt zu ihm, dann singt sie allein und später mit Adel Tawil von Ich & Ich. Aus den Duetten, die im HipHop seit jeher gepflegt werden, um Synergien zu erzeugen, wird im Saal das große Stelldichein der Szene. Sido und Adel Tawil, Azad mit Cassandra Steen, Jan Delay und Das Bo, Jan Delay und Marteria, D-Flame mit den Söhnen Mannheims. Und Naidoo mit allen: Er versüßt die Stücke mit seinen Gesängen, er hält seine Hände über seine Schützlinge, er ist jetzt der Pate der Bewegung.

Es ist noch nicht lange her, dass in der Bildungs- und Familienpolitik beraten wurde, wie sich Kinder vor dem deutschen HipHop schützen ließen. Spätestens an diesem Abend ist der HipHop auch nichts anderes mehr als Deutschrock oder Volksmusik, als Hitparade oder Stars in der Manege. Auf den Rängen wird im Takt geklatscht oder versucht, im Sitzen zu tanzen. Mit „Wir beaten mehr“ wird die Familienunterhaltung neu belebt.

Sobald Xavier Naidoo die Stimme hebt, reißt es die Mütter von den Sitzen, und die Väter schmunzeln über das Geschrei der Damen. Sido und Azad, die ewigen Sorgenkinder aus den üblen Gegenden der Großstädte, werden von rotwangigen Schülern textsicher begleitet. „Jetzt hab ich jedem bewiesen/ Ich steh fest auf den Füßen/ Hunderte von Perspektiven/ Ich bin ein gemachter Mann/ Nie wieder früh aufstehen müssen/ Nie mehr aus dem Traum gerissen“, dichtet Sido, der Kapuzenmann, und alle Sorgen um die Kinder sind verflogen. Kaum ein Künstler, der vergisst, an diesem Abend darauf hinzuweisen, dass er selber welche hat: Joy Denalane grüßt ihre Sprösslinge. Azad entfällt der Text und seine Augen werden feucht, weil er an seine Tochter denkt. Und Sido freut sich, dass sein Sohn ihm erstmals bei der Arbeit zusieht.

Zu erleben ist die lange Nacht der Bruderküsse und Umarmungen, der musikalischen Integration sowie des blühenden deutschen Popgeschäfts. Während Marteria „Sekundenschlaf“ vorträgt, ein Lied das Peter Fox verfasst hat, schlendert der leibhaftige Peter Fox herbei: Sogar der scheue „Stadtaffe“ gibt sich die Ehre, wenn fast alle da sind. Jan Delay tritt auf mit Hut, Krawatte, Maßanzug und Einstecktuch. Aber er ist sich nicht zu fein, das Lied von „Flashgott“ anzustimmen mit Xavier Naidoo, zum Lobpreis höherer Mächte. Zum Finale stehen alle Anwesenden auf der Bühne, wie es sich gehört für eine Leistungsshow.

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