Antike

Alle Wege und Mausklicks führen nach Rom

Eine Million Einwohner, und alle reden Latein. Bei Google Earth kann man in die Antike eintauchen und das Rom von 320 n. Chr. betrachten. Forscher animierten 7000 Gebäude und legendäre Monumente. Dabei wurden sehr alte Bücher zu Rate gezogen. Aber zur wahren Empfindung Roms fehlt etwas.

Wann immer sich der kalifornische Suchmaschinen-Gigant Google bislang geografisch engagierte, handelte er sich zuverlässig Ärger ein. So monieren Menschen, die auf der Denunziantenplattform „ RottenNeighbor.com “ verleumdet werden, dass es Google-Landkarten sind, die ihre Adressen visualisieren.

„Google Street View“, einem virtuellen Stadtspaziergang-Programm, wird seit langem vorgeworfen, Einbrecher nutzten es zum Ausspähen geeigneter Tatorte. Dass Google es mit der Wahrung von Persönlichkeitsrechten nicht ganz so genau nimmt, ist dabei ein gängiger Vorwurf. Ihm steht freilich der unleugbare Umstand gegenüber, dass der Konzern über grandioses geografisches Material gebietet.

IDas garantiert in jüngerer Zeit vor allem „Google Earth“, eine in ihrem Grundmodell gratis zugängliche Software, die einen virtuellen Globus darstellt, den Internet-Nutzer mittels Mausklick bereisen können. Jetzt hat das Unternehmen mit diesem Ableger seines Imperiums einen im Wortsinne imperialen Coup gelandet, gegen den ausnahmsweise selbst Personendatenschützer nichts vorbringen können dürften: Google hat nämlich das antike Rom reanimiert .

n enger Kooperation mit dem archäologischen Institut der Universität von Virginia (in Charlottesville) ist ein virtuelles dreidimensionales Modell entstanden, welches das „Caput Mundi“ ("Haupt der Welt") um das Jahr 320 n. Chr. zeigt, als Rom ungefähr eine Million Einwohner zählte. Das ist ein für unseren Kulturkreis insofern politisch korrekter Zeitpunkt, als damals Konstantin der Große herrschte (Kaiser von 306-337,), der das zuvor verfemte und verfolgte Christentum im Reich der Römer zu einer privilegierten Religion erhob.

Zudem darf die Epoche, in der die so genannte Slide-Show von „Google Earth“ angesiedelt ist, als Blütezeit der Ewigen Stadt sowohl in architektonischer als auch in technologischer Hinsicht gelten. Das spätantike Rom war zu dieser Zeit so etwas wie die (multi-)kulturelle Kapitale der westlichen Welt.

Bernard Frischer, der das „Rome Reborn“-Projekt 1997 in Virginia initiiert hat, glaubt daran, dass der Forschung durch dieses Projekt neue Wege erschlossen werden können. Durch die Digitalisierung aller erhältlichen Informationen lasse sich etwa berechnen, wie viele Menschen tatsächlich Platz im Colosseum oder im Circus Maximus gefunden hätten.

Frischer zufolge ist „Rome Reborn“ die umfassendste, rechercheintensivste (und zudem teuerste) Nachbildung einer Stadt überhaupt. Um sie wieder zu beleben, wurden mit Hilfe von altem Kartenmaterial und zeitgenössischen Stadtmodellen mehr als 7000 Gebäude entlang der „Aurelianischen Mauer“ – sie wurde eine Generation vor Konstantin errichtet - detailgenau nachempfunden.

Der Name des Projektes zeugt auch von einer Reanimation und Würdigung der frühen Stadtplaner und Landvermesser: „Rome Reborn“ rekurriert auf Flavio Biondos legendäres Buch „Roma instaurata“ (1446), in dem die erste systematische Topographie der antiken Weltstadt vorgestellt wurde.

Man muss derlei nicht wissen, um sich an diesem „Rom reloaded“ zu ergötzen: Virtuelle Besucher können entlang von 6700 Gebäuden aus der Zeit des Römischen Reichs flanieren, die meist marmornen Oberflächen der Bauten inspizieren und sich in von Historikern verfassten Pop-up-Häppchentexten über einzelne Orte informieren. Das verschafft, trotz einer gewissen Pappschachtel-Anmutung weiter Teile des urbanen Ensembles, einen atmosphärisch durchaus dichten Einblick.

Elf Stätten, darunter die Basilica Giulia auf dem Forum Romanum und das Colosseum, sind für die virtuellen Besucher sogar frei zugänglich. Nur mit dem Geruch von Löwenfell und Sklavenschweiß kann das Modell nicht aufwarten.

Dass selbst Google das Geruchskino noch nicht erfunden hat, ist aber mehr Segen als Fluch. Im Rom des Jahres 320 war erst ein verschwindend kleiner Teil der Gebäude mit dem entstehenden Abwassersystem vernetzt.

Was Google, das die Rechte an der bildmächtigen Show nach deren erster Präsentation in Rom prompt von besagter Universität erwarb, außer seinem Hang zum globalen Spiel an der virtuellen Rekonstruktion gereizt hat, liegt freilich im Dunklen. Vielleicht ist es ja die Aussicht, einmal über ein geografisches Spielzeug zu gebieten, das nicht sofort Kritiker auf den Plan ruft.

Zu erreichen ist die Simulation hier.