Brühl als Kriegsheld

Goebbels hätte "Stolz der Nation" gut gefallen

Quentin Tarantinos Kino-Hit "Inglourious Basterds" handelt unter anderem von dem deutschen Kriegshelden Fredrick Zoller (gespielt von Daniel Brühl), über den Joseph Goebbels einen Propaganda-Film drehen lässt. Diesen Streifen hat Eli Roth jetzt tatsächlich produziert – als kurze Parodie mit dem Titel "Stolz der Nation".

Der Vorspann rollt über die Leinwand wie eine Wolkenfront, die aus der Ferne näher kommt und über einen hinweg zieht. Oder – der wohl angebrachtere Vergleich – wie ein Bombergeschwader, das sich am Himmel bedrohlich auf den Betrachter zubewegt.

Zunächst erscheint der Hersteller, das „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“, dann folgt der Filmtitel „Stolz der Nation“, und schließlich werden wir informiert, dass das Werk „unter der Aufsicht von Dr. Joseph Goebbels“ hergestellt worden sei. Das Produktionsdatum liegt allerdings nicht in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, sondern im Herbst 2008.

„Stolz der Nation“ ist eine Fälschung. Auch wenn Goebbels tatsächlich Filme „beaufsichtigt“ hat, hätte er dies nie im Vorspann publik gemacht. Er hätte sein Ministerium nicht als Auftraggeber enthüllt, denn die schnelle Lektion, welche er aus einer ersten Welle erfolgloser Propagandafilme gezogen hatte, lautete: Propaganda darf nicht als solche erkennbar sein.

„Stolz der Nation“ – ab nächste Woche im Bonusmaterial der DVD von „Inglourious Basterds“ zu besehen – zeugt vor allem von der Lust am Fälschen. Als Quentin Tarantino das „Basterds“-Drehbuch schrieb, verquickte er Realität und Kino aufs Engste.

Eine Truppe amerikanischer Soldaten wird über dem deutsch besetzten Frankreich mit dem Spezialauftrag abgesetzt, Angst und Schrecken zu verbreiten, indem sie jeden in brauner Uniform ermorden, den sie treffen. Einer, der diese Uniform mit Stolz trägt, ist Fredrick Zoller:

Er hat als Scharfschütze von einem Turm aus Hunderte Feinde niedergestreckt – und wurde von Goebbels mit der Hauptrolle im Propagandafilm „Stolz der Nation“ belohnt, wo er sich selbst spielt. Das Finale von „Basterds“ spielt in jenem Kino, wo zur „Stolz“-Premiere die ganze Nazi-Prominenz erscheint.

„Stolz der Nation“ ist also ein Film im Film. Nichts Neues, aber Tarantino entwickelt die Idee konsequent weiter. Anstatt Ausschnitte aus einem existierenden Streifen zu zeigen (wie das unzählige Filme tun), erfindet er einen eigenen. Im Ansatz hatte er das bereits bei seinem vorletzten Werk „Death Proof – Todsicher“ praktiziert: Da waren vor dem Hauptfilm Trailer für andere, kommende Filme zu sehen – aber die Trailer waren gefälscht, die Filme nicht existent.

Die Idee entstand spontan beim „Basterds“-Dreh vorletzten Herbst in Berlin. Eli Roth, der Regisseur der „Hostel“-Filme, den Tarantino für die Rolle des „Bärenjuden“ engagiert hatte, sah wie beschäftigt sein Kumpel war und bot an, den Film im Film zu drehen.

Er flog seinen Produzenten-Bruder Gabriel nach Berlin ein, schnappte sich Daniel Brühl (Darsteller des Fredrick Zoller) und kurbelte – wenn drehfrei war – an drei Tagen den „Stolz“ herunter. Während um ihn herum die „Basterds“ entstanden, saß Roth bereits im Babelsberger Schnittraum und fügte „Stolz“ zusammen – auch Drehen fürs Kino findet heute nahezu in Realzeit statt.

Der „Stolz der Nation“ stellt keine hohen Ansprüche an sich. Er dauert nur rund zehn Minuten und ist nicht kostspielig auf „alt“ getrimmt wie die Fake-Trailer von „Death Proof“. Das Eindrucksvollste ist fast die Titelsequenz vor dem Hintergrund eines Riesenadlers auf steinernem Hakenkreuz.

Da liest man „Militärische Kostümberatung: Rittmeister Gerd Leine“ oder „Tonherstellung: Arier-Melofilm“ oder Rollennamen wie „Der Duce“, „Der amerikanische Schlächter“ und „Die Tiroler Jungfer“.

Weder der Duce noch die Jungfer kommen später vor, denn Roth serviert eine reine Schlachteplatte: Fredrick Zoller sitzt auf seinem italienischen Kirchturm, springt von Fensterbogen zu Fensterbogen und dezimiert ein US-Bataillon unten auf dem Marktplatz.

In einer Verschnaufpause ritzt er in den Holzfußboden ein Hakenkreuz, auf dem sich bald die leeren Patronenhülsen häufen, wie unten die toten GIs. Ein kulturaffiner Colonel zählt die eigenen Opfer („47..., nein 48“) und weigert sich standhaft, den Turm zu sprengen: „Dies ist eines der Bauwerke mit der größten historischen Bedeutung in ganz Italien!“

Es ist natürlich die Parodie eines Propagandafilms, wie es sie bei Dr. Goebbels nie gegeben hätte; beinahe unvermeidlich der Kinderwagen, der seit Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ ständig in Kinoschusslinien rollt. Hier schnappt sich ein US-Soldat das Baby und wirft es der dankbaren Mutter in die Arme.

Die gesamte Idee ist bereits mehrfach durch den historisierenden Medienreißwolf gelaufen: Am Anfang stand der reale russische Scharfschütze Wassili Saizew, der während der Schlacht von Stalingrad 225 Landser tötete, und daraus machte vor zehn Jahren das Kino mit „Enemy at the Gates“ ein Duell zwischen Saizew und einem deutschen Scharfschützen-Major.

Am – ziemlich unvermittelten – Ende von „Stolz der Nation“ ruft ein irre dreinblickender Daniel Brühl in Großaufnahme triumphierend „Wer hat eine Botschaft für Deutschland!?“ in die Kamera. Aber um Botschaften geht es längst nicht mehr in dieser Art von Zeiten und Stile ausschlachtendem Kino. Eli Roths Familie stammt aus dem Schtetl der polnisch-russischen Grenzgebiete, und seine Großeltern entkamen als einzige aus der Verwandtschaft dem Holocaust.

In den „Basterds“ prügelt Roth Nazis mit dem Baseballschläger tot, was sich als eine Art die Generationen überspringende, rächende Genugtuung interpretieren lässt. Aber der „Stolz der Nation“ war für Roth „nur ein Film über eine Schlacht … extrem übertrieben … ein riesiger Spaß“.

Während der Dreharbeiten kamen seine Eltern nach Berlin, die geschworen hatten, niemals einen Fuß in des Führers Hauptstadt zu setzen, und als sie das Babelsberger Studio betraten, gab Quentin Tarantino 300 braun Uniformierten ein Zeichen – worauf Hitler, Goebbels & Kumpanen „Happy Birthday“ für Cora und Sheldon Roth anstimmten. Am Vormittag hatten die Roths das Holocaust-Mahnmal besucht.