Academy Awards

Diese Oscar-Show war leider eine Sparmaßnahme

Auch bei den Academy Awards hat die Krise eingeschlagen. Die Oscar-Show 2009 entpuppte sich als eine Ansammlung von Sparmaßnahmen. Hugh Jackman konnte als neuer Moderator nicht viel retten, die Ausstattungen waren billig, und sogar die Musicaleinlagen hätte manche Highschool besser hinbekommen.

Wir sind Zeugen von etwas Einmaligem, bisher noch nicht Dagewesenem geworden: Wir haben einer Not-Oscar-Verleihungszeremonie beigewohnt. Der Kapitalismus befindet sich eben in einer rapiden Talfahrt, keiner weiß, wohin die Reise geht, ergo müssen alle sparen, auch die goldenen Nasen in Hollywood und Umgebung.

Erste Sparmaßnahme: Durch die Oscar-Nacht führte zum ersten Mal seit mehreren Jahrzehnten kein Komödiant, sondern ein Schauspieler – der Australier Hugh Jackman, der im vergangenen Jahr auch noch in einem Historienschinken mitspielte, der „Australia" hieß. „Im nächsten Jahr", meinte er sardonisch, „reicht es wahrscheinlich nur noch für einen Film, der `Neuseeland' heißt."

Zweite Sparmaßnahme: Bevor die Verleihungszeremonie richtig losging, stellte Jackman sämtliche für den Oscar nominierten Filmkunstwerke mit Hilfe von Pappwänden vor, die dermaßen selbstgebastelt wirkten, als seien sie eigentlich für einen Kindergeburtstag vorgesehen gewesen.

Dritte Sparmaßnahme: eine Musicaleinlage mit Herrn Jackman in der Hauptrolle, die so billig zusammengestoppelt war, dass jede Highschool in New York sie professioneller hinbekommen hätte. Das am wenigsten missverständliche Krisenzeichen indes waren schwarze Schärpen.

Beinahe alle Damen, die an der Oscarverleihung teilnahmen, trugen solche Schärpen über ihren eleganten Roben, die eine deutliche Tendenz zum Vorhanghaften zeigten. Die Garderobe der Oscar-Damen hatte mithin folgende Botschaft: Vorläufig bleibt der Vorhang geschlossen – und das ist furchtbar traurig.

Eine weitere Tendenz, die bei der diesjährigen Oscarverleihung nicht zu übersehen – oder vielmehr: überhören war, hatte zum Glück gar nichts mit der Wirtschaftskrise zu tun. Es handelte sich hier um die Tendenz zum britischen Akzent. Man konnte 2009 in Los Angeles den Eindruck gewinnen, mit der Wahl Barack Obamas zum Präsidenten sei die Unabhängigkeitserklärung von 1776 widerrufen worden, und die abtrünnigen Kolonien seien zum Mutterland zurückgekehrt.

Als „Slumdog Millionär" zum besten Film erklärt wurde, traten die Produzenten ans Mikrophon und sprachen die üblichen Dankesworte im gedehnten Tonfall der britischen Inseln (der auf Amerikaner immer ein wenig affektiert wirkt).

Zuvor hatte schon Danny Boyle, der Regisseur dieses Films, die begehrte vergoldete Figur in Empfang genommen, und auch Kate Winslet heimste einen Oscar ein – für ihre Darstellung einer KZ-Wärterin mit enormem Sex-Appeal. Frau Winslet hielt übrigens in ihrem britischen Akzent die mit Abstand charmanteste Dankesrede des Abends: Sie müsste lügen, so erklärte sie, wenn sie behaupten wollte, sie habe diese Ansprache nicht vor dem Badezimmerspiegel geübt, seit sie circa acht Jahre war – damals habe sie allerdings noch eine Shampooflasche in der Hand gehalten.

Wenn an diesem Abend keine Briten sprachen, dann waren – wie schon vermeldet – Australier dran (außer Hugh Jackman machte auch noch Nicole Kidman mit). Ein original deutscher Zungenschlag war nur einmal zu hören, als Jochen Alexander Freydank für seinen Kurzspielfilm „Spielzeugland" einen Oscar erhielt.

In der Krise besinnt man sich auf die Tradition, die alten Werte, und Hollywood ist hier naturgemäß keine Ausnahme. Die fünf Kandidaten, die in den wichtigsten Kategorien (beste Schauspielerin, bester Schauspieler, bester Film) nominiert worden waren, wurden jeweils kurz von einer Kollegin, einem Kollegen vorgestellt – ein Novum.

Die Einführungsredner und -rednerinnen vertraten sämtliche Altersklassen: von Anthony Hopkins über Robert de Niro bis zu Adrian Brody. So wurde gezeigt, dass es sich bei Hollywood im Grunde – und aller mörderischen Konkurrenz zum Trotz – um eine große Familie handelt.

Die gesamte Oscarverleihung erhielt dadurch eine sehr warme, eine kuschelige Note. Die Krone wurde dieser allgemeinen Kuscheligkeit von Sean Penn aufgesetzt, der für seine Darstellung von Harvey Milk, dem ersten offen schwulen Kommunalpolitiker in San Francisco, der 1978 einem Attentat zum Opfer fiel, mit dem Oscar geehrt wurde.

„Oh ihr schwulen Kommunistensäue", begann er seine Ansprache mit zärtlicher Ironie, und das linksliberale Publikum lachte geschmeichelt – anschließend forderte Penn die Schwulenehe für ganz Amerika. Jene, die heute die Eheschließung homosexueller Paare verhindern wollten, meinte er, sollten sich fragen, wie sie dies dereinst ihren Enkeln erklären könnten.

Das Publikum in Los Angeles reagierte mit einhelligem Beifall und vereinzelten Schreien des Entzückens (in Kansas und anderen konservativen Bundesstaaten dürfte die Reaktion anders ausfallen). In der Krise, das zeigte Penns Dankesrede, kommt es nicht nur darauf an, nach Kräften zu sparen. Gefragt sind außerdem rhetorische Gesten, die ein schönes Gefühl des Einverständnisses herstellen: Man will sich in der Not wie eine Gemeinde fühlen.

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