Valencia bimmelt und alle kommen. So wie Waltraud Meier, die letzten Herbst für die „Fidelio“-Eröffnung des neuen Opernhauses in der iberischen Metropole sogar eine ihr gewidmete Rihm-Uraufführung zum Auftakt der Ära Nagano an der Bayerischen Staatsoper sausen ließ. Das wird wohl künftig öfter so sein.

Denn der Palau de les Arts Reina Sofía schwimmt im Geld. Er kann pro Opernproduktion mehr ausgeben als jedes andere europäische Musiktheater. Deswegen ließ man sich auch nicht lumpen und hat gleich die erste Spielzeit mit einer Hälfte von Wagners „Ring des Nibelungen“ bekrönt. Am Pult des von Lorin Maazel ebenfalls neu formierten Orchesters stand Zubin Mehta, dessen Münchner Tetralogie rauschhafte, wenngleich gemischte Gefühle hinterlassen hatte.

Inszenierung neben dem America's Cup

Nun steigen wir, sinnigerweise im trocken gelegten Flussbett des Túria, wo sich Santiago Calatravas herrisch in Beton gegossener Erlebnispark erhebt, auf den Grund des Rheins, während ein paar Kilometer mittelmeerauswärts die millionenteuren Segeljachten des America’s Cup sich in ihre letzten Trainingsrunden legen. Das Ringen großer Jungs mit viel Geld um den prestigeträchtigen Blechpokal und als Gegenprogramm landeinwärts die Parabel vom Fluch des Goldes, der zum Untergang der Götter führt: Das macht Sinn, sogar mehr noch als der inzwischen auch mit Amazonaswasser getaufte „Fliegende Holländer“, der zwar die sieben Weltmeere besegelt, bei Wagner aber eindeutig in nordischen Gefilden aufschlägt.

Im Gegensatz zu den übrigen Produktionen der Valencia-Saison zeigt sich die Intendantin Helga Schmidt mit der Verpflichtung der Theatertruppe La Fura dels Baus als Regieteam sogar szenisch ambitioniert. Zwar sind die einstigen katalanischen Krachmacher spätestens seit ihrem Salzburger Erfolg mit „La Damnation de Faust“ 1999 auch im Opernbetrieb etabliert, garantieren aber einen originellen Blick auf das viel gedeutete Werk. Die mit dem (von Zubin Mehta geleiteten) Maggio Musicale Florenz koproduzierte Tetralogie ist der erste original spanische „Ring“ seit langem. Die Konkurrenz in Barcelona und Madrid lieh sich ihren germanischen Götterstreit im Viererpack aus Berlin und Dresden aus. Und wie dort laufen in Valencia die DVD-Kameras mit.

Verführerisch schöne Videobilder

Die haben viel zu sehen. Denn hinten, auf zwölf fahr-, in der Mitte teilbaren Projektionsflächen passiert einiges, während vorn vornehmlich gesungen wird. La Fura dels Baus, diesmal in Gestalt von Carlus Padrissa und Valentina Carrasco, waren nie berühmt für Personenregie, und die versagt auch hier total. Zumal die Götter meistens in Körbchen an auf- und niederfahrenden Hebekränen herumgeschwenkt werden. Roland Olberters lachhaft scheußlichen Kostüme sind zwischen Sado-Maso und Krieg der Sterne angesiedelt, die zotteligen Wälsungen im Knochenkreis und mit Sieglinde an der Hundeleine sehen aus wie Familie Feuerstein.

Es sind allerdings die Videobilder von Franc Aleu, die immer wieder begeistern. Verführerisch schön wiegen sich in Zeitlupe graublaugrüne Wellen und Wasserströme, während die Rheintöchter in schwebenden Glaskästen glucksen, aus denen Alberich später den Stöpsel zieht. Das Rheingold ist ein goldenes Baby. Per Raumgleiter geht es hinab nach Nibelheim, einer grässlichen Maschinerie mit Goldidol-Produktion am Förderband. Immer wieder strahlt und verglüht die Erde, Planeten kreiseln, Regenbogen scheinen am Bühnenrahmen. Walhall hat menschliche Gestalt, erst abstrakt als Strukturgerüst, dann wirklich von lauter Körpern am Seil gebildet.

Juha Uusitalo fasziniert als Wotan

In der „Walküre“ lässt die Imaginationskraft dieser virtuellen Wagner-Welten, die oft auch nur verdoppeln, comic-haft verkleinern, stark nach. Sieglinde und Siegmunds Namen, die als Doppelhelix durch die Weltesche pulsieren und Buchstabensalat abwerfen, ein reales, seltsam monströses Blechmobile als Schrottplatz toter Helden, ein pendelnder Menschenklops, der Feuerzauber als Kreis weitergereichter Fackeln: Das sind Bilder, die bleiben, gemütlich vom vertrauten Bombastsound umgluckert. Denn Mehta dirigiert das neue Orchester sehr langsam, will niemanden überfordern. Er bekommt schöne Einzelleistungen feiner Streicher, wohltönendes Blech, aber keinen wirklich individuell abgemischten Gesamtklang.

Neben dem „Ring“-Standard-Personal aller großen Bühnen, dem Ehepaar Petra Schnitzer und Peter Seiffert als behäbig sündigenden Wälsungen-Zwillingen, dem souveränen Matti Salminen als Fafner und Hunding, Franz-Josef Kapellmann (Alberich), Gerhard Siegel (Mime), Anna Larsson (Fricka), gibt es drei Lichtblicke für künftige Tetralogien: John Daszak ist ein kantabler, variabler Loge, Jennifer Wilson eine jubelgesund tönende Brünnhilde. Grandios freilich der Wotan von Juha Uusitalo. Ein so demagogischer wie trauriger Gott, donnernd und zart, herrlich auf Linie gesungen, wunderbar artikulierend. Neben Bryn Terfel und dem sich noch für sein Debüt 2008 in Mailand warmlaufenden René Pape dürfte der Finne, der im Herbst auch im neuen Wiener „Ring“ zu hören sein wird, augenblicklich vokal die Nummer eins unter den Operngöttern sein.

Termine „Rheingold“: 7., 12. Mai; Termine „Walküre“: 10, 14. Mai; Karten: (0034-902) 10 00 32.