Die neue Frau

Weich, rund, nicht wabbelig – auf keinen Fall mager

In mageren Zeiten setzt die Modeindustrie auf ein schwelgerisches Frauenbild. Selbst Designer polstern ihre Models jetzt aus, damit sie eine frauliche Figur bekommen. Weibliche Rundungen sind seit langem mal wieder gern gesehen, und die Weichen sind in Richtung Kurven gestellt – Adieu Size Zero!

Es ist so weit: „Mit dem Schlankheitswahn auf dem Laufsteg wird bald Schluss sein. Statt Knabenhaftigkeit sind feminines Selbstbewusstsein und mollige Kurven gefragt. Der Grund dafür: Immer mehr Frauen rebellieren gegen das scheinbar perfekte Bild, das die Werbung ihnen vorgaukelt." Klingt aktuell, ist aber ein Zitat aus dem „Handelsblatt" vom März 1998.

Doch es ist eben genau das, was wir immer wieder hören wollen und sehen mögen. Jetzt zum Beispiel. Geschichte wiederholt sich, und das gilt selbstverständlich auch für gesellschaftliche Moden. Gerade in Zeiten der Krise scheint es dann doch makaber, den Size-Zero-Look respektive Magersucht zu propagieren. Wenn Victoria Beckham noch immer schlauchdünn daherkommt, dann geht das dennoch in Ordnung, weil sie eh längst zur Kunst- und Comicfigur geworden ist. Und trotz neuer Mindestanforderungen wird es weiterhin sehr dünne Models geben bei den in diesen Wochen laufenden Modeschauen von New York bis Paris, wobei mittlerweile auch festzustellen ist, dass Magersuchtverdacht in der Szene mehr unter Männern als unter den Mädchen verbreitet ist.

Bei aller nachvollziehbaren Diskussion über die gesundheitlichen Folgen für die Models selbst und vor allem für ahnungslose Teenager sollte durchaus in Betracht gezogen werden, dass Models vielleicht gar nie eine solche Vorbildrolle eingenommen haben wie oft befürchtet, für die breite Masse schon gar nicht. Zu austauschbar sind die blassen Wesen zudem geworden. Bei den Stars der 90er, den Supermodels, denen ab Mai das New Yorker Metropolitan Museum eine faszinierende Ausstellung widmet, verhielt es sich anders. Sie waren Typen, nicht Kleiderhaken. Die Schiffers und Evangelistas waren auch gar nicht so spittelig wie manches Wesen heutzutage, das als Garderobenständer im wahrsten Sinn dient und Illusion statt Persönlichkeit verkaufen soll. Und schon gar nicht die ganze Wahrheit. Studien haben längst geklärt, dass Menschen, die mit dünneren Leuten in einem Raum stehen, sich selbst automatisch für schlanker halten und auch als schlanker wahrgenommen werden! Ergo wird auch die Show-Silhouette einer bestimmten Modemarke abgespeichert. Fernsehen macht drei Kilo schwerer, das weiß jede Moderatorin, und Fotos ohne digitale Bearbeitung tun es ebenso.

Es kommt also auf die Betrachtung an. Und die ist launisch wie Mode selbst. Nun sind die Weichen Richtung Kurven gestellt. Schon weil wir Sehnsucht nach Frauen haben, Girlie begreift womöglich nicht den Ernst der Stunde. Der Futurist Raf Simons hat sogar den Jil-Sander-Männern deutliche Hüftbögen in Mantel und Jackett gezeichnet. Die neue Üppigkeit gilt bei ihm auch für den Mann.

Kate Moss, die nie mager war, sondern lediglich eine zarte Statur besitzt (wie Keira Knightley übrigens, der so lange die Magersucht angedichtet wurde, bis sie ihren Vater vor die Kameras bat: eine Bohnenstange mit Adlerprofil – da verging der Boulevardpresse der Spaß!), selbst Kate also hat zugelegt. Sie gehört zu jenen dünnen Frauen, denen nach jedem Strandfoto eine Schwangerschaft angedichtet wird, weil sich das Mittagessen in der Nabelgegend abzeichnet. Doch Kate Moss ist ausnahmsweise wirklich schwanger. Während Eva Longoria, die lebensecht für ihre Rolle als Desperate Housewife zunehmen musste, das Getuschel über Schwangerschaft mit dem klaren Statement konterte: „Ich bin nur dick!“ Und dafür Applaus bekam. Das hätte sie sich vor wenigen Jahren kaum trauen können, als eine Stylistin wie die spacksige Amerikanerin Rachel Zoe mit ihren Size-Zero-Vorschriften befremdliche Erfolge hatte. Jetzt sind Mädchen wie Daisy Lowe dran – aktuell auf dem Cover der Paris-„Vogue“.

Der Designer Roland Mouret beklagt oft, dass er einfach kaum noch Models findet, denen seine Entwürfe passen. „Wir müssen die Mädchen immer auspolstern, damit sie eine frauliche Figur bekommen. Einige schaffen es dann, wenigstens wie eine Frau zu gehen.“

„Das Maß aller Dinge ist nicht die Konfektionsgröße“

Das einstige amerikanische Topmodel Carré Otis hungerte jahrelang und nahm Drogen, aus Angst, dass ein Fotograf ihre Schenkel als zu dick befinden könnte. Doch mit 35 Jahren rieselten aus dem Ziploc-Beutelchen in ihrer Handtasche keine Aufmunterer mehr, sondern Kräutersüßstoff für den Tee, war der Herzinfarkt mit dreißig überlebt, eine normale Figur, eine neue Karriere und die Erkenntnis gewonnen, „das Maß aller Dinge ist nicht die Konfektionsgröße“. Und sie warb für Marina Rinaldi, eine Marke für starke Figuren, wie es böse genug heißt, mittlerweile aber durchaus doppeldeutig zu verstehen ist. Stark im Sinne von Menge, stark aber auch im Selbstbewusstsein. Die Botschaft lautet: „Ich will so bleiben, wie ich bin, und zwar keine, die sich fragt: ‚Darfst du?'“ Sondern eine, die gar keinen Grund mehr kennt, sich von ihrer Kleidergröße 42 verabschieden zu wollen.

Bei der Prada-Show vor zwei Jahren tauchte zwischen den staksenden Luftwesen in der Feen-und Blumen-Kollektion plötzlich ein Mädchen mit wogenden Busen unterm Wollpulli auf und sorgte zunächst für Verwirrung, aber vor allem für Begeisterung. Das lag vor allem daran, weil die Figur so gut zu dem Look passte, den sie trug. Heute findet jede Modeinteressierte etwas in den Sortimenten, weil es die eine Mode nicht mehr gibt.

Womöglich war der kräftige Busen bei Trendbestimmerin Miuccia Prada der Startschuss zur neuen Runde der Rundungen? Klassik, Form und Farbe sind jetzt gefragt, das wahre Leben ist zu hart, um sich auch noch an Hüftknochen zu stoßen. Und so brüllt die Sängerin Jessica Simpson geradezu vom Cover des amerikanischen Klatschmagazins „People“: „Don't tell me I'm fat!“ (Sagen Sie nicht, ich sei fett.) Ihre Antwort auf nölende Schlagzeilen über ihre Expansion, was man in den USA „Body Bullying“ nennt. Dazu ist sie in einem allerdings nicht besonders vorteilhaften 80er-Jahre-Outfit abgebildet, das sie draller erscheinen lässt, als sie eigentlich ist. Dabei irritiert eigentlich nur die Botoxladung im Nasalbereich, die ihrem Lächeln eine scharfe Falte verpasst.

In dem Kinofilm „Er steht einfach nicht auf Dich“ hat Scarlett Johansson genau die Figur, die alle wollen: weich, nicht wabbelig. Scarlett taugt zum Vorbild, sie macht den jungen Frauen Mut. Und nicht nur denen. Wenn der Mager-Irrsinn Pause macht, kann auch der Jugendwahn mal ausruhen.