Unterhaltung

Plattdeutsch ist der Knüller dank Dibaba und Müller

Die Sängerin und Kabarettistin Ina Müller und der Moderator Yared Dibaba stehen für intelligente Unterhaltung auf Plattdeutsch. Ihre Sendungen im Fernsehen und ihre Showauftritte haben auch bundesweit immer mehr Zuschauer. Regionale Identität als Quotenbringer heißt der neue Trend.

Foto: Reto Klar

Die Frau ist genauso charmant-kommunikativ, wie man sie aus der NDR-Sendung „Inas Nacht“ kennt. Ist der Gesprächspartner nicht fit, macht Ina Müller, 42, ein Interview fix zur Comedy-Show. Doch Yared Dibaba, 39, ist als Co-Moderator von Bettina Tietjen („Die Tietjen und Dibaba“) starke Frauen an seiner Seite gewöhnt. Souverän lässt er Frau Müller den Vortritt und glänzt in ihrem Schatten. Ein Gespräch über Sprachengewirr, pünktliche Afrikaner und Doppelbeflagger.

Morgenpost Online: Frau Müller, Herr Dibaba, sprechen Sie auch privat Plattdeutsch?

Ina Müller: Ich sogar ganz viel. Gerade habe ich ein dreistündiges Telefonat mit meiner Schwester in Leverkusen geführt. Wir kommen ja vom Bauernhof, es geht um ein Erbe, das wir aber gar nicht haben wollen. Und natürlich haben wir in unserer Muttersprache miteinander geredet. Nur mit den juristischen Floskeln, dem Beamtendeutsch, da haben wir uns ein bisschen schwer getan auf Platt.

Yared Dibaba: Also wenn ich mit meiner Familie telefoniere, ich bin ja von Hause aus Äthiopier, dann in unserer Landessprache Oromo.

Ina Müller: Moment, bevor Du weiter erzählst, wenn ich reinkomme und sage, Moin, Moin, dann sagst Du¿?

Yared Dibaba: Atam!

Ina Müller: Komisches Wort. Atam hört sich für mich nach Attacke an: Atam, Atam! Moin, moin ist viel schöner, runder.

Yared Dibaba: Und? Was willst Du uns damit sagen?

Ina Müller: Dass Moin sich schöner anhört, mehr nicht. Ist Oromo eigentlich eine schwierige Sprache?

Yared Dibaba: Schwieriger als Platt auf jeden Fall, würde ich sagen. Andersherum ist die deutsche Sprache für einen Oromo, so heißt das Volk, aus dem ich stamme, auch ziemlich schwer zu erlernen. Diese Umlaute, ein weiches und scharfes S, das bringt einen echt an die Grenze.

Morgenpost Online: Sie haben das aber geschafft?

Yared Dibaba: Kinder lernen Sprachen spielend. Das war auch bei mir so.

Morgenpost Online: Warum ausgerechnet Plattdeutsch?

Yared Dibaba: Nach unserer Flucht aus Äthiopien vor der Militärdiktatur landeten meine Eltern mit mir in Falkenburg im Landkreis Oldenburg, und dort sprach man Platt. Ich sang sogar im Kinderchor. So einfach und selbstverständlich ist das.

Ina Müller: Die Kombination ist aber auch zu nett: Ein Schwarzer, der im Norden eine Sendung moderiert, die „Die Welt op Platt“ heißt.

Morgenpost Online: Eine schöne Frau, die Plattdeutsch singt und schreibt, bedient auch nicht unbedingt das Klischee der drallen norddeutschen Deern?

Yared Dibaba: Oha, jetzt wird's ernst!

Morgenpost Online: Auffällig bei Ihnen beiden ist, dass Sie ausgerechnet mit einer Sprache Karriere machen, die eigentlich als Karrierekiller gilt. Oder haben Sie andere Erfahrungen gemacht?

Ina Müller: Nicht wirklich. Als ich damals an die Schule im nächsten größeren Ort wechselte, da war es für uns nach Kuhstall stinkenden Dörfler, mit Plattdeutsch geschlagen, nicht wirklich lustig. Das ist kein Vorwurf an meine Eltern, um das gleich zu sagen, denen war es einfach egal, ob ihre Kinder Plattdeutsch oder Hochdeutsch sprachen. Die haben über so etwas gar nicht nachgedacht. Aber für ein Kind ist es schwierig, plötzlich Worte in einer Sprache zu schreiben, die total fremd ist. Ein Albtraum.

Yared Dibaba: Ja, man musste quasi um die Ecke denken.

Ina Müller: Man traut sich nicht, sich zu melden, weil man denkt, du kapierst ja sowieso nichts. Irgendwann geht's dann ja. Aber das war nicht witzig. Ich kann mich an Momente erinnern, in denen ich tief verzweifelt war.

Yared Dibaba: Das war bei mir nicht anders. Für mich war Rechtschreibung der reine Horror. Ich habe sie nie kapiert. Von der ersten Klasse an war ich Legastheniker.

Ina Müller: Du Armer! Und dann mit diesem Sprachengewirr. Das war aber auch ganz schön gemein von Deinen Eltern, Dich überall hinzuschleppen und diesem Sprachen-Babylon auszusetzen. Ich habe irgendwo gelesen, Du hast eine Zeit lang auch in Kenia gelebt, als ihr auf der Flucht wart, und kannst sogar Suaheli sprechen?

Yared Dibaba: Wie gesagt, für Kinder ist Lernen leicht. Ich habe das sogar genossen, fand es immer cool, etwas Neues zu lernen. Als ich 1979 in die vierte Klasse kam, da sprach ich vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Oromo und Amharisch. Hat aber auch nicht geholfen. Im Gegenteil. Wenn es um Diktate oder Aufsätze ging, wurde bei mir immer die volle Punktzahl abgezogen. Bis zum Abi fehlten mir in jedem Fach, wo es auf Rechtschreibung ankommt, zwei Punkte. Ungerecht, oder?

Ina Müller: Und wie. Konnte Dir denn niemand helfen?

Yared Dibaba: Ich hatte natürlich Nachhilfe, und meine Mutter hat sich abgemüht, aber es war schwierig.

Morgenpost Online: Es kam ja viel bei Ihnen zusammen: Plattdeutsch-Sprecher, Legastheniker und Schwarzer. Gab es keine Diskriminierung auf dem Dorf?

Yared Dibaba: Im Gegenteil. Die waren von Anfang an total nett zu uns. Ich erinnere mich an eine Szene, nachdem wir wenige Tage da waren. Zwei kleine Mädchen kamen zu uns, jede hatte zehn Pfennig in der Hand. Das Geld wollten sie uns schenken. Sie dachten, die kommen ja aus Äthiopien und da gibt es nichts zu essen!

Morgenpost Online: Und Sie hatten wirklich nie ein Problem wegen Ihrer Hautfarbe?

Yared Dibaba: Später dann, als ich auf die weiterführende Schule in einem größeren Ort ging, da gab es ab und zu was auf die Nase. Na, du Neger, hieß es dann. Aber da auch andere mal verprügelt wurden, habe ich das nicht so ernst genommen. Erst als ich eine Lehrstelle suchte, da gab es natürlich mehr Absagen als bei den anderen.

Ina Müller: Hast du auch was Richtiges fürs Leben gelernt? Ich bin ja pharmazeutisch-technische Assistentin.

Yared Dibaba: Na klar. Ich bin Groß- und Außenhandelskaufmann. Dazu fällt mir etwas Lustiges ein. Mich hat mal einer bei einem Vorstellungsgespräch gefragt, wie sieht es denn bei Ihnen so mit der Pünktlichkeit aus? Wieso, habe ich naiv zurückgefragt? Na, ihr in Afrika habt es doch nicht so mit den deutschen Tugenden, sagte er darauf.

Ina Müller: Und, hast Du ihm eine auf die Nuss gehauen?

Yared Dibaba: Das habe ich mich damals nicht getraut. Außerdem wollte ich unbedingt eine Lehrstelle. Also habe ich gesagt, klar bin ich pünktlich. Heute ist das kein Problem mehr. Wir leben in Hamburg, ich liebe den Norden und es geht mir gut.

Morgenpost Online: Sprechen Sie zu Hause Plattdeutsch?

Yared Dibaba: In Hamburg macht das kaum noch jemand. Außerdem ist meine Frau Portugiesin, mein ältester Sohn kommt auf eine deutsche Schule, und wenn ich meine Leute treffe, dann sprechen wir Oromo. Plattdeutsch brauche ich tatsächlich fast nur noch fürs Fernsehen. Aber Du träumst doch wahrscheinlich sogar auf Platt, oder, Ina?

Ina Müller: Stimmt. Vor allem aber denke ich auf Platt. Ich bin schließlich eine Frau.

Yared Dibaba: Wie konnte ich vergessen: Ich denke nicht, also bin ich Mann. Danke für den Hinweis.

Während Ina Müller und Yared Dibaba noch über ihre Frotzeleien lachen, bringt die Kellnerin heißes Wasser für den Moderator („Ist gut für das innere Gleichgewicht“) und einen Milchkaffee für die Sängerin („Mmhhh, lecker!“). Das nehmen beide zum Anlass, sich über gesunde Ernährung (Dibaba) und das genaue Gegenteil (Müller) auszutauschen. Heraus kommt als Spezifizierung: Yared Dibaba isst und trinkt genauso ausgewogen, wie er als Mensch erscheint. Ina Müller hingegen liebt offensichtlich die Extreme. „Ich kann nur ganz oder gar nicht“, sagt sie.

Morgenpost Online: Wir waren beim Plattdeutsch und wer es wann wo spricht.

Ina Müller: Also ich brauche meine Muttersprache wie die Luft zum Atmen. Vor allem aber schimpfe ich am liebsten auf Platt. Das ist auch praktisch. Kürzlich war ich auf dem Flughafen in Stuttgart. Da hat mich irgend so ein Knut Wichtig mit seinem Pilotenkoffer – fast alle Männer haben neuerdings so ein Ding – einfach umgerempelt und sich noch nicht einmal entschuldigt. Dem habe ich aber was erzählt! Er hat zwar nichts verstanden, aber am Tonfall gemerkt, worum es ging.

Morgenpost Online: Und? Hat er Sie erkannt und sich entschuldigt?

Ina Müller: Ich war bei den Schwaben! Da kennt mich doch niemand.

Morgenpost Online: Sind Dialekte im Kommen?

Ina Müller: Plattdeutsch ist kein Dialekt, sondern eine Sprache. Die zweite Lautverschiebung und so.

Morgenpost Online: Sorry.

Ina Müller: Ich war kürzlich in Bayern. Und da ist es mir auch aufgefallen. Junge Mädchen singen im breitesten Bayrisch moderne Songs. Also, wenn das jetzt um sich greift, ziehe ich mich eine Zeit lang zurück. Ich singe nicht Plattdeutsch aus Idealismus oder weil es gerade in ist. Ich singe in meiner Muttersprache, weil es sich so ergeben hat.

Morgenpost Online: Zur Rettung des Niederdeutschen forderte die Bremer CDU kürzlich eine jährliche Debatte „op Platt“. Ist die Hinwendung zum Plattdeutschen ein Teil der Wiederentdeckung der Werte in dieser Gesellschaft?

Ina Müller: Ich glaube eher, dass es momentan kultig ist, Kult zu betreiben. Nehmen Sie als Beispiel den FC St.Pauli. Deren T-Shirts mit den Totenköpfen sind sogar in Dänemark ein Hit. Oder nehmen Sie die Band Fettes Brot. Die sind in ihrer Altersklasse genauso Kult wie es die Comic-Figur Werner Beinhart für Ältere ist. Und auch Plattdeutsch gehört in diese Kategorie. Das zeigt der Zuspruch, den unsere Sendungen haben. Das hat einen eigenen Drive gekriegt. Vielleicht auch, weil es mit uns jugendlicher, moderner wirkt. Sogar das Ohnsorg-Theater traut sich inzwischen an modernere Stücke.

Yared Dibaba: In den USA ist das nicht anders. Ob HipHop von der West- oder Eastcoast kommt, ist wichtig. Die Leute wollen, dass ihre Fans das raushören, dass sie wissen, woher sie kommen. Es ist vielleicht auch eine Frage der Identität.

Morgenpost Online: Der globalisierte Mensch auf der Suche nach einer Heimat oder einer Abgrenzung?

Yared Dibaba: So hoch würde ich das nicht hängen. Vielleicht ist es auch nur ganz schlicht ein Trend, mit dem sich gut Geld verdienen lässt.

Ina Müller: Ich will jedenfalls keine Tradition hoch halten. Ich will auch kein Regionalbewusstsein oder sonst ein Bewusstsein schüren und vor allem will ich nicht missionieren. Es ist, wie es ist. Fertig.

Morgenpost Online: Aber Sie jubeln schon mit, wenn Deutschland vielleicht Europameister wird, oder?

Ina Müller: Ich gucke wahnsinnig gern Fußball. Und natürlich werde ich außer mir sein, wenn Poldi und Schweini gewinnen. Aber, und das ist mir wichtig, ich hänge mir keine Fahnen ans Auto. Und schon gar nicht als Doppelbeflaggung. Dieser wieder erwachte Nationalstolz in den vergangenen Wochen macht mir eher Angst.

Yared Dibaba: Also mein Sohn hat sich auch eine Flagge gewünscht.

Ina Müller: Aber du hast ihm doch nicht etwa eine gekauft?!

Yared Dibaba: Nein. Aber nicht, weil ich es zu nationalistisch fand, sondern weil es schwierig war. Erst hielt er für Frankreich, weil dort sein Held Makelele spielt.

Morgenpost Online: Und der sieht aus wie der Papa.

Yared Dibaba: Genau. Dann konnte er sich nicht zwischen Portugal und Deutschland entscheiden, weil seine Mama aus Portugal ist und er andererseits Ballack auch ganz toll findet. Na ja, und irgendwann lohnte es sich nicht mehr.

Ina Müller: Bin ich froh, keine Kinder zu haben. Womöglich müsste ich dann auch irgendwann mit so einer blöden Fahne rumfahren.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.