Yared Dibaba

Der Mann, der in Eva Hermans Fußstapfen tritt

Heute Abend moderiert Yared Dibaba, 37, zum ersten Mal zusammen mit Bettina Tietjen – und beerbt damit Eva Herman. Der gebürtige Äthiopier, der seit 2006 die NDR-Sendung "Welt op Platt" moderiert, spricht fließend Plattdeutsch und wehrt sich gegen das Etikett "Exot".

Foto: ps sab / DPA

Morgenpost Online: Herr Dibaba, sollen Sie dem braven Talk mit Tietjen nach dem Rauswurf Ihrer Vorgängerin zu mehr Weltläufigkeit verhelfen?

Yared Dibaba: Ich muss Sie korrigieren, von Geburt her bin ich zwar Oromo, von meiner Staatsangehörigkeit her aber Deutscher. Soviel zum Thema Exotik. Ich bin kein Paradiesvogel, ich bin im Oldenburger Land groß geworden. Ein leidenschaftlicher Norddeutscher.

Morgenpost Online: Sie sind 1979 als Zehnjähriger vor dem Bürgerkrieg in Äthiopien mit ihrer Familie in die BRD geflüchtet. Was gefällt Ihnen am Norden?


Dibaba: Es mag vielleicht albern klingen, aber ich liebe diese platte Gegend, wo man schön weit gucken kann, und alles, was man sieht, sind Kühe. Das hat so etwas Friedliches.


Morgenpost Online: Die Menschen starren Sie nicht entgeistert an, wenn Ihnen heute ein dunkelhäutiger Mann gegenübersitzt, der mit Ihnen platt schnackt?


Dibaba: Sie werden lachen, wenn ich mit Julia Westlake für die „Welt op Platt“ in anderen Ländern unterwegs bin, ist es das Normalste der Welt. Im ersten Moment sind die Menschen zwar überrascht. Aber dann freuen sie sich, dass ein Fernsehteam aus Deutschland angereist ist und sich für sie interessiert. Allerdings handelt es sich dabei um Leute, die selber vor Jahren ins Ausland gezogen sind. Mit anderen Kulturen sind die schon vertraut.

Morgenpost Online: Aber hierzulande sieht das anders aus?

Dibaba: Ja, wenn es den typischen Norddeutschen gibt, dann bleibt er in der Heimat. Er verlässt sie nur, um in den Urlaub zu fahren – und das auch nur in der Nähe.

Morgenpost Online: Sind Sie nach dem Abitur Schauspieler geworden, weil Sie gewohnt waren, auf der Straße aufzufallen?

Dibaba: Nein, erstmal habe ich ja einen anständigen Beruf gelernt – als Groß- und Außenhandelskaufmann in einer Kaffeerösterei. Zufällig bin ich dann aber mit einem Schulfreund zusammengezogen, der eine Schauspielschule besuchte. Und dann fiel mir wieder ein, dass ich schon als 16-Jähriger davon geträumt hatte, das mal zu lernen. Ich habe damals in einer Band Percussions gespielt und mit der Musikschule Musicals aufgeführt. Ich habe in dieser Zeit auch viel ferngesehen. Am liebsten „Fame“, diese TV-Serie über junge Tänzer.

Morgenpost Online: Ihre erste große Rolle?

Dibaba: 1999 durfte ich eine Episodenhauptrolle als Taxifahrer Tom am Hamburger Ohnsorg-Theater spielen. In der Episode kehrte Heidi Kabel aus dem Afrika-Urlaub zurück, ich war ihr Taxifahrer. Auf dem Weg vom Flughafen kam sie auf die Idee, mich in eine Gardine einzuhüllen und ihrer Familie zu erzählen, ich sei ein Mitbringsel aus der Dritten Welt.

Morgenpost Online: Hat Sie das nicht geärgert, dieses Klischee auch noch bedienen zu müssen?

Dibaba: Ja und nein. Die Rolle hatte auch etwas Komisches. Unsere Dialoge klangen ungefähr so: „Mensch, du sprichst ja gut deutsch.“ „Mensch, du ja auch.“

Morgenpost Online: War Heidi Kabel im richtigen Leben schon einmal in Afrika?

Dibaba: Ich habe sie nicht danach gefragt. Es war mir eine Ehre, mit ihr zu spielen. Wir haben zu Hause immer die Ohnsorgs im Fernsehen geguckt. Jetzt durfte sich sogar mit ihr zusammen arbeiten.

Morgenpost Online: Wie sind Sie eigentlich zur plattdeutschen Sprache gekommen?

Dibaba: Och, ich habe als Kind schon im plattdeutschen Kinderchor gesungen und bei plattdüütschen Lesewettbewerben mitgemacht. Plattdüütsch, dat is een Spraach, dat kommt von Herzen. Ich kann Dinge auf Platt sagen, die gehen mir im Hochdeutschen nicht so leicht über die Lippen. Dumm Tüch. Aber auch was Ernstes.

Morgenpost Online: Aber bei der Bewerbung um den Moderatorenjob bei der „Welt op Platt“ war die Hautfarbe ausschlaggebend?

Dibaba: Sagen wir es so: Wir haben alle Erwartungen gebrochen, die zu brechen waren. Wahrscheinlich kann ich mich als zugewanderter Deutscher aber auch gut in Menschen hineinversetzen, die in der Fremde noch einmal von vorne beginnen.

Morgenpost Online: Als Nachfolger von Eva Herman treten Sie ein schweres Erbe an. Wie kam der NDR gerade auf Sie?

Dibaba: Ich bin selber überrascht, es gab viele Bewerber. Erst drei Wochen vor der Neubesetzung bei Herman & Tietjen hatte ich zusammen mit Julia Westlake einen Piloten für eine neue Talkshow gedreht. Dass Jörg Pilawa gehen wollte, stand ja schon länger fest. Als sich das Personalkarussell dann plötzlich zu drehen begann, hat sich der NDR wohl an mich erinnert.

Morgenpost Online: Ihre Vorgängerin hat sich nebenbei als Autorin einen Namen gemacht. Arbeiten Sie schon an dem „Yared-Prinzip“?

Dibaba: (lacht). Da haben Sie mir aber was in den Mund gelegt. Ich sag jetzt lieber nichts dazu. Dabei würde es mich schon reizen, meine Reiseerlebnisse zu Papier zu bringen. Aber einen Titel habe ich mir dafür noch nicht überlegt.

"Talk mit Tietjen" läuft heute Abend um 22 Uhr im NDR.