Kunst

Georg Baselitz und der getupfte Lenin

Erstmals in Deutschland zeigen die Hamburger Deichtorhallen weitgehend unbekannte Werke des großen Malers. Georg Baselitz hat die Motive der politisch verordneten Kunst seiner DDR-Jugendzeit neu umgesetzt: Vor lauter Revolutionskitsch steht sogar Lenin Kopf.

Foto: dpa

Lenin steht Kopf. Hängt kopfüber, wie bei Georg Baselitz üblich. Es ist das Bild eines Toten als Redner, als den ihn Alexander Gerasimow 1929 so voller Elan und mit diesem lächerlichen heiligenscheinähnlichen Hintergrund malte.

Lenin ist eines der Motive in Georg Baselitz’ „Russenbilder“ genannter Gemäldeserie, die jetzt in den Hamburger Deichtorhallen erstmals in Deutschland zu sehen ist. Lediglich das Kunstmuseum in Saint Étienne und das Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst in Seoul/Korea haben die Bilder zuvor schon gezeigt.

Erinnerungen an das Kolchosenleben

Wie immer bei Baselitz-Ausstellungen, ist auch diese biografisch und gleichzeitig ein punktgenaues Dokument deutscher Befindlichkeit. In diesem Fall vor allem ostdeutscher Befindlichkeit. Denn der fast 70jährige Maler (seinen Geburtstag feiert er am 23. Januar) erinnert sich mit dieser großen, zwischen 1998 und 2002 entstanden Bilder-Serie seiner Jugendzeit, in der gemalter, sowjetischer Revolutionskitsch und Szenen aus dem Kolchosenleben zum verordneten Bildungskanon gehörten.

Bei Baselitz hat dieses Erinnern allerdings weder mit Nostalgie noch mit Wut zu tun. Seine „Russenbilder“ sind eher traurig-melancholische Etüden zu einem allzu lange übermächtigen, die Kunst und das Leben bedrängenden Thema.

„Sie (die Ausstellung; Anm. d. Red.) wirft die Frage der Einheit von Thema und Ideengehalt ebenso auf, wie die der Gestaltung einer den fortschrittlichen Inhalten und bewegenden Themen unserer Zeit gemäßen schöpferischen Form. Sie trägt in hohem Maße zur Erkenntnis der richtigen Lösung eines eigenen nationalen Kunstschaffens bei“, schrieb DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl 1953 anlässlich der Ausstellung „Sowjetische und vorrevolutionäre russische Kunst – Malerei, Grafik“ in den Katalog.

Überwiegend unbekannte Baselitz-Bilder

Eine solche Verlautbarung war keine Feststellung und keine Aufforderung, sondern ein Befehl und aus heutiger Sicht das Todesurteil der DDR-Kunst. Nach dieser Ausstellung fanden die Bilder von „Lenin auf der Tribüne“, von Kolchosbäuerinnen und siegreichen Soldaten massenhafte Verbreitung, so dass sie jedes Kind kannte und sich ihrer – wie Baselitz – bis heute zwangsläufig erinnert.

Während die Royal Academy in London den deutschen Maler Georg Baselitz momentan erstmals mit einer Retrospektive ehrt und all das vor- und ausstellt, was Baselitz zu einem der wichtigsten zeitgenössischen Maler gemacht hat, zeigen die Deichtorhallen in Hamburg einen noch weitgehend unbekannten Baselitz, den Baselitz der „Remix“-Bilder, jener Serie noch einmal gemalter Bilder wie „Die große Nacht im Eimer“ oder „Die großen Freunde“.

Diese sind die direkten Nachfolger der „Russenbilder" und über die Carla Schulz-Hoffmann, Leiterin der Pinakothek der Moderne in München, anlässlich der Erst-Ausstellung im vergangenen Jahr so treffend schrieb: „Die Remix-Bilder sind eine selbstverständliche Synthese von Gegenständlichkeit und Abstraktion, von präzise durchdachtem Konzept und spontanem Ausdruck.“ Diese Beschreibung trifft auch auf die „Russenbilder“ zu.


Zwischen Realismus und Pop Art


Die sind hingetupft, mit wenigen, dünnen, Zeichenstrichen umrissen, von ihrem Bildzusammenhang isoliert und manchmal mit einem gemalten Ornamentrahmen umgeben und zeigen überraschenderweise nichts von einer Wut auf diese Propagandaschinken. Baselitz hat Erinnerungsbilder gemalt, die oft flüchtig, in den Konturen verwischt, schattenhaft, ungreifbar wirken.

Das liegt einerseits an den pointilistisch aufgelösten Figuren und Hintergründen, den flüchtig hingehauchten Körperumrissen und andererseits an der Fragmentierung des Bildzusammenhangs bis zur Nicht-Wiedererkennbarkeit der Vorlagen, die durch das Auf-den-Kopf-Stellen oder Auf-die-Seite-Legen der Bilder noch betont wird.

„Die Bejahung und Rückgewinnung der Malerei aus der unterkühlten Welt des Sozialistischen Realismus oder anderer neoakademischer Stile ist denn auch ein untergründiges Thema der Russenbilder“, meint Deichtorhallenchef Robert Fleck. Dazu tragen auch die schwarzen Flächen mit den exakt umrissenen weißen Punkten bei, die wie ein Geschwür die Bilder hinauf kriechen, sie anknabbern und der Pop Art annähern. Witz und Tod sind nie weit entfernt.

Das Sichtbare verbirgt das Wesentliche


Dem „Lenin auf der Tribüne“ hat Georg Baselitz alles drängende, kraftvoll nach vorn stürmende genommen. Die Hände scheinen eher den eigenen Körper zu schützen als eine mitreißende Rede zu unterstreichen. Die bei Gerasimov expressiv bewegte rote Fahne am Bildrand ist bei Baselitz etwas Auflodernd-Bedrohlich-Verzehrendes.

Doch das Eindrucksvollste ist der Kopf. Im Original ein fast liebliches Porträt mit zum Wort geöffnetem Mund, hat Baselitz eine wächserne Maske mit geschlossenen Augen gemalt, die an das Gruselkabinett des Moskauer Mausoleums erinnert. „Sein Leninbild kann auf die schwere Krankheit des Sowjetführers im letzten Lebensjahr bezogen werden, die es Stalin erlaubte, noch vor Lenins Tod am 21.1. 1924 die Macht an sich zu reißen“, schreibt Fleck im Katalog. Fast ist man versucht, Mitleid zu haben.

„Niemals aber hat das Naturstudium oder das Schönschreiben wirklich neue Ergebnisse gebracht. Ich glaube nicht, dass man durch besseres Hinsehen noch bessere Bilder malen kann als die, die es schon gibt. Darin liegt nicht das Problem der Malerei. Für mich ist das Sichtbare nur eine Haut“, sagte Georg Baselitz 2001, also mitten in der Arbeit an den „Russenbildern“. Die Hamburger Ausstellung ist beeindruckender Beweis dieser Erkenntnis.

Hamburg, Deichtorhallen, bis 3. Februar, Katalog: 39 Euro