So fühlt sich das also an: Nach drei Stunden Musical-Castingshows hockt man da mit einer eigentümlichen Mischung aus tiefer Müdigkeit, Sehnsucht nach fünf Titeln von AC/DC und einer überraschenden Erkenntnis à la „Guck mal an, das hätte ich nicht gedacht“. Aber der Reihe nach.
Sat.1 hat natürlich beim Bühnenbild alles aufgefahren, von den Lichteffekten bis zu verschiebbaren und drehbaren Riesenleinwänden für Projektionen. Thomas Gottschalk moderiert im ZDF vor einer recht übersichtlichen Kulisse: ein rotes Sofa, eine Showtreppe, das Orchester irgendwo oben. Der Pomp beim Tarzan-und-Jane-Musical ist zwar schick, und selbstverständlich signalisiert das bei den Moderationen und bei der Abstimmung leuchtende Grün den Dschungel, aber es nervt auf Dauer und wirkt, als würde jeden Moment ein mächtig wütender, kreischgrüner Hulk um die Ecke biegen.
Die ungleich ruhigere Kulisse im ZDF – nur das Nötigste umrahmt den Auftritt des Sängers – hat einen nicht unwichtigen Vorteil: Man kann sich mehr auf den Interpreten konzentrieren, auf seine oder ihre Leistung, auf die Stimme, die Gestik.
Bei „Ich Tarzan, du Jane“ kennt man spätestens nach Auftritt Nummer 3 die „Hilfsmittel“ der Interpreten: kurzes Röckchen oder Flatterkleidchen bei den Damen, die Herren arbeiten gern mit bis zum Sixpack aufgeknöpften Hemd. Dabei boten die Damen und Herren durchaus solide Leistungen und haben zum Teil tolle Stimmen. Kurz: Nett, tut nicht weh, konnte man zum Abendessen nebenbei mal mitnehmen. Beim „Musical Showstar 2008“ hingegen hatte man Lust hinzusehen, zu lauschen. Es traten sensationelle Sänger auf, deren Stimmen und Persönlichkeiten berührten.
Bei „Ich Tarzan, du Jane“ gelang dies zumindest am Freitag Abend nur zwei Teilnehmern, die als letztes Duo auftraten: Anton und Ina waren herrlich fröhlich, hatten Spaß am Singen, setzten ihre wunderbaren Stimmen gekonnt ein, sie rockten, fetzten, tanzten. Anton sprang wie weiland David Lee Jones im Video von „Jump“ im breiten Spagat von der Bühne in den Zuschauerbereich. Es wirkte, als hätte er einen Mordsspaß daran – ob es so war, ist dem Zuschauer egal, es soll ihm aber so vorkommen. Gelungen. Wunderbar, das macht Spaß, das ist ehrlich, echt. Mit den Worten des Gastjurors Dirk Bach, wie immer ein Gewinn für jede Sendung: „Ich bin enthusiasmiert!“ Leider passierte das dem Zuschauer nur ein einziges Mal.
Diese Show hält niemanden davon ab, ins Bett zu gehen
Nun ist es ja nicht so, dass der Zuschauer ständig ergriffen oder völlig aus dem Häuschen sein muss vor Enthusiasmus. Aber gut unterhalten werden heißt: eigentlich schläfrig auf dem Sofa zu hängen, das Bett schon anpeilen, aber doch nichts verpassen wollen von der Sendung, die gerade läuft. Ähnlich war es mit dem Finale von „Musical Showstar 2008“. Dass George Hamilton (vor sehr langer Zeit mal ein recht bekannter Schauspieler) als Gast bei Gottschalk auf dem Sofa saß, wirkte schon sehr skurril. Wer hatte sich denn das ausgedacht? Aber aus dem ersten Gedanken „Was soll der denn da?“ wurde im Laufe der Sendung ein „Och, ist doch ganz nett“.
Der zweite Sofa-Gast des Abends war Tenor Rolando Villazón. Gottschalk deutete an, dass der Opernstar während der Proben der Finalisten immer dabei war, mit ihnen gearbeitet hat. Villazón selbst gab an, viel von den „Anfängern“ gelernt zu haben. Es wäre durchaus spannend gewesen, was genau er da gelernt hat, wie die Zusammenarbeit überhaupt aussah. Ein Blick hinter die Kulissen macht dem Zuschauer immer Spaß. Aber zuviel Geplauder sollte wohl nicht sein. Schade.
Was allerdings bei Moderator Thomas Gottschalk ebenso positiv auffiel wie bei Kollege Hugo Egon Balder in „Ich Tarzan, du Jane“: Sie machten beide nicht viel Federlesens, wenn es darum ging, den Teilnehmern mitzuteilen, ob sie ausgeschieden sind oder weiter dabei. Künstlich die Spannung weiter anzuheizen ist nichts für Moderatoren dieser Klasse.
Aus einer Schrecksekunde wurde einer der stärksten Momente
Ein großer Moment des Abends waren ausgerechnet die Schrecksekunden der Sängerin Franziska Forster. Sie lief singend die Showtreppe hinab, wollte ihren Mantel kunstvoll ausziehen, doch der linke Ärmel wehrte sich. Alles nicht ganz so lasziv wie geplant, und dann stolperte die junge Frau mit der gigantischen Stimme auch noch, plumpste die letzten Stufen hinab und landete unsanft auf dem Hosenboden. Unschöne Szene, das sieht ungeschickt aus, versaue ich mir damit nun alle Chancen auf den Titel „Musical Showstar 2008“? Nichts da, Franziska Forster sang unbeirrt weiter, robbte auf den Knien, tat so, als gehörte dieser Moment irgendwie zu dem Lied „Vielleicht diesmal“ aus „Cabaret“. Sie stand auf, die Stimme in jeder Sekunde im Griff, und brachte das Lied zum Schluss. Tosender Applaus.
Was da passiert ist, dürfte für denjenigen, der da auf der Bühne steht, ein gruseliger Augenblick sein, für den Zuschauer sind dies die würzigen Fernsehmomente. Da passiert etwas live, etwas Unvorhergesehenes, etwas, das man nicht herausschneiden kann. Etwas, das nicht durchgeplant ist und nicht perfekt inszeniert. Das ist authentisch. Der Zuschauer sitzt gebannt am Fernseher und will erleben, wie derjenige aufsteht, weitermacht. Er feuert den Sänger innerlich an. Lass Dich nicht beirren, mach weiter! Ist nicht so schlimm! The show must go on. Respekt, Frau Forster!
Und sie wäre es beinah geworden, der „Musical Showstar 2008“. Doch vor ihr lag noch Anna-Maria Schmidt. Eine nicht minder hervorragende Sängerin, der man den Gewinn dieses Castings ebenso von Herzen gönnt wie die damit verbundene Hauptrolle in „Starlight Express“ in Bochum. Aber, wie Jurorin Katja Ebstein eigentlich völlig zu recht bemerkte: Franziska Forster spielt mit ihrer Stimme und ihrer Präsenz in einer ganz anderen Liga.
Endlich mal keiner der üblichen Casting-Fiffis
Die Finalisten waren allesamt großartig, man wollte sie alle hören, sehen, erleben. Wunderbar Alexander Herzog, der eben nicht ist wie all die anderen Casting-Fiffis, immer stylish und schööööööön. Der Mann überzeugte durch seine Art, seinen starken Willen, den Glauben an sich selbst, durch eine so erfrischende Fröhlichkeit und selbstverständlich durch eine phantastische Stimme. Es gab Menschen, die lästerten, er habe immer seine Mutter im Schlepptau und gehe einem auf die Nerven mit seiner ewig guten Laune.
Falsch: Schlecht gelaunte Menschen gibt es genug, diejenigen, die immer nölen und nie zufrieden sind. Es tat so gut, jemanden zu erleben, der – zumindest oberflächlich als Zuschauer dieser Sendung erlebt – an sich glaubt und guter Dinge ist. Wie weit ist es gekommen, wenn gute Laune nervt. Dennoch, es war doch überraschend, dass Alexander Herzog den hübschen und stimmlich enorm beeindruckenden Marcel Brauneis aus dem Rennen schlug. Man hätte doch eher gedacht, dass die Zuschauer zwischen ihm und dem späteren Gewinner, Kevin Köhler, entscheiden würden.
Noch ein letzter Clou, der mit den bislang beschriebenen Momenten zu der eingangs erwähnten Erkenntnis „Sieh mal an, das hätte ich nicht gedacht“ führten: Der Zuschauer fragte sich schon vergnügt, wie ein öffentlich-rechtlicher Sender wie das ZDF es wohl drehen würde, dass die Telefonabstimmung über die Zuschauer ausreichend Zeit bekäme – ohne Werbepause, die den Privaten wie Sat.1 Luft verschafft.
Always look on the bright side of life
Bislang war es dann mal Ute Lemper oder Helen Schneider, die neben ihrem Job als Stargast auf dem Sofa bei Gottschalk auch noch ein Lied zum Besten gaben. Dieses Mal trat Rolando Villazón auf – einmal ohne, dann mit Thomas Gottschalk. Es driftete hie und da schon sehr in den Klamauk ab, als die beiden sich als König und Knappe verkleideten und dann „Always look on the bright side of life“ intonierten, um laut Gottschalk zu zeigen, was die Finalisten da auf der Bühne eigentlich leisteten. Wäre nicht nötig gewesen, das kann man sich auch so vorstellen – der Auftritt des Duos Gottschalk/Villazón war einfach nette Unterhaltung, ein wenig albern, ein wenig drollig. Aber man schmunzelte.
Und ist es nicht letztlich das, was Show leisten soll? Ja, das ZDF gestaltete alles ein wenig behäbiger, vielleicht „staubiger“, nicht poppig oder hip. Aber unterhaltsamer, fröhlicher, eindrucksvoller. Und genau damit wurde es eine bessere Casting-Show. Trotzdem, drei Stunden hingebungsvoller Pop-Songs oder Musical-Balladen sind genug. Wo liegt denn bloß die CD von AC/DC?




