Für einen, der sich besser mit Tränen als mit Brackwasser auskennt, ist die Ostsee ein verdammt gefährliches Gewässer. So einen wünscht man sich nicht zum Kapitän. So ein Meer ist schließlich keine Pfütze, es bedarf einiger Navigationskunst, um einen Dampfer sicher an deutlich größeren Pötten vorbeizulotsen.
So gesehen mutete es fast todesmutig an, dass die ARD mit Maxi Arland am Samstagabend einen blonden Bub aus Bayern mit einem museumsreifen Schlepper auf das offene Meer hinausschickte, zu einer musikalischen Reise von Flensburg nach Greifswald. Dieses Experiment, im Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) bereits mehrfach auf kleineren Binnengewässern erprobt, nennt sich „Musikantendampfer.“
Auf diesem Dampfer lasten hohe Erwartungen. Er könnte so etwas wie ein Rettungsboot werden. Um die Volksmusik im Fernsehen steht es nicht gut. Über der ARD und dem ZDF, den letzten Inseln der Schunkelwelt, sind dunkle Wolken aufgezogen. Insider sprechen bereits von einer Schlagerdämmerung.
Die Volksmusik krankt, und dem Schlager geht es auch schon ganz schlecht
Reihenweise sind in den vergangenen Monaten die Köpfe gerollt. Obwohl die ARD im „Musikantenstadl“ Käpt’n Karl Moik gegen Andy Borg ausgewechselt hat, sinken die Quoten weiter. Der Kahn, um im Bild zu bleiben, droht auf Grund zu laufen. Marianne & Michael, die lustigen Musikanten, sollen kurz vor dem Rausschmiss stehen. Und am Ende dieses Jahres schickt das ZDF eines der letzten Urgesteine des Schlagers mit 70 Jahren in den Ruhestand: Dieter Thomas Heck.
Offenbar haben immer weniger Menschen Lust, sich in vermuffte Hallen mit barocker Alpenpanoramakulisse zu zappen, um sich – holla, die Waldfee – mit Hansi Hinterseer oder den Wildecker Herzbuben die Langeweile am Samstagabend zu zerstreuen. Für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist das ein schwerer Schlag. Schmerzhaft müssen sich die Sender eingestehen, dass sie ihr Publikum all die Jahre unterschätzt haben.
Dabei erlebt der Schlager gerade wieder einmal einen Boom, doch irgendwie haben es bislang weder ARD noch ZDF geschafft, ihm eine zeitgemäße Plattform zu verschaffen. Offenbar ist man bei den Sendern davon ausgegangen, dass der durchschnittliche Hansi-Hinterseer-Fan schon 82 ist, im Seniorenheim vor sich hindämmert und vor Freude beinahe einen Herzkasper bekommt, wenn er, joa mei, auf dem Plasmaschirm plötzlich die verschwommenen Umrisse von Carrrolin Rrreiber entdeckt. Oder ist es doch Marietta Slomka? Egal.
Gabi Baginsky, Lena Valaitis, Heino - ist das ein Tapetenwechsel?
Mit dem Musikantendampfer hinaus aufs offene Meer ist die ARD jetzt in die Offensive gegangen: Belebte Strände mit knutschenden Pärchen statt vermuffte Hallen mit Alpen aus Pappe. Badenixen statt Schunkelzombies. Guldenburgsche Schlösser statt Bierzelte. Das Auge isst auch mit. Man muss den Zuschauern schon was bieten. Ein bloßer Tapetenwechsel alleine genügt nicht.
Und so erlebte das Publikum, wie Gabi Baginsky – ja, die lebt auch noch – am Strand des Ostseebades Rerik in voller Montur, aber umzingelt von leichtbekleideten Grazien, dem Itsy-Bitsy-Teenie-Weenie-Honululu-Strandbikini huldigte. Wie Lena Valaitis vor einer sehr alten Kirche in Bad Doberan eine deutsche Version von Art Garfunkels „Sound of Silence“ sang. Oder wie der King of Volksmusik, Heino, vor einem Gutshof in Lemkendorf playback, aber voller Inbrunst die Hymne der Schlafwandler schmetterte: „Der Mond ist aufgegangen.“
Fazit: Seiner eigenen Oma kann man diese musikalische Butterfahrt empfehlen – für den Fall, dass sie sich für den Samstagabend nicht zum Bridgespielen verabredet oder sonst etwas Besseres vor hat. Einen ausgeprägten Sinn für Situationskomik braucht sie allerdings auch. Der Maxi steuerte den ARD-Musikantendampfer zwar nicht persönlich. Die Szene, in der er den Schlepper „Anna“ beinahe gegen den Wand eines Kreuzschiffes gefahren hatte, hatte das Filmteam an einem Schiffführungssimulator gedreht. Doch sonst ließ er kaum einen Fettnapf aus.
Als Moderator ein wiedergeborener Roy Black
Charmant, wie er ist, werden ihm die Großmütter das aber verzeihen. Maxie Arland sieht aus wie ein jüngerer Bruder des holländischen Kronprinzen Willem Alexander, ist aber Schlagersänger. Sogar ein überaus erfolgreicher. 1994 gewann er mit seinem Vater Henry und seinem Bruder Hansi in Zürch den „Grand Prix der Volksmusik“. Gerade hat er eine Schallplatte mit Roy-Black-Schlagern aufgenommen, und wenn sich der Maxi die Haare dunkel färben würde, könnte man auf die Idee kommen, Roy Black sei gar nicht tot, er dufte nur merkwürdig.
Als Moderator und Käpt’n muss „die Sprotte“ (Maxi über Maxi) jedoch noch lernen, wie man das Schiff schaukelt, ohne dass die Passagiere vor lauter Gefloskel seekrank werden. Die Stadt Flensburg etwa reduzierte er auf die „3 P’s“: „P wie Pilsner, P wie Punkte – und P wie, na, Sie wissen ja. Der Beate-Uhse-Kram. Ich sag mal: Erotik.“ Und die Frau Oberstleutnant am Schiffführungssimulator verstörte er nachhaltig mit der Frage: „Bringen Frauen an Bord Unglück?“
Einem wie Heino wäre das vermutlich nicht passiert. Der Mann ist cool, und er hat Humor. Und vielleicht sollten sie bei der ARD überlegen, künftig ihm das Steuer ihres Dampfers zu übergeben. Dann müsste sie zwischen ihren Bildern von der Ostsee nicht exotische Tiere wie einen gähnenden Löwen verstecken, um die Zuschauer zu motivieren, bis zum Ende durchzuhalten, damit sie die Preisfrage beantworten konnten, um eine Reise an die Schlei zu gewinnen. Dieser Heino nämlich kann Berge, bzw. Inseln versetzen. Grinsend erklärte er dem staunenden Moderator, bei seinem ersten Auftritt in Heiligenhafen habe er das Wasser zum Kochen gebracht: „Ich habe aus der Halbinsel eine ganze gemacht.“ Und als ihn der Maxi ungläubig staunend anstarrte, sagte Heino: „Frag Hannelore.“ .



