Zuerst hielt man sie für einen Witz oder zumindest für eine Eintagsfliege. Es schien unvorstellbar, dass man Green Day fünfzehn Jahre später bei einem Arena-Gastspiel wiedersehen würde. Aber jetzt rücken die drei Kalifornier mit über einem halben Dutzend Trucks an, um Konzerte wie in der geräumigen Berliner O2 World zu geben. Ein Fahrzeug davon dürfte allein für die Lagerung pyrotechnischer Effekte reserviert sein. Was Green Day während ihres über Auftritts in der neuen Mehrzweckhalle alles verpulvern, reicht für eine halbe Silvesterfeier am Brandenburger Tor. Ständig detonieren Kanonenschläge, sprühen Feuerfontänen oder gibt es Funkenflug.

Mit alter Punk-Sparsamkeit hat das nichts zu tun, aber andererseits hat es auch keinen Sinn, ewig den ursprünglichen Prinzipien der Gründergeneration der späten Siebziger treu zu bleiben. Green Day sind Teil der amerikanischen Unterhaltungsindustrie, da klotzt man gerne, wo immer es geht. Drei Musiker unterstützen die Band zusätzlich an Gitarren, Saxofon und Keyboards, an der Bühnenseite und in der Saalmitte sind überdurchschnittlich viele Gerätschaften, Laptops und Konsolen aufgebaut. Im Hintergrund sieht man die Skyline einer amerikanischen Großstadt, loderndes Feuer oder Textphrasen. Vorne turnt der in Schwarz gewandete Billie Joe Armstrong ständig wie aufgedreht auf einem Laufsteg.

Trotz aller Effekte sind Green Day keine Showkapelle ohne Sinn und Verstand. Seit dem durchschlagenden Erfolg mit dem Album „American Idiot“ vor fünf Jahren weiß man, dass hinter der lustigen Fassade öfter mal eine ernste Miene hervorlugt. Inhaltlich sprach die Band der von Künstlern ungeliebten Bush-Administration einen Tadel aus, musikalisch begründete man das Genre der Punk-Oper. Mit dem vor wenigen Monaten veröffentlichten Nachfolger „21st Century Breakdown“ führt man den kritischen Diskurs fort, dieses Mal in Form der Geschichte eines Liebespaars, das zusehen muss, wie es am Rand der US-Gesellschaft zurechtkommt.

Trotz solcher Inhalte führt sich Armstrong in Friedrichshain nicht als politischer Eiferer auf. Ausnahme ist die Zeile „I don’t want to live in the modern world“, die vor allem auf den Technologiewahn unserer Zeit anspielt. Sonst kümmert sich der Frontmann lieber um Publikumanimation, fordert er die ohnehin schon komplett stehenden Fans zu Körperertüchtigung auf. Das erübrigt sich bei alten Favoriten wie „Basket Case“ oder „When I Come Around“ eigentlich, hier springt und hüpft die Masse eifrig mit, wird die Halle zum Freudenhaus. Irgendein Körperteil wird an diesem Abend immer angeregt. Kopf, Beine, Augen bekommen gut zu tun und was auf die Ohren gibt es zudem und reichlich. Nach über zwei Stunden endet die Ganzkörpermassage der rockenden Art, deutlich später als bei vergleichbaren Veranstaltungen. Unbeliebt haben sich Green Day an diesem Abend gewiss nicht gemacht.