Im Sommer des Jahres 1982 sprang ein aufgedrehtes Männlein mit Poppertolle in der "Hitparade" herum und kreischte "Gib Gas, ich will Spaß". Sofort stürzte sich die Ideologiekritik auf das Lied des Burschen aus dem Kurort Bad Camberg, der sich den Künstlernamen Markus angeschafft hatte. Die Ölkrise lag erst acht Jahre zurück, und nun schrie der Irre: "Und kost' Benzin auch drei Mark zehn - scheißegal - es wird schon geh'n. Ich will fahr'n! Ich will fahr'n!" Das erregte die Ökologen sehr.

Man hat sich damals über die Spaßverderber lustig gemacht, die das harmlose, von Ironiesignalen durchsetzte Lied so furchtsam interpretierten. Heute, während der Benzinpreis sich der Marke von "drei Mark zehn" rasant nähert, muß man ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ihr Mißtrauen war begründet, wenn auch aus den falschen Gründen. Denn "Gib Gas, ich will Spaß" war die erste Drogenhymne, die auf allen Sendern gedudelt werden durfte. Ein muttersprachliches Pendant zu "White Rabbit" von Jefferson Airplane oder "Lucy In The Sky With Diamonds" von den Beatles, wo in durchsichtigen Metaphern die Wirkung von LSD beschrieben wurde.

Der semantische Zusammenhang zwischen Benzin und Drogen ist lange bekannt. In Werk und Biographie des multipel Süchtigen Hans Fallada taucht "Benzin" als Tarnwort für Morphium massenhaft auf. Markus sang: "Der Tankwart ist mein bester Freund - hui, wenn ich komm', wie der sich freut. Er braucht Spaß! Er hat Spaß!" Besser kann man das Verhältnis eines Süchtigen zu seinem Dealer nicht beschreiben. Und: "Schwupp, die Polizei hat's nicht gesehen."


Natürlich wollten Markus und sein Hitkomponist Axel Klopprogge nicht den Konsum von Drogen verherrlichen. Es war eher ein bewußtes oder unbewußtes Spiel mit Mehrdeutigkeiten. Eine typische Methode der Gegenkultur, hunderttausend verfeinert, seitdem in den zwanziger Jahren schwarze Sänger "Spinat" besangen und Marihuana meinten. Es gibt im Universum von Pop und Poesie kaum noch ein Wort, das nicht auch etwas anderes bedeuten kann. Seitdem die Bewahrer von Recht und Ordnung begriffen haben, daß harmlose Lieder manchmal geheime Botschaften ins Kinderzimmer schmuggeln, leben ganze Interpretationskartelle von der Paranoia der Eltern und Erzieher.


Gewirkt hat Markus' Liedchen trotzdem verhängnisvoll: So wie die psychedelischen Songs einst Haschisch und LSD gesellschaftsfähig machten, so trug "Gib Gas, ich will Spaß" dazu bei, daß Benzinverschwendung wieder cool wurde. Dabei sank der Rohölimport der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn der achtziger Jahre jährlich auf neue Tiefstände. Die absoluten Niedrigmarken wurden zwar erst 1983-87 erreicht, als Deutschland regelmäßig nur noch gut 60 Millionen Tonnen einführte. Zu guter Letzt bewirkte "Gib Gas, ich will Spaß", daß Benzinsparen in den Ruf fundamentalistischer Müsli-Miesepetrigkeit kam.

Man kann die volkspsychologischen Folgen wohl nur richtig einschätzen, wenn man bedenkt, daß die meisten Markus-Fans 1982 noch im Vor-Führerschein-Alter waren. Aber sie wurden auf ewig geprägt: Schon seit 1988 stiegen die deutschen Erdölimporte im langfristigen Mittel wieder an, bis sie 2004 mit 110 Millionen Tonnen fast wieder den Rekordstand von 1973, dem letzten Jahr vor der Ölkrise, erreicht hatten. Zwar hat sich die Zahl der Konsumenten durch die Wiedervereinigung um ein Viertel erhöht, aber der Verbrauch hat sich fast verdoppelt.

Die Ähnlichkeiten von Benzin und Betäubungsmitteln sind also nicht nur metaphorischer Natur. Erdöl war genau wie die meisten gängigen Drogen ursprünglich ein Produkt, dem man medizinische Wirkung nachsagte. Wie Kokain oder Laudanum gehörte es zu den Rezepten der Wundertinkturen, mit denen Kurpfuscher alle Krankheiten heilen wollten. Als das wahre kommerzielle Potential beider Stoffe erkannt war, wurden ihre Märkte auch mit Hilfe nackter Brutalität vergrößert - indem man Menschen oder (in den Opiumkriegen) ganze Nationen "anfixte" oder indem man jahrzehntelang Alternativen zum Automobilverkehr systematisch zerstörte.

Heute ähneln sich die Abhängigkeiten der Konsumenten vom jeweiligen Produkt fatal: Auf Knappheit und Preissteigerungen reagieren alle Junkies gleich. Die hysterische "Benzin-Wut" hat etwas von der Aggressivität eines Fixers auf Entzug. Der Irrsinn geht soweit, daß der Süchtige für seinen Stoff sogar die Zerstörung seiner Welt in Kauf nimmt. Damit sind nicht nur ökologische Gefahren gemeint. Denn so wie jeder Drogenkäufer die Mafiakartelle oder die Taliban finanziert, so sickert von jedem Liter Rohöl, der in Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran gekauft wird, ein Anteil in die Kriegskasse des islamischen Terrorismus.

Der scheinbar fröhliche Benzinjunkie in seinem spritschluckenden SUV, wie die monströsen Geländewagen genannt werden, weiß das natürlich. Aber er kommt nicht los vom Stoff. Deshalb klingt der frohgemute Hedonismus des alten Markus-Liedes uns heute so höhnisch in den Ohren. Bei der aktuellen Hymne "Benzin" von Rammstein ist nichts mehr übrig von der sonnigen Atmosphäre in "Gib Gas, ich will Spaß". Es ist die düstere Selbstbeschreibung eines Menschen, der sich vollständig in eine drogenangetriebene Maschine verwandelt hat.