Längst ist ein neues Zeitalter angebrochen, in dem selbstbewusste Regisseurinnen zwischen Hamburg und Bayreuth die großen Opernstoffe neu ausdeuten.

Jetzt wollte die junge Berlinerin Tatjana Gürbaca den Wagner-Mythos an der Deutschen Oper modernisieren. Am Ende wurde sie vom Premierenpublikum ausgebuht. Über die Heftigkeit schien sie selber erschrocken zu sein. Tatsache ist: Zu viele Klischees über Frauen, Männer, Globalisierung und Orgien verträgt heute niemand mehr - und schon gar nicht auf der Opernbühne.

In der Leitzentrale eine Schiffes

Dabei hat die Inszenierung durchaus einige verführerische Momente. Gleich zu Beginn öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf die Hightech-Leitzentrale eines Reederei-Schiffes (Bühnenbild: Gisbert Jäkel), das mit den Folgen eines Sturms zu kämpfen hat.

Aber es geht weniger um die Naturgewalten, als um die Finanzflüsse, die sich daraus ergeben. Die raue, die salzige Opernluft des Meeres ist der Inszenierung vollständig abhanden gekommen. Am ehesten kommt das Unaufhaltbare, das Urwüchsige noch aus dem Orchestergraben, wo Jacques Lacombe Wagners Drama lautstark und manchmal bis an die Grenze des Verschwimmens dirigiert.

Daland, der Kapitän im gepflegten Zwirn, dem Reinhard Hagen seinen sonoren, charaktervollen Bass leiht, ist ein Bilderbuch-Kapitalist. Deshalb ist Daland auch ziemlich schnell bereit, seine Tochter an den merkwürdigen neureichen Fremden, einem Holländer, zu verhökern. Für Regisseurin Gürbaca ist das Gebaren der Männerwelt ein Konflikt, der so deutlich ausinszeniert ist, bis ihn auch jeder im Saal verstanden hat.

Um die romantische Liebe, nach der sich angeblich alle verzehren, geht es merkwürdigerweise in dieser Inszenierung überhaupt nicht. Es ist eine grenzenlose Welt der Neureichen, der Holländer, bei Wagner ein Ahasver der Meere, verkommt zum Moralschwein. Am Ende lacht er allen hämisch ins Gesicht. Warum auch nicht, will Gürbaca mitteilen: Alles ist käuflich, jeder ist käuflich. Auch Frauen.

Am bezauberndsten ist das Prinzip Angebot und Nachfrage im zweiten Aufzug aufgelöst, wenn die Schönen sich auf die Ankunft der Männer vorbereiten - die "spinnenden" Damen (ein munter aufsprühender Frauenchor), sind in einer Beauty-Farm versammelt.

Die Balladen-Sängerin Senta ist unter ihnen eine leidenschaftliche Aufrührerin - zweifellos ist sie die erste in der Reihe großer Frauenfiguren Wagners, die in Brünnhilde und Kundry gipfelt. Die Regisseurin setzt mit Ricarda Merbeth unbeirrbar auf Frauenpower. Die Sopranistin ist eine dramatische Vorzeigefrau, die mit ihrer Stimmgewalt nicht hinterm Berg halten will. Jugendliche Singzärtlichkeit ist ihre Sache nicht. Und auch szenisch muss die Regisseurin wieder in die verstaubte Trickkiste greifen und mit Lilian Dobbert ein ebenfalls rotberocktes Jungmädchen-Double auf die Bühne bringen.

Die pubertären Phantasien von Klein-Senta

Ganz am Ende wird sich herausstellen, dass diese ganze Geschichte vom starken, düsteren, fremden Traummann, der kommt, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, nur die pubertären Phantasien eines kleinen Mädchens waren. Es ist die größte Enttäuschung des Abends.

Die Männer haben in dieser Inszenierung nur wenig Möglichkeit, Statur zu zeigen. Der Holländer im Unterhemd (stimmstark: Johan Reuter) und Jeans-Erik (ausdauernd aufbegehrend: Matthias Klink) bleiben farblose Gegenentwürfe. Nach zweieinhalb pausenlosen Stunden kommt es zum Massenselbstmord, der Holländer wird nicht erlöst, das Publikum schon.

Der fliegende Holländer, Deutsche Oper , Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 343 84 343. Termine: 12., 17., 21. Juni