Wagners fliegender Holländer, dessen Vorbild auf Vasco da Gama zurückgeht, ist für die Regisseurin schlichtweg "der Urvater der Globalisierung". Die Opernhandlung hat sie von der norwegischen Küste wegverlegt in den "Weltinnenraum des Kapitals".

Tatjana Gürbaca sieht in der Wagnerschen Geisteroper eine praxisnahe Kapitalismus-Kritik verborgen. Die wahre Geschichte hinter dem Märchen will sie auf die Bühne bringen. "Ich finde es merkwürdig, dass die Geschichte nicht so erzählt wird", sagt sie. Bei Regisseuren gehören natürlich Übertreibungen zum Handwerk.

Senta wird zur Revolutionärin

Bei Tatjana Gürbaca wird die Tochter Senta vom eigenen Vater an einen Unbekannten verkauft. Überhaupt ist in dieser Welt alles käuflich und verkäuflich. Vor allem auch die Frauen, die in dieser Oper reichlich zu spinnen und zu singen haben. Und es auch faustdick hinter den Ohren haben.

Senta ist schließlich diejenige, die "zur Aufstachlerin, zur Revolutionärin" wird. Frau Gürbaca begründet ihren Regieansatz mit dem seinerzeit verzweifelten Wagner, der in Briefen und Schriften von einer Revolution träumte, die mit dem Niederbrennen der Kapitalismus-Hochburg Paris beginnen sollte.

Ein Blick in ihre künstlerische Ahnengalerie offenbart, woher dieser opern-materialistische Regieansatz kommt. Studiert hat Tatjana Gürbaca in Berlin an der Eisler-Musikhochschule und Kurse bei den Regie-Genies Ruth Berghaus und Peter Konwitschny belegt. Von der alten Ruth Berghaus konnte die junge Regisseurin, Jahrgang 1973, natürlich nur noch die strengen Spätausläufer miterlebt.

Das Scheitern des Individuums

Von der ausgebildeten Tänzerin Berghaus habe sie gelernt, sagt Tatjana Gürbaca, wie "die Ganzheitlichkeit von Räumen" beachtet werden muss. Oder anders gesagt: Wie oftmals bewegungsunfähige Sänger den Raum zu durchschreiten haben, damit man von einer lebendigen Inszenierung sprechen kann. Von Peter Konwitschny habe sie erfahren, wie "aufmerksam man als Regisseur mit der Musik umzugehen hat". Diese ostdeutsche Regieschule steht weniger dafür, die Psyche der Hauptfiguren zu analysieren, sondern mehr das Hoffen und Scheitern des Individuums an der Gesellschaft offenzulegen.

Regisseurin Gürbaca ist ein Kind dieser Denkschule. Auch wenn sie betont, als Regisseurin doch immer nur eine "Interpretin der Partitur" zu sein. Aber das in einer Zeit, "in der Utopien nicht mehr gelebt werden". Sie lebt es ausgiebig in ihrer Arbeit aus: Nach ihrem Regiedebüt am Opernhaus Graz im Jahr 2001 mit "Turandot" hat sie mittlerweile über 20 Opern an der Lindenoper (2002), in Luzern, Baden-Baden, Leipzig , Bern und Bremen inszeniert. In diesem Jahr macht sie allein vier Produktionen. Was schon viel ist. Als festere Standorte haben sich für sie Mainz, Luzern und Graz herauskristallisiert. Den Buhs sieht Tatjana Gürbaca übrigens gelassen entgegen: "Die meisten Regisseure werden heutzutage ausgebuht, weil man es ja doch nie allen recht machen kann."

Von Volker Blech