Die Strecke zum Joseph Stone Theatre fährt die weiße Oberschicht von Kapstadt nur ungern. Sie führt aus der Innenstadt heraus und ist die wichtigste Verbindung zu den Townships der Umgebung. Wer dort nicht wohnt, hat auch keinen Grund, sie zu nehmen. Zumal die Angst, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, mit wachsender Entfernung vom Stadtzentrum dramatisch steigt. "Aber das ist natürlich Unsinn", sagt Michael Williams, General Manager der Cape Town Opera. "Wenn man sich vorsieht, passiert hier gar nichts." Dann steuert er den Wagen auf den meterhoch eingezäunten Parkplatz des Joseph Stone.
Am Abend feiert hier eine neue Inszenierung von Verdis "Rigoletto" Premiere. Die Cape Town Opera hat dafür die zweite, deutlich kleinere Spielstätte gewählt, weil auch die Verwandten und Freunde des Ensembles Gelegenheit haben sollen, das Stück zu sehen. Neunzig Prozent der Sänger kommen aus den Townships, und wer von dort kommt, kann sich die Karten für das Haupthaus im Zentrum von Kapstadt nicht leisten. Für den sind auch An- und Abreise ein Problem, weil ein öffentlicher Personennahverkehr in Kapstadt praktisch nicht existiert.
Südafrika - ein großer Chor
Die weiße Oberschicht aber ist mit Fahrzeugen bestens ausgestattet. Also setzt sie sich, sofern sie an Oper Interesse hat, ins Auto und fährt Richtung Joseph Stone, wo die Sänger am Abend auf der Bühne zu Verdi tanzen, als würden sie HipHop hören, und italienische Arien singen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Ausgerechnet im tiefsten Süden Afrikas scheint die Oper, diese angestaubte, beinah vom Aussterben bedrohte europäische Kunstform, eine überaus lebendige Angelegenheit zu sein, die nebenbei noch Menschen zusammenbringt, die sonst nie miteinander in Berührung kommen würden.
Dabei hat die Oper in Afrika keinerlei Tradition. Die Cape Town Opera ist eines von zwei Opernhäusern auf dem gesamten Kontinent, das andere steht in Kairo. Auch im Alltag spielt klassische Musik kaum eine Rolle. Dafür wird ständig und zu allen denkbaren Anlässen gesungen. Das südafrikanische Fernsehprogramm ist voll mit Sendungen, in denen Chöre sich gegenseitig etwas vorsingen, mit Chormeisterschaften und Chordokumentationen. Fast bekommt man den Eindruck, als wäre jeder Südafrikaner in einem Chor organisiert.
Verdi rührte sie zu Tränen
Angelo Gobbato, der die Cape Town Oper viele Jahre lang leitete, hatte die wunderbare Idee, diese spezifische Form der südafrikanischen Freizeitgestaltung für seine Zwecke zu nutzen. "Die Art von Stimmen, die Verdi bei seinen Kompositionen im Ohr gehabt haben muss, gibt es heute gar nicht mehr in Europa", sagt er, "aber hier, hier gedeihen sie noch."
Also begab sich Gobbato auf Talentsuche. Er ging zu den Chorproben, wo meist Traditionals oder zur christlichen Erbauung Händel-Oratorien zum Besten gegeben werden, bat die verdutzten Sänger es einmal mit Verdi oder Puccini zu versuchen und erlebte die erstaunlichsten Szenen. "Obwohl die Sänger natürlich kein italienisch verstanden, waren sie von dieser Musik, die bis dahin ja gar nicht kannten, so ergriffen, dass sie in Tränen ausbrachen", sagt er immer noch ganz gerührt. "Die Musik war wie für sie gemacht, sie traf sie mitten ins Herz."
Nun ist der heute 55-jährige, in Mailand geborene Gobbato kein übertrieben sentimentaler Mensch. Vielmehr ist er mit allen Wassern des Operngeschäfts gewaschen, hat eine überschaubare Karriere als Sänger hinter sich, erfolgreich eine Oper geleitet, als Regisseur gearbeitet und ist immer noch Professor an der Universität von Kapstadt. Aber das "afrikanische Stimmwunder", wie er es nennt, nimmt ihn immer noch mit.
Eine Tour zum Überleben
Und auch die Sänger, die er für die klassische Musik entdeckte, waren über sich selbst überrascht. Etliche fassten den Entschluss, eine Karriere als Opernsänger anzustreben. Aber wie sagt man es seinen Eltern? Dass man seine Zukunft darin sieht, seltsam kostümiert, uralte Lieder in einer unverständlichen Sprache zu singen? Und überhaupt: War Klassik nicht die Musik der weißen Unterdrücker? Viele junge opernsinnige schwarze Südafrikaner erlebten in den vergangenen Jahren ein Coming-out der ganz besonderen Art.
Aber was macht man mit all den hoffnungsvollen Talenten, denen man vorübergehend ein sicheres Einkommen verschafft hat, wenn es über die Stadtgrenze hinaus kaum ein Interesse an Oper gibt? Und wie überlebt man dabei als Kompanie?
Michael Williams, der die Leitung der Cape Town Opera 2005 von Gobbato übernahm, hatte die rettende Idee: Die Oper muss mit Inszenierungen auf Tour gehen. In den vergangenen Jahren waren sie mit "Show Boat" von Kern und Hammerstein unterwegs sowie "Rusalka" von Antonín Dvorák. Jetzt werden sie einen Monat lang mit George Gershwins Oper "Porgy and Bess" an der Deutschen Oper Berlin zu sehen sein.
Eine andere Stimmentwicklung
Allerdings zeigen sie "Porgy and Bess" nicht als verkürztes Musical mit nachträglich eingebauten Dialogen und vereinfachten Partituren, sondern als komplexe, großformatige Oper mit Orchesterbesetzung. "Die Sänger leisten hier Schwerstarbeit", sagt Gobbato, der bei der Inszenierung Regie führte. "Wer will schon Entertainment, wenn man auch Karthasis haben kann."
Bislang hat sich das Tourkonzept für alle Beteiligten gelohnt. Die Zuschauer erlebten frischen Wind in ihren Opern, der Cape Town Opera brachte es das dringend benötigte Geld, und den Sängern bescherte es Kontakte. Der Bariton Fikile Mvinjelwa etwa, der in Berlin in der Rolle des "Porgy" zu sehen sein wird, hat kommende Saison ein Engagement an der Metropolitan Oper in New York und sang erst kürzlich im neueröffneten Opernhaus in Oslo.
"Als Sänger und Darsteller sind viele Schwarze schon jetzt unschlagbar", sagt Gobbato und hat dafür eine durchaus erstaunliche Erklärung. "Weil sie vom Fortschritt eine Zeitlang völlig abgeschnitten waren. Das ermöglichte eine ganz andere Entwicklung der Stimmen als etwa im hochtechnisierten Westen." Vor den europäischen, amerikanischen und asiatischen Sängern und ihrer akademisch nüchternen Herangehensweise brauchen sie sich jedenfalls nicht zu verstecken.




