Klassik

Rolando Villazons Rückkehr auf die Opernbühne

Der Star-Tenor hatte in der Oper das Publikum mitgerissen. Dann wurde Rolando Villazon krank, die Stimmbänder machten nicht mehr mit. Nach Burnout und sechsmonatiger Singabstinenz kehrt er nun mit Giuseppe Verdis "Don Carlo" in London zurück. Die Sehnsucht flammt wieder - nur etwas vorsichtiger.

Es ist was faul im Staate Spanisch-Habsburg. Ganz in Hamletschwarz und entsprechend melancholieumdüstert im Gemüt liegt Don Carlos immer wieder vor einer mit kleinen Fensteröffnungen perforierten Wand in Rampennähe. Erst hat ihm - die Staatsräson! - der eigene Vater die Braut vor der Nase weggeschnappt, dann erwies sich der einzige Freund (scheinbar) als Verräter und auch die politische Mission des spanischen Thronfolgers für die unterdrückten Niederlande ließen Staat und Klerus für ihn im Gefängnis enden. Carlos mag nicht mehr. Nur die Leidenschaft zur nunmehrigen Stiefmutter Elisabeth, die ihn offenbar auch noch nicht ganz aufgeben hat, hält den instabilen Infanten aufrecht.

2004 in Amsterdam, wo er diese Grenzpartie seines Repertoires erstmals sang, war Rolando Villazón in Willy Deckers ganz auf den Titelhelden von Verdis musikalisch reichster Oper konzentrierten Inszenierung eine augenrollende Borderline-Persönlichkeit. Ganz in gebrochenem Weiß, doch mit schwarzer Seele, halb wahnsinnig, mit gellender Kantilene. Villazón sang die gefährlich in der Mittellage angesiedelte Partie mehr mit den Zinsen, denn mit dem Kapital seiner nicht gerade erzenen Stimmbänder.

Rückkehr an die Royal Opera

Diese lustvolle, allzu oft betriebene Selbstentäußerung als Suche nach den Extremen einer Bühnenfigur, die den Sänger zu einer Ausnahmeerscheinung hatte werden lassen, musste dieser drei Jahre später mit einer Art Burnout samt sechsmonatigem Verstummen bezahlen.

Nach ersten, noch vorsichtigen Auftritten seit Januar kehrte Rolando Villazón nun an der Royal Opera Covent Garden in London mit aller Vehemenz und einer eindrücklichen "Don Carlo"-Premiere ins Musiktheatergeschäft zurück. Doch auch als ein anderer, ein wenig vorsichtigerer. Was kein Nachteil ist. Die undankbare, nur Sekunden nach dem Opernauftakt fast unbegleitet anhebende Arie Carlos gestaltete er noch allzu verhalten, ja sympathisch unsicher.


Dann steigerte er sich - im Verein mit Verdi, der die Figur in immer neuen, schöneren Duetten bis ins fast schon der Welt abhanden gekommene Finale führt - mit innerlich brennender Leidenschaftlichkeit: Villazóns Carlo kannte kurze Verzweiflungsausbrüche, doch meist transzendierte er seine Gefühle in schönste, dunkel leuchtende Kantilenen. Weniger war jetzt mehr: Kontrollierte Intelligenz hielt sich mit spontaner Emotion die Wage.


Drei Zwiegesänge mit Carlo


Die Elisabetta der Russin Marina Poplavskaya markierte zwar - beständig zu tief singend und gleichförmig gestaltend - den Schwachpunkt im sonst glanzvollen Vokalensemble. Dennoch gerieten ihre drei Zwiegesänge mit Carlo, erst voll aufkeimender Zuneigung, dann alle Liebessehnsucht unterdrückend, sie herausschleudernd, schließlich entsagungsvoll immer wieder um eine Melodie kreiselnd, zu den innigen Höhepunkten dieses generell mit lyrischen Stimmen besetzten Sängerfestes.


Covent-Garden-Musikchef Antonio Pappano, der bereits die französische "Don Carlos"-Grand-Opéra-Urfassung von 1867 wundervoll dirigiert hat, führte diesmal so liebevoll wie könnerisch, mit dramatisch heißem Atem, aber nie nur effektvoll in der fünfaktigen italienischen Variante von 1886 durch die fein schattierten Details dieser grandiosen Partitur: zwischen düsterer Schicksalsballung und grellem Verbrennungsspektakel, zwischen intimem Geständnis und katholischem Rigorismus, mit rettungslos verlorenen Individuen.

Villazóns Carlo war als wiedergewonnener Tenorliebling der am heftigsten beklatsche Sympathieträger der Londoner. Die Krone des Abends gebührt jedoch Feruccio Furlanetto, der mit nie gekannter Intensität und Tiefe die Figur des einsam-depressiven, dabei despotischen Königs Philipp endlich auch wirklich auslotete. Sonia Ganassi war eine flexible, aber auch im Verdammungsforte auftrumpfende Prinzessin Eboli, Simon Keenlyside ein lyrisch empfindsamer Posa und Eric Halfvarson ein gefährlich lauernder Großinquisitor.

Enttäuschung bereitete einzig Nicholas Hytners traditionsbrave, mit wenig eigenen Sichtweisen aufwartende Inszenierung, die nach einer DVD-Aufzeichnung für EMI später auch nach Oslo und an die New Yorker Metropolitan Opera weiterreist. Die Arbeit Hytners, Chef des National Theatres, kommt höchstens in der von einem sprechenden Mini-Savonarola angefeuerten Verbrennungsszene einigermaßen durch.

Von der immerhin vor genau 50 Jahren hier herausgekommenen und noch bis 1989 gespielten klassischen Luchino-Visconti-Produktion unterscheidet sich diese brave Historienbebilderung jedenfalls höchstens durch Bob Crowleys mal musicalkitischigen, dann wieder um Minimalismus bemühten, dabei immer aufgeräumten Spanien-Veduten in historischem Kostüm.

Termine: 11., 17., 14., 20., 26., 29. Juni, 3. Juli; Karten (0034-20) 73 04 40 00