Morgenpost Online: Tanzt es sich denn nackt besser als in Kostümen von Gaultier?

Vladimir Malakhov: Hören Sie auf, ich habe niemals nackt getanzt. Natürlich sind wir Tänzer weitgehend unbekleidet, aber bestimmte Stellen bleiben verdeckt. Das sind zwei verschiedene Dinge. Das eine sind Fotos, das andere ist der Tanz. Vielleicht würde ich die letzte Vorstellung meiner Karriere nackt tanzen. Das wäre dann auch wirklich die letzte Vorstellung in meiner Karriere. Als ich die Fotos gemacht hatte, sagte ich Dieter Blum, dass ich eigentlich sehr scheu bin.

Morgenpost Online: Aber sind Künstler, zumal körperbewusste Tänzer, nicht immer auch exhibitionistisch veranlagt?

Vladimir Malakhov: Ich weiß nicht. Mit der Nacktfotografie habe ich kein Problem, mit Nackttanz schon. Ich finde auch, dass generell auf Bühnen zu viel Nacktheit stattfindet. Das ist mir oft zu plump. Auf der Bühne muss man spielen, es genießen, sich immer wieder auf neue Partner einzustellen.

Morgenpost Online: Was ist dann Erotik?

Vladimir Malakhov: Alles ist Erotik. Ballett ist Erotik. Alle Bewegungen sind Erotik. Das Spiel zwischen den Körpern ist Erotik. Ich bin Erotik. Vielleicht. (lacht)

Morgenpost Online: Heute beginnt die Saison mit einer Uraufführung, die Sie selbst tanzen.

Vladimir Malakhov: Die Choreografie stammt von dem Amerikaner Ron de Jesus. Die Musik des Stücks stammt von Beethoven. Es geht um die Briefe an eine unsterbliche Geliebte. Die gesagten und ungesagten Worte werden in Tanzbilder umgesetzt. Das Stück selbst ist acht Minuten lang.

Morgenpost Online: Mittlerweile sind Sie 41. Wie lange werden Sie noch mittanzen können?

Vladimir Malakhov: Ich weiß es nicht. Es wird irgendwann die Zeit kommen, dass ich Tschüss sagen muss. Dann wird es eine Abschiedsvorstellung geben. Aber im Moment sind meine Beine, mein Körper in guter Form.

Morgenpost Online: Die Operationen sind gut verlaufen?

Vladimir Malakhov: Ja. Gut, von Zeit zu Zeit, ich denke bei Vollmond oder Wetterumschwüngen, zieht es ein wenig im Knie. Nein, ich habe keine Probleme.

Morgenpost Online: In der Gala stellen Sie auch die neuen Leute Ihrer Compagnie vor. Wer ist Ihr Star?

Vladimir Malakhov: Ich habe keinen Star. Alle meine Tänzer sind es Wert, von mir präsentiert werden. Darüber hinaus möchte ich dem Publikum neue Stücke zeigen. Die Gala ist auch eine Hommage an die Ballet Russes und ihre große Tradition. Wir zeigen etwas aus "Les Sylphides", "Der sterbende Schwan" und "Sheherazade". Natürlich sind das ältere Stücke, aber alle Welt ehrt Djagilew. Wir verbinden die Gala mit einer Hommage.

Morgenpost Online: Wie russisch ist das Staatsballett Berlin?

Vladimir Malakhov: Über mich wurde am Anfang geschrieben, jetzt kommt ein Russe. Später hieß es, ein Russe bringt Russen mit. Ich gucke nicht zuerst darauf, woher Tänzer kommen. Wenn Leute talentiert sind, rolle ich ihnen den roten Teppich aus. Aber natürlich habe ich eine Reihe von Tänzern im Ballett, die Russisch sprechen. Aber es sind nicht alles Russen. Manche kommen aus Polen, Bulgarien, Tschechien. Andere sind aus Ost-Berlin oder Japaner, die in Russland studiert haben. Viele sprechen drei, vier verschiedene Sprachen. Die Ballettwelt ist international.

Morgenpost Online: Was macht den Stil Malakhov aus?

Vladimir Malakhov: Qualität. Das ist mein Stil. Natürlich habe auch ich immer die Technik gepflegt, aber für mich bleibt es das Wichtigste, das der Tanz von Herzen kommt. Letztlich ist es das, was ein großes Publikum erkennen, ja erspüren kann.

Morgenpost Online: Als Intendant eröffnen Sie eine Übergangssaison, bevor Sie offiziell in die Deutsche Oper umziehen.

Vladimir Malakhov: Wir Tänzer haben eine andere Sichtweise darauf. Wir sehen zuerst eine Bühne vor uns, und ansonsten wechseln wir nur das Büro. Wir tanzen sowieso hier und dort. Sicherlich geben wir mehr Vorstellungen in der Staatsoper. Unter den Linden eröffnen wir heute mit der Ballett-Gala, hier haben wir die letzte Vorstellung am 29. Mai. Die Spielzeit des Staatsballetts Berlin endet aber erst am 11. Juni auf der Bühne der Komischen Oper Berlin.

Morgenpost Online: Fällt Ihnen der Umzug in die Deutsche Oper schwer?

Vladimir Malakhov: Die Staatsoper hat sicherlich eine andere Atmosphäre als die Deutsche Oper. Das moderne Opernhaus liebe ich für sein offenes Ambiente. Dort sind schöne Räumlichkeiten für uns vorbereitet. Aber für mich ist die Staatsoper gefühlt mehr ein Theater mit seinen Foyers und der Mittelloge. Dort fühle ich mich einfach wohl.

Morgenpost Online: Offenkundig zieht das Staatsballett nach der Sanierung 2013 nicht mehr zurück in die Staatsoper?

Vladimir Malakhov: Es sieht ganz danach aus, was ich auch bedaure.

Morgenpost Online: Ich dachte, das Staatsballett übernimmt irgendwann einmal das aufwendig in ein Musiktheater umgebaute Schiller Theater?

Vladimir Malakhov: Wer weiß... Als Compagnie sind wir eher wie Zugvögel. Für das Staatsballett träume ich von einem eigenen Domizil mit genügend Probenräumen, damit wir Tänzer uns noch stärker als eine Familie fühlen und gemeinsam arbeiten können. Ich weiß, dass es viele leer stehende Gebäude gibt, die man umbauen könnte. Wir wollen keinen Luxus. Zumal wir in den nächsten Jahren auch verstärkt auf Tournee gehen wollen, damit die Welt mehr vom Staatsballett Berlin wahrnimmt.

Morgenpost Online: Die Gala heute gilt auch als Gesellschaftsereignis?

Vladimir Malakhov: Ja, es ist schön, dass so viele Prominente kommen, sich für uns und unsere Arbeit interessieren. Aber ich selbst bin leider nicht der Typ, der auf jemanden zugehen und ihn um Hilfe bitten kann. Ich bin Künstler. Meine Leistung bleibt, eine hohe künstlerische Qualität anzubieten.