„Hello, I'm Johnny Cash“, knurrt Gunter Gabriel, der Schlagersänger, und man glaubt ihm das aufs Wort. Als sich der Vorhang auftat, saß der Ostwestfale noch am Bühnenrand im Fegefeuer, wo er zur Gitarre sang, kein Grab könne ihn halten. Nach der Aufnahme von „Ain't No Grave“ war Johnny Cash 2003 verstorben. Nun steht der mit breiten Schultern vor einem Konzertplakat, das ihn zurück holt in die Fünfzigerjahre. Seine Band spielt, seine Flasche ist halb voll. Im Körper Gunter Gabriels feiert er Wiederauferstehung im Berliner Renaissance-Theater.
Es sind weniger Kostüm und Maske, die tiefschwarze Garderobe und die störrische Frisur, die Gabriel, den „deutschen Cash“, in seiner Lebensrolle überzeugend wirken lassen. Er ist 68 Jahre alt, kein Mensch würde ihn jünger schätzen. Dafür hat er einiges getan: Vom Schlosser hat er sich zum Schlagerdichter hochgedient, dann selbst gesungen, „Wanted Man“ von Johnny Cash hieß bei ihm „Ich werd' gesucht in Bremerhaven“. Er sang „Ohne Moos nix los“. Als müsste er den Außenseiter-Country dringend leben, trank er und verlor sein Geld, bis er im Wohnwagen umherfuhr und sich für Familienfeste buchen ließ. So übertrieben einem dieses Sängerdrama vorkam, so sehr freute man sich über ein Comeback: Gunter Gabriel nahm die CD „Sohn aus dem Volk“ auf.
Als Johnny Cash auf der Theaterbühne teilt er mit: „Ich war ein Nichts, ein Niemand.“ Die Achtziger- und frühen Neunzigerjahre meinten es auch mit dem Countrysänger Johnny Cash nicht gut. Bis ihn Produzent Rick Rubin aufsuchte. Und wäre Cash an seinem Lebensabend nicht erlöst worden als Großvater der Rockmusik, wer weiß wo Gunter Gabriel jetzt stünde. Sicher nicht im Subventionstheater neben Helen Schneider als June Carter Cash.
„Hello, I'm Johnny Cash“, vom Intendanten Horst-H. Filohn konzipiert und umgesetzt von Volker Kühn, ist einiges: Als Singspiel handelt es von Aufstieg, Fall und Himmelfahrt. Als Lehrstück schildert es den Lebensweg einer kanonischen Figur. Der Hauptdarsteller spielt nur ansatzweise, er erzählt, während er die Gitarre hält wie ein Gewehr. Er spricht von seinen Sünden. Und wenn das Theater zum Konzertsaal wird, spielt auch das Publikum ein Publikum, das klatscht und tobt. Aber wahrscheinlich war der wahre Johnny Cash nur halb so unbeholfen bei der Balz auf offener Bühne um June Carter; nur June Carter war so stolz und hinreißend wie Helen Schneider heute, dass es eben keine Doppelgänger-Show ist, sondern ein Theaterstück.
Nachdem auch „Hurt“ gesungen ist, ein Hymnus, der 2003 zum Requiem wurde, zerrt der Held sich die Perücke von den dünnen Haaren und sagt: „Liebe Leute, ich bin Gunter Gabriel.“ Und damit wird auch Brecht geehrt, der Übervater des Theaters, und die Leute glotzen nicht mehr so romantisch.
Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Berlin-Charlottenburg. Nächste Vorstellungen: 28.8. bis 2.9.2010 Tel.: (030) 3124202











