Darf man über Hitler lachen? Die Frage ist längst beantwortet. Seit Lubitschs „Sein oder nicht sein“ – auch wenn da eigentlich nur über ein Hitler-Double gelacht wurde. Seit „Der große Diktator“ – auch wenn Charlie Chaplin später erklärte, er hätte den Film nie gedreht, wenn er damals schon vom ganzen Ausmaß des Holocaust gewusst hätte. Und spätestens seit dem Musical „The Producers“ – auch wenn sich deren Producer Mel Brooks noch 2006 nicht traute, den Film auf der Berlinale zu präsentieren. Man darf, ja muss vielleicht sogar über Hitler lachen können. Um ihn auch auf diese Weise endgültig zu entmystifizieren.


Doch nun hat Dani Levys Hitler-Komödie „Mein Führer“ schon eine Woche, bevor sie in die Kinos kommt, die Diskussion noch einmal neu entfacht. Wobei – und das ist in dieser Weise neu –die Kritik von außen wie aus dem Team selbst kommt. Erst gab der Schriftsteller Ralph Giordano (ohne den Film gesehen zu haben) sein „Bauchgrummeln“ kund über den Zusammenhang zwischen „Hitler“ und „Humor“. Dann distanzierte sich ausgerechnet der Hauptdarsteller Helge Schneider vom fertigen Film.
Aber auch die Macher selbst verraten eine gewisse Unsicherheit. Im Buch zum Film verteidigt der Filmhistoriker Georg Seeßlen das Vorgehen in einem langen Essay: „Zu Hitler muss uns immer wieder etwas einfallen.“ Und die Produktionsfirma X-Filme gibt eine Testvorführung, nach der Regisseur Dani Levy den Film noch einmal neu schneidet und zugibt, bis zum Schluss unsicher gewesen zu sein.
Berlin, Ende 1944. Der totale Krieg scheint verloren. Hitler ist depressiv – und will nachts sogar mit seinem Schäferhund Blondi stiften gehen. Da verfällt Goebbels (Sylvester Groth) auf einen teuflischen Plan: Einst hat ein Schauspieler Hitler im Reden und Auftreten den letzten Schliff gegeben. Der Mann heißt allerdings Grünbaum, Adolf Grünbaum (Ulrich Mühe), ist Jude und im KZ Sachsenhausen interniert. Immerhin lebt er noch und wird jetzt – „Die Endlösung dürfen Sie nicht persönlich nehmen“ – in die Reichskanzlei gebracht, um den Führer aufzupäppeln.

Das entbehrt nicht einer gewissen historischen Grundlage: Paul Devrient, seinerseits Opernsänger und Stimmbildner, hatte Hitler im Jahre 1932 für sieben Monate begleitet und zum Demagogen geschliffen, was Bertolt Brecht bereits 1941 in „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ parodierte. George Tabori ging 1987 in seiner Farce „Mein Kampf“ noch weiter, als aus dem Ausbilder ein Jude wurde, der dann das erste Opfer seines Geschöpfes wurde. Levy, ein Jude und Spross einer Familie, die vor Hitler fliehen musste, kehrt die Früh- in die Endzeit, und so ist sein „Führer“ ein wenig von allem: ein bisschen Ui und Pfui, ein wenig Tabori, auch eine Prise von Walter Moers’ „Bonker“-Comics, ein galliges Gegengift zudem zu Hirschbiegels Bunker-Epos „Der Untergang“ und am Ende auch ein Schuss „Der große Diktator“, wenn Hitler die Stimme versackt und „sein Jude“ als Ghostspeaker eine große, humanistische Rede hält.

Wie Chaplin setzt Levy dabei auf Slapstick, ja manchmal auf grotesken Nonsens. Nicht mit einer Ballettnummer mit Globus wie bei Chaplin, das nicht. Aber die Weltkugel dient hier zumindest als Mini-Bar. Und es gibt ähnliche, bleibende Momente. Adolf in der Schaumbadewanne beim Seekrieg-Spielen mit Spielzeug-Schiffen. Adolf im senfgelben Trainingsanzug, von Grünbaum in einem als Aufwärmtraining gedachten Ringkampf niederstreckt. Die Maskenbildnerin namens Riefenstahl (Marion Kracht), die bei der Rasur versehentlichen den Schnauz stutzt. Und Blondi, der die Pfote zum Hitler-Gruß hebt. Das allerdings ist eindeutig geklaut bei „The Producers“, in dem dieser Effekt von einem ganzen Verschlag von Flugtauben noch verschlagener wirkte.

Und wie Chaplin setzt auch Levy im Zentrum auf einen Komiker, Helge Schneider, der schon immer mit seinem – vorsichtig gesagt – eigenwilligen Humor die Nation spaltete, hier aber hinter all der Maske kaum noch zu erkennen ist und eher wie ein Manfred Zapatka wirkt, der seinerseits Hitler parodiert.

Das alles hat durchaus Situationskomik. Und die „wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“, so der Untertitel, ist zumindest eine angenehm lockere Replik auf den unter verbissener Ernsthaftigkeit und historischer Glaubwürdigkeit erstarrten „Untergang“.
Was man Levy vorwerfen kann, ist nicht, dass er eine Komödie über Hitler gedreht hat, sondern dass er sie halbherzig gemacht hat. Eigentlich hätte das Resultat viel böser, abgründiger, schamloser ausfallen müssen. Eine Farce, wie einst bei Tabori. Aber da steht sich Levy als Humanist noch in der Komödie selbst im Wege. Und deshalb ist „Mein Führer“ – vielleicht das Schlimmste, was man über eine Komödie sagen kann – zu harmlos.

Ein zweiter Erzählstrang, demzufolge Eva Braun (dargestellt von Katja Riemann) die Geliebte von Goebbels war und von diesem nur instrumentalisiert wurde, um Hitler zu „bearbeiten“, wurde fast komplett gestrichen; der Fokus ganz auf das Gegensatzpaar der beiden Adolfs gesetzt. Möglicherweise wird dadurch die „Botschaft“ hinter all dem Nonsens zu deutlich betont, schimmert auch hier zu sehr der Ernst durch, der Levy doch beim „Untergang“ so störte. Immerhin: Levy hatte dem deutschen Film mit „Alles auf Zucker!“ den jüdischen Humor zurückgegeben. Jetzt hat er sich auch noch an die erste Hitler-Komödie in Deutschland gewagt. Mögen weitere, bissigere folgen.