Ausgerechnet diese Augen: Commissario Brunetti steht im Salon Monbijou des Hotels Kempinski Bristol vor einer aufgeklappten Schranktür, legt den Kopf zurück und träufelt Flüssigkeit ins Lid. Zum Glück nichts Dramatisches, der Anflug einer Erkältung, erklärt Schauspieler Uwe Kockisch.
Dass man ihm sein tatsächliches Alter partout nicht abnehmen mag (64), liegt unter anderem an jenen tiefbraunen Augen. Sie sind es, die Kockisch helfen, auch leicht düsteren Figuren Tiefgang zu verleihen. Den melancholischen Kommissar der TV-Reihe nach den Romanen von Donna Leon spielt er seit 2003. Kockisch über Brunetti: "Wir drehen voraussichtlich wieder im Herbst 2009, darauf freue ich mich sehr."
Kockisch stammt gebürtig aus Cottbus. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus der DDR 1961 saß er im Gefängnis, danach schlug er sich als Nachtpförtner und Hilfsheizer am Stadttheater Cottbus durch. Er sah bei Proben zu, wurde neugierig aufs Theater. Schließlich besuchte er die "Staatliche Schauspielschule" (seit 1981 Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch). Mehr als zwanzig Jahre spielte Kockisch am Maxim-Gorki-Theater, seit 1974 übernahm er auch TV-Rollen ("Polizeiruf", "Der Tunnel").
Mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet
Als bester Hauptdarsteller in "Eine Stadt wird erpresst" wurde Kockisch dieses Jahr mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. In Berlin hat der Schauspieler seine große Friedrichshainer Wohnung gegen eine Ein-Zimmer-Wohnung getauscht. "Wenn Sie da mit einem Koffer ankommen, dann müssen Sie den Koffer draußen lassen."
Wegen seiner Lebensgefährtin Christine Gautier ("Sie arbeitet nicht in der Schauspielbranche") pendelt Kockisch zwischen Berlin und Madrid. "Wir wurden klassisch verkuppelt. Freunde haben das vor einem Jahr eingefädelt. Unser Kennenlernen ging unangestrengt, undramatisch und ganz ohne TV-Kameras vonstatten. Sobald ich frei habe, bin ich in Madrid." Die beiden wohnen am Retiro Park, das Kochen in der Altbauwohnung übernimmt Christine Gautier. "Ich kann auch Spiegeleier und Bratkartoffeln zubereiten, aber die sind dann zu fett", sagt Kockisch. "Sie kocht einfach besser und macht es auch noch gern. Und sie spricht perfekt Spanisch, Französisch und Englisch. Ich kann auf Spanisch das sagen, was ich brauche: Kaffee, Tisch, einen Wein, bitte."
Kockisch spielt einen Klinikchef
Ins Kempinski ist Kockisch gekommen, um den TV-Film "Wenn wir uns begegnen" (12. Dezember, 20.15 Uhr, ARD) vorzustellen. "Ein wirklich schöner Weihnachtsfilm". Kockisch spielt Klinikchef Professor Max Singer, der sich nach dem Tod seiner Frau selbst Heiligabend in Arbeit vergräbt. Ab Mitte Oktober steht Kockisch in Italien für die männliche Hauptrolle im Fernsehfilm "Salto vitale" vor der Kamera.
Wie Kockisch Rollen auswählt: "Ich fahre weder Ferrari noch Porsche. Trotzdem sagt mein Konto mir ab und zu, dass ich wieder einen Film machen sollte. Aber ich verbiege mich auch nicht. Ich lehne Angebote grundsätzlich ab, wenn ich der Figur, die ich spielen soll, nichts Interessantes abgewinnen kann." Was der Schauspieler über die internationale Finanzkrise denkt: "Die dümmliche Überheblichkeit der Manager finde ich unerträglich. Und die Politik hinkt immer hinterher, die meisten Politiker kommen mir sowieso wie Lobbyisten vor. Ich finde es wirklich schwer bedenklich, wie asozial mit Geld umgegangen wurde, und wie asozial Geld machen kann."
Kockisch ist Vater zweier Söhne, Jahrgang 72 und 77. "Der Ältere arbeitet in einem Autohaus in Berlin, der Jüngere hat Biologie und Philosophie studiert und befindet sich noch in der Phase der Sinnfindung."


