Stadtbild

Jüdische Architekten prägten Berlins Architektur

Berlin verfügt über ein großartiges bauliches Erbe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch viele der Architekten, die das Stadtbild maßgeblich mitgeprägt haben wurden, wurden von den Nazis verfolgt und sind bis heute vergessen. Im Rahmen der Kulturtage würdigen Führungen den Beitrag jüdischer Architekten an der Entwicklung Berlins.

Foto: Sergej Glanze

Sie waren Wegbereiter oder Exponenten der Moderne, des Bauhauses, des Deutschen Werkbunds oder fühlten sich den zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen Reformbewegungen in Architektur, Design, Stadt- und Freiraumgestaltung besonders verpflichtet. Ohne Namen von Architekten wie Erich Mendelsohn, Martin Punitzer, Harry Rosenthal, Oskar Kaufmann, Erwin Gutkind, Alfons Anker, Fred Forbat oder Konrad Wachsmann ist die dynamische Entwicklung, die Berlin ab 1920 prägte, nicht zu denken. Gartenarchitekten wie Ludwig Lesser entwarfen die Volksparks und neuen Grünanlagen in den Berliner Großsiedlungen. Architekten und Bauforscher wie Leo Adler, Alexander Klein und Paul Zucker forschten und publizierten über wohnungspolitische, baugeschichtliche und städtebauliche Fragen.

Im Jahr des 90-jährigen Bestehens des Bauhauses bietet die Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten im Rahmen der Jüdischen Kulturtage drei thematisch unterschiedliche Führungen zu Bauten jüdischer Architekten in Berlin an. Bauten wie die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und das Hebbel Theater von Oskar Kaufmann, der ehemalige Roxy-Palast von Martin Punitzer in der Hauptstraße werden ebenso besucht wie die Reihenhäuser in der Schorlemmerallee von Alfons Anker oder die modernen Bauten der „Weißen Stadt“ in Reinickendorf von Bruno Ahrends.

Die Führungen lenken den Blick auf das umfangreiche, für den jeweiligen Ort oft prägende Werk von nahezu 500 jüdischen Architekten, die in Berlin, aber auch in vielen anderen deutschen Städten bis 1933 tätig waren. Trotz der immensen und breit gefächerten Aktivitäten sind die meisten Namen dieser Männer und Frauen in Vergessenheit geraten. Fast alle von ihnen waren von den Berufsverboten betroffen, die die Reichskulturkammer ab 1933 aussprach. Viele Architekten trieb der sich ständig verschärfende Druck in die Emigration, mindestens 75 jüdische Baukünstler wurden ermordet.

In der Folgezeit wurde vieles unternommen, um die Bauten dieser Architekten zu verändern und ihre Urheberschaft zu verschleiern oder zu tilgen. So kommt es, dass die heutigen Eigentümer bzw. Nutzer mitunter gar nichts über die Entstehung oder den Architekten ihrer Häuser wissen. So wie die Provenienzforschung zur Herkunft der Sammlungsbestände fast aller großen Kunstmuseen und -sammlungen zu einer zentralen Aufgabe geworden ist, so sehen die Mitglieder der „Gesellschaft“ es als wichtig an, die wahren Umstände der Entstehung dieser Bauten zu erforschen.

Dies ist notwendig – gerade in Berlin, einer Stadt, die über ein großartiges bauliches Erbe aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verfügt und damit auch international erfolgreich reüssiert, wie die Anerkennung von fünf Großsiedlungen der 20er-Jahre als Weltkulturerbe 2008 gezeigt hat. Denn hier haben sich die Lebenswege von sehr vielen jüdischen Architekten gerade aus den osteuropäischen Ländern in den 20er-Jahren gebündelt – sie trugen maßgeblich dazu bei, dass Berlin zu einem einzigartigen Laboratorium der Moderne wurde. Zugleich will die „Gesellschaft“ auf die vergessenen Biografien hinweisen. Die Forschungen weisen oft über Deutschland hinaus und sind somit auch ein Beitrag zur Wiederherstellung des europäischen Kulturerbes.

Die Führungen im Rahmen der Jüdischen Kulturtage finden am 30.8., 5.9. und 6.9. statt, Treffpunkt ist jeweils um 15 Uhr vor dem Centrum Judaicum. www.juedische-kulturtage.org

Günter Schlusche ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten, www.juedische-architekten.de .

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