Der kleine jüdische Friedhof hinter der Mauer. Der leere Platz, auf dem einst eine Synagoge stand. Das Fitness-Studio, wo früher ein koscherer Fleischer war, oder das Haus, in dem sich vor der großen Katastrophe die Mazze-Bäckerei befand. Masia, eine der beiden Hauptfiguren in Viola Roggenkamps Roman "Die Frau im Turm", kennt viele solcher Orte. Jüdisches Leben hingegen kennt sie nicht. Die junge Frau lebt in der "Gegenwärtigkeit von Verlorenem". Aber dann lernt Masia doch einen "echten" Juden kennen. Ihren Vater, der einst in die DDR gegangen war - hoffend, dass seine Herkunft im Sozialismus keine Rolle mehr spielen würde...

Schon sind wir mitten drin im komplizierten Ringen um Identität. Und damit beim eigentlichen Thema der 23. Jüdischen Kulturtage, die von 29. August bis 6. September an verschiedene Orte in Berlin laden. Es geht um jüdisches Leben der Gegenwart. Aber natürlich kommt man, gerade in Berlin, an der Geschichte nicht vorbei. Zumal die Kultur der Erinnerung in der jüdischen Tradition ein prägendes Element ist. Doch was man unter "jüdischer Kultur" verstehen soll, ob Künstler, Publikum, der Stoff jüdisch sein müssen, oder alles zusammen, das ist eine Frage, die kaum zu beantworten ist. Gerade deshalb dient sie vielen Künstlern mit jüdischem Hintergrund, zumindest außerhalb Israels, als Antriebsfeder.

1987, zur 750-Jahr-Feier Berlins, wurde das von der Jüdischen Gemeinde veranstaltete Festival ins Leben gerufen. Viele Jahre stand jeweils eine große jüdische Metropole im Mittelpunkt. Statt eines einzelnen Themas setzt man heute auf Vielfalt. Neben 90 Jahre Bauhaus und dem 200. Geburtstag des Komponisten Felix Mendelssohn-Bartholdy widmet sich die Veranstaltungsreihe den "jüdischen Literaturen". Neben der Hamburgerin Viola Roggenkamp, die ihren Roman im Anne Frank Zentrum vorstellt (3.9.), teilen sich vier weitere prominente Schriftsteller zwei Abende im Jüdischen Museum. Lily Brett, Bestseller-Autorin aus New York, liest aus "Chuzpe", einem sprühenden Roman über Väter und Töchter, polnische Küche und New Yorker Neurosen. Die in Frankfurt lebende Journalistin Johanna Adorján stellt am gleichen Abend (2. 9.) "Eine exklusive Liebe" vor. Das Schicksal ihrer Großeltern montiert sie auf anrührende Weise zu ihrer eigenen Identitätsgeschichte. Mit Assav Gavron ("Hydromania") und Eshkol Nevo ("Vier Häuser und eine Sehnsucht") kommen zwei Stars der israelischen Literaturszene nach Berlin (1.9.).

Viele Ständchen zu Mendelssohns Bartholdys 200. Geburtstag in diesem Jahr sind bereits verklungen. Gleichwohl bieten Leben und Werk des romantischen Komponisten, der sich früh taufen ließ (was ihn nicht vor Antisemitismus schützte), immer neue Aspekte. Neben dem Konzert des Mendelssohn Kammerorchesters Leipzig mit der isländischen Geigerin Judith Ingolfsson als Solistin verspricht besonders der Auftritt des Jazz-Vokalisten Michael Schiefel (31.8.) Spannung. Im zurzeit entleerten Bauhaus-Archiv wird der exzentrische Sänger mit Mendelssohns Motiven jonglieren. Der Ort des Geschehens verweist auf den diesjährigen Architektur-Schwerpunkt. So werden Führungen auf den Spuren jener knapp 300 Architekten jüdischer Herkunft angeboten, die bis 1933 das Berliner Stadtbild mitgestalteten.

Eine Ausstellung im Centrum Judaicum würdigt die "Baumeisterin im Land Israel", die gebürtige Berlinerin Lotte Cohn (1893-1983), deren Arbeiten von der Bauhaus-Bewegung beeinflusst waren. Auch das Jüdische Gemeindehaus an der Fasanenstraße feiert Jubiläum, es wird 50. Die Ausstellung "Symbol des Neuanfangs" dokumentiert die Geschichte dieses einstigen zentralen Ortes für Juden in Berlin.

Konzerte in der Rykestraße

Als Publikumsmagnet des Festivals, das 2008 mehr als 23.000 Besucher zählte, erwies sich die vor zwei Jahren wiedereröffnete Synagoge Rykestraße. Hier finden auch dieses Mal wieder große Konzerte statt. Mit Chansonstar Keren Ann, die mit den Jazzmusikern Shlomi Shaban und Avishai Cohen auftritt (30.8.), mit den Ladino-Songs von Yasmin Levy aus Jerusalem (2.9.), der Londoner Weltmusikkapelle Oi Va Voi (3.9.) sowie Klarinettist David Orlowsky, dem Echo-Klassik-Preisträger, der zum Abschluss, abseits jeglicher Klezmer-Folklore, mit dem Solistenensemble Kaleidoskop zu erleben ist. Abende, die neben dem Musikgenuss auch die Möglichkeit der Begegnung bieten. Das gilt auch für die offenen Schabbat-Gottesdienste (4.9.), die Lange Nacht der Synagogen (5.9.) sowie das Straßenfest auf der Fasanenstraße (30.8.).

Eröffnet werden die Kulturtage am Samstag, 21 Uhr, in der Synagoge Rykestraße mit "Perlen der Synagogalmusik". Liturgische Klänge - wenigstens das scheint, um noch mal die Frage nach jüdischer Kultur aufzugreifen, über jeden Zweifel erhaben. Der Leiter des Konzerts, der Israeli Ud Joffe, lebt übrigens in Potsdam und arbeitet zurzeit als Kantor. In der Erlöserkirche.