Am Sonntag legt Barenboim noch einmal nach: mit Tschaikowskys fünfter Sinfonie und seiner Staatskapelle unter freiem Himmel. Der Eintritt ist frei, der Andrang entsprechend groß. So groß, dass bereits im Vorfeld die Straße Unter den Linden auf Höhe des Opernhauses in beiden Richtungen gesperrt wird. 45.000 Schaulustige waren es beim letzten Mal, dieses Jahr hofft die Staatsoper sogar auf die magische Zahl 100.000. Klappstühle, Decken und Picknickkörbe sind ausdrücklich erwünscht.

Doch warum Wagner? Warum ausgerechnet ein fünfstündiges Musikdrama? Noch dazu in einer wenig massenwirksamen Inszenierung von Harry Kupfer, in der die Sänger lediglich die Statue eines gefallenen Engels umkreisen und beklettern? Daniel Barenboim sieht die Wagner-Wahl als „ein Zeichen von Respekt vor unserem Publikum. Wir wollen eine große Oper aus unserem Repertoire zeigen und dem Publikum ein ernsthaftes musikalisches Erlebnis bescheren.“ Waltraud Meier, die schon im letzten Jahr in Beethovens „Fidelio“ über die Leinwand des Bebelplatzes flackerte, übernimmt die Rolle der Isolde, als König Marke ist René Pape zu erleben. Für den erkrankten Robert Gambill kommt der Tristan-erfahrene Tenor Ian Storey nach Berlin, ein Sänger, der schon öfters mit Barenboim zusammengearbeitet hat. Für den Sonnabend nach der Übertragung ist ein großes Feuerwerk auf dem Dach der Staatsoper geplant.

Trotz aller Festlichkeit und Freude über die beginnende Saison steht Barenboim aber auch der Unmut über den unausweichlichen Schiller-Theater-Umzug ins Gesicht geschrieben. Wenn er über die Krise des Sponsors, eines bekannten Autoherstellers, spricht, dann schwingt in seinen Worten auch die Krise des eigenen Hauses mit. „Zum dritten Mal heißt es jetzt ‚Staatsoper für alle’. Im nächsten Jahr ist damit vorerst Schluss. Dann heißt es: ‚Alle für die Staatsoper’“, gibt Barenboim mit ernster Miene zu Bedenken. Mit anderen Worten – im kommenden Jahr wird die Staatsoper mehr denn je auf die Treue ihres Publikums angewiesen sein.

Gerade an diesem Wochenende stehen die Chancen nicht schlecht, den Appetit auf Staatsoper und Staatskapelle zu schüren. Denn nicht nur Wagner und Tschaikowsky locken, sondern auch eine groß angelegte Rabatt-Aktion. Jeder Besucher der Bebelplatz-Konzerte kann sich an den Staatsoper-Ständen einmalig einen 30-prozentigen Rabatt auf einen Opernbesuch im September sichern.

Mit derartigen Versprechungen wartet das Musikfest Berlin zwar nicht auf, wohl aber mit einer beeindruckenden Fülle an Spitzenorchestern und Weltklassedirigenten. Vom 3. bis zum 21. September werden Philharmonie und Konzerthaus ihre Pforten für ein besonders komplexes Festival-Programm öffnen. Iannis Xenakis, Haydn und Schostakowitsch stehen als Sinfoniker im Mittelpunkt – Haydn und Schostakowitsch als Anfangs- und Endpunkte einer sinfonischen Entwicklung, der griechische Neutöner Xenakis als visionäre Ausnahmefigur der Gegenwart. „Age of Extremes“ (Zeitalter der Extreme) ist das diesjährige Musikfestival überschrieben. Veranstalter Winrich Hopp hat es in Hinblick auf das anstehende Jubiläum „10 Jahre Mauerfall“ konzipiert. Nach dem Flug in esoterische Höhen beim Festival des Vorjahres geht es nun mit aller Wucht zurück auf die Erde, ja sogar ein paar Meter tiefer.