Florentiner Kunst

Michelangelo war ein schlechter Personalmanager

Er war nicht nur ein großer Maler, sondern auch ein großer Zeichner, wie derzeit eine Ausstellung in Frankfurt zeigt. Michelangelo arbeitete aus Stolz viel allein, unterrichtete aber auch. Aber warum suchte sich der Ausnahmekünstler mit Adelssöhnen und Hausangestellten nur so schwache Schüler aus?

Gelegentlich konnte Michelangelo auch ungeduldig werden. Ein Blatt in der Ausstellung "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen" des Frankfurter Städel Museums zeigt, wie das Genie einmal die Nerven verlor: Als sich einer seiner Schüler allzu plump anstellte, eine Madonna mit Kind aus der Hand des Meisters zu kopieren, riss ihm dieser das Blatt weg, drehte es um und zeichnete eine weitere, deutlich komplexere Variante der Gottesmutter. Damit es endlich in den Quadratschädel gehe, schrieb er eine Ermahnung daneben: "Zeichne Antonio, zeichne Antonio, zeichne und verlier keine Zeit." Antonio Mini war noch der talentierteste unter seinen Zöglingen.

"In der Florentiner Kunst der Renaissance war die Zeichnung, der ,Disegno', Grundlage allen Arbeitens", sagt Ausstellungskurator Martin Sonnabend. Der in Florenz ausgebildete Michelangelo Buonarotti (1475-1564) muss immer und überall gezeichnet haben - Gedankennotizen, Ideenskizzen für Fresken, Anregungen für befreundete Kollegen. Einmal warf er für seine Schüler ein wundersames Fabelwesen mit lang gestrecktem Hals aufs Papier: eine Giraffe, die er am Hof der Medici gesehen hatte.

Wie sehr Michelangelo im Disegno – dem Umgang mit Feder und Tinte, schwarzer Kreide oder Rötel – brillierte, zeigt die Frankfurter Ausstellung. Sein Wissen um die plastische Darstellung, das er sich als Bildhauer erarbeitet hatte, und die herausragende Kenntnis der menschlichen Anatomie ließen ihn Figuren schaffen, die besonders lebendig wirkten.

Der Anlass der Schau ist jedoch die Neubewertung einer Zeichnung aus der Sammlung des Städel Museums, die in der Vergangenheit als eine Schülerarbeit aus Michelangelos Atelierumfeld eingestuft worden war. Es gebe einige Anzeichnen, dass das Blatt "Groteske Köpfe und weitere Studien" doch vom Künstler selbst stamme, sagt Sonnabend.

"Michelangelo" ist also eine Ausstellung, die vom genauen Hinsehen lebt. Lediglich 24 Werke werden präsentiert, darunter Leihgaben aus London, Florenz und Rom. Einhändige Arbeiten Michelangelos sind genauso zu sehen wie Kopien. Die Ausstellung ermöglicht die lehrreiche Knobelei, welches Blatt vom Meister selbst stammt. Ein beliebter Sport, weil auch bei Michelangelo wenig gesichert ist und die Zahl der zugeschriebenen eigenhändigen Zeichnungen in den letzten Jahren von 900 auf 200 sank.

Frappierende Unterschiede zwischen Original und Nachahmung sieht man etwa an einer Kohlezeichnung des auferstandenen Christus von Michelangelos Hand aus dem Bestand des British Museum. Sie hängt in Frankfurt direkt neben einer technisch sehr guten Kopie, die möglicherweise der Maler Allessando Allori Ende des 16. Jahrhunderts schuf und die heute zur Städel-Sammlung gehört.

Im Vergleich wirkt im Londoner Original die Verteilung von Licht und Schatten plastischer, scheinen die Gesichtszüge individueller und der Körper trotz einer manieristischen Übertreibung des Verhältnisses von Kopf und Torso realistischer. Wirkt Michelangelos Jesus, als sei er aus Marmor, so erinnert sein Doppelgänger eher an Wachs.

Man kann solche Vergleiche haarspalterisch finden. Exzellente Zeichnungen sind schließlich beide Werke. Für den Museumsbesucher seien exakte Zuschreibungen vielleicht nicht zwingend notwendig, gibt Sonnabend zu. In der Forschung sind sie es hingegen schon. "Es gibt auch den Fetisch-Aspekt des Originals. Man steht mit einem andern Gefühl davor. Man sollte das nicht belächeln. Der Künstler verdient Respekt."

Natürlich bietet die "Wiederentdeckung" der "Grotesken Köpfe" als Original auch die Möglichkeit, mit dem großen Namen zu werben. Zwar erinnert ein Kurator, der die Zuschreibung eines Werks aus der eigenen Sammlung vornimmt, ein wenig an einen Gebrauchtwagenhändler, der gleich die Tüv-Plakette mit anbringt. Aber, sagt Sonnabend, man wolle das Blatt ja nicht verkaufen.

Michelangelos Vorliebe für das Groteske

Die Zuschreibung der "Grotesken Köpfe", die er der Fachwelt zur Diskussion anbietet, geschieht zunächst über einen Motivvergleich mit relativ gesicherten Michelangelo-Arbeiten. Der grinsende Satyr, der traurige Satyr und der Schafskopf lassen sich so ähnlich auf einem Blatt aus dem British Museum wiederfinden.

Da in Letzterem die Gesichter mit schnellen, virtuosen Strichen aufs Papier gesetzt wurden, hatte man das Werk als eine Arbeit Michelangelos angesehen. Die bedächtiger ausgeführte Frankfurter Variante wurde dagegen als Schülerarbeit eingestuft. Für Sonnabend ist das nicht schlüssig. "Man weiß, dass Michelangelo sehr variantenreich gezeichnet hat."

Der Kurator führt Details an, die seiner Meinung nach für eine Originalarbeit sprechen. Da sei zunächst die skurrile Idee, dem Schafskopf im Hintergrund einen Hut mit Fuchsschnauze aufzusetzen. Michelangelo entwickelte solche Einfälle unmittelbar beim Zeichnen, es ist ein Merkmal seines Stils. In einem überlieferten Dialog sagte der Künstler einmal, dass er groteske Motive als Ausdruck der Freiheit und der Fähigkeit schätze, etwas darstellen zu können, das einzig seiner Fantasie entspringe.

Auch an anderen Stellen der "Grotesken Köpfe" gibt es Anzeichen für eine meisterhafte Hand: Die Art, wie der Künstler ein Ohr mit schnellem Strich aber sehr plastisch zeichnet. "Auch der Sprung in der Lippe des vorderen Satyrs ist so ein Geniestreich", sagt Sonnabend. "Auf so etwas kommt nur ein sehr talentierter Künstler." Der Lippenriss mache die Figur besonders glaubwürdig. "Es sind diese kleinen Nuancen, die die hohe Qualität der Zeichnung ausmachen."

Das Wort "Qualität" ist in diesem Zusammenhang bezeichnend. Nicht, weil Galeristen den diffusen Qualitätsbegriff beanspruchen, wenn ihnen keine Argumente einfallen, um den Wert eines Werkes zu begründen. Sondern weil die Qualität im Zuschreibungsprozess zum Ein- oder Ausschlusskriterium wird – was im Umkehrschluss bedeutet, dass es keine schlechten Michelangelo-Zeichnungen geben kann. Das Bild des unfehlbaren Genies wird so zwangsläufig aufrechterhalten. Der Künstler hat selbst dazu beigetragen: Er hütete seine Zeichnungen sorgsam, verbrannte wenige Tage vor seinem Tod alle Blätter in seinem Haus.

Michelangelo, talentiert und virtuos

Zweifellos war Michelangelo ein extrem talentierter und immens virtuoser Künstler. Auf einem Blatt in der Frankfurter Schau, das ihm mit ziemlicher Sicherheit zugeschrieben werden kann, lässt er den Muskel am Hals eines schönen Jünglings hervortreten, nur indem er den Druck auf die Kreide variiert. Das ist schon grandios.

Interessanterweise neigte der so begabte Michelangelo dazu, weniger talentierte junge Männer als Schüler zu wählen – Söhne von Adeligen oder seine Hausangestellten, die "Garzoni". Er arbeitete eh lieber allein. Sein Stolz verlangte, auch bei Großaufträgen wie dem "Jüngsten Gericht" in der Sixtinischen Kapelle jeden Strich selbst zu setzen.

Das unterschied ihn von seinem Konkurrenten Raffael, der eine gut funktionierende Werkstatt aufbaute. "Raffael ließ sich von seinen Assistenten zuarbeiten", sagt Sonnabend. "Er konnte delegieren. Michelangelo konnte das nicht."

Die Ausstellung "Michelangelo. Zeichnungen und Zuschreibungen" wird bis 7. Juni im Städel Museum Frankfurt gezeigt

Hier geht es zum Video-Trailer für die Ausstellung.