"Rückständig" ist das gar nicht so böse gemeinte Wort, das Berlin und die Mark Brandenburg vor dem 17. Jahrhundert kennzeichnet. Kulturelle Blüte und prägende Reformen fanden anderswo statt. In Italien natürlich, aber auch in Bayern und Sachsen. Renaissance und Berlin sind deshalb keine Begriffe, die eng zusammen gehören.

Dafür haben vor allem die Preußen gesorgt, die das Zögern der Hohenzollern-Kurfürsten Joachim I. (1484-1535) und seines Sohnes Joachim II. (1505-1571), zum Protestantismus überzutreten, für Schwäche hielten und ihre Prachtentfaltung am Hof mit Hilfe sächsischer Künstler verurteilten. Denn die Hohenzollern suchten sich keinen eigenen Hofkünstler, sondern liehen sich den der Kursachsen: Lucas Cranach.

Ein enger Freund Martin Luthers

Eben diesem Künstler und der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg widmet die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zusammen mit der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien jetzt eine große Ausstellung im Schloss Charlottenburg und in der evangelischen Marienkirche in Mitte. Dass der Maler aus Wittenberg einer der engsten Freunde Martin Luthers, sein Verleger, Brautwerber, Trauzeuge und einer der wirkungsvollsten Propagandisten seiner Kirchenreform war, störte die brandenburgischen Fürsten offenbar ebenso wenig wie andere katholische Auftraggeber. Cranach war beliebt. Cranach war zuverlässig. Cranach war Kult. Mit seiner riesigen Werkstatt - in der 20 namentlich bekannte Mitarbeiter arbeiteten, sicher aber noch viel mehr angestellt waren - entstanden Bilder wie am Fließband und doch von beeindruckend hoher Qualität und Originalität.

1000 Gemälde haben sich bis heute erhalten, wahrscheinlich verließen aber noch wesentlich mehr Bilder mit dem Schlangensignet, dem Wappen Cranachs, die perfekt organisierte Werkstatt. 35 sind jetzt im Schloss Charlottenburg zu sehen. Wer es sich leisten konnte, ließ sich von Cranach porträtieren, wer Altarbilder oder Residenzausstattung brauchte, bekam sie von ihm mit originellen Bildinhalten. Als Porträtist kaschierte keiner Specknacken, Doppelkinn und Glupschaugen so geschickt wie Lucas Cranach der Ältere (1472-1553) und erfasste dabei die individuelle Physiognomie doch sehr genau.

Nach den neuesten Forschungen von Berliner Restauratoren an 30 Kunstwerken weiß man, dass die Werkstattmitarbeiter sogar direkt an den Porträts mitmalten. Bisher hatte man angenommen, dass Cranach die Gesichter malte und den Rest den Mitarbeitern überließ. Nun fanden die Restauratoren mithilfe von Röntgenstrahlen und Infrarotaufnahmen so genannte Blaupausen unter den Farben. Offenbar zeichnete Meister Cranach die Gesichtszüge auf Papier und seine Mitarbeiter übertrugen sie mit einem spitzen Gegenstand auf die Leinwand oder die Holzplatte und malten sie anschließend ganz im Sinne der Vorgaben aus.

Geschäftstüchtiger Auftragskünstler

Kurfürst Joachim I. bestellte offenbar erstmals 1529 Porträts bei Cranach. Probleme mit dem kursächsischen Hof brachten diese Aufträge nicht, denn Cranach war zwar dort bereits seit 1505 als Hofkünstler angestellt, durfte aber auch für andere Auftraggeber arbeiten. Eine geradezu perfekte Ausgangsposition für einen freien Künstler. Dass er zwischen katholischen und protestantischen Auftraggebern nicht unterschied, hat sicher vor allem mit seiner Geschäftstüchtigkeit zu tun.

Joachims Onkel, der überaus einflussreiche Kardinal Albrecht von Brandenburg, hatte bereits 1519 in Wittenberg 16 Passionsaltäre in Auftrag gegeben. Von diesen mehr als 140 Einzelgemälden für die Stiftskirche in seiner Residenzstadt Halle an der Saale haben sich nur zwei Altäre und einige Flügel erhalten. Nach ihrem Vorbild und ebenfalls von Lucas Cranach entstanden ab 1537 die Passionsaltäre für die ehemalige Berliner Dominikanerkirche, die Joachim II. zur Stiftskirche ausgebaut hatte und aufwendig mit Kunst ausschmücken ließ. Von den 150 Gemälden, die einst zu den Berliner Passionsaltären gehörten, existieren heute noch neun Mitteltafeln: Fußwaschung, Ölberg, Geißelung, Dornenkrönung, Ecce Homo, Kreuztragung, Grablegung, Vorhölle, Auferstehung. Eine einmalige Folge, die nicht nur kunsthistorisch interessant ist, sondern auch religionspolitisch, denn Joachim II. war zum Protestantismus konvertiert, gilt heute aber nicht als glühender Protestant. Die Gemälde stehen in der langen Tradition christlicher Malerei. Mit ihren Cranach-Bildern legten Joachim I. und sein Sohn legten den Grundstock der Berliner Museumslandschaft.

Eine Ausstellung, zwei Orte:

Schloss Charlottenburg: "Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern". Bis 24. Januar 2009. Öffnungszeiten: täglich außer Dienstag 10-17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr (außer Heiligabend und Silvester). Letzter Einlass jeweils 30 Minuten vor Schließzeit, gesonderte Öffnungszeiten an den Feiertagen. Eintritt 8 Euro, erm. 6 Euro (inkl. Audioguide in dt. + engl. und Audioguide speziell für Schüler)

St. Marienkirche (Karl-Liebknecht-Str. 8, Mitte): "Kirche, Hof und Stadtkultur", Öffnungszeiten: Mo-Sa 10-18 Uhr, So 12-18 Uhr. Eintritt frei.