Deutsche und französische Schüler können heute das gleiche Geschichts-Lehrbuch benutzen. Historiker beider Länder haben es geschrieben. Unterschiedliche Perspektiven vor allem mit Blick auf die jüngste Vergangenheit werden dabei nicht ausgespart.

Schüler lernen daraus nicht zuletzt, dass Konflikte der Vergangenheit und historische Kontroversen die Freundschaft zwischen zwei Nationen nicht beeinträchtigen und die Grundlagen einer gemeinsamen Planung für die Zukunft nicht beschädigen müssen. Die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Union beruht auch auf dem wechselseitigen Respekt für die Erinnerungspolitik der Nachbarn.

Dieser wechselseitige Respekt ließ sich mit einem Land wie Frankreich schneller herstellen als mit den Nachbarn der Deutschen in Mittel- und Osteuropa. Die nur mühsam beigelegte Kontroverse um das geplante Zentrum gegen Vertreibungen zeigte, wie schwer es beispielsweise Tschechen und Deutschen immer noch fällt, ihre Geschichtsbilder einander anzunähern.

Größere Fortschritte gibt es im Verhältnis deutscher und polnischer Historiker. Hier leistet die 1972 gegründete deutsch-polnische Schulbuchkommission wichtige Arbeit. Vorsitzender der Schulbuchkommission ist der polnische Historiker und Kulturanthropologe Robert Traba.

Traba, 1958 geboren, ist eine polnisch-deutsche Institution in einer Person. Als erster polnischer Wissenschaftler wurde Traba zum Mitglied des Deutschen Historischen Instituts in Warschau berufen. Heute leitet er das Zentrum für historische Forschungen der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin.

In Olsztyn, dem früheren Allenstein, gründete Traba die Kulturgemeinschaft „Borussia“, die sich darum bemüht, das historische Erbe Erlands und Masurens für Polen und Deutsche lebendig zu halten. 2004 erhielt die „Borussia“ dafür den Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte. Im gleichen Jahr veröffentlichte Traba ein Buch über das „Ostpreußentum“, das sehr schnell drei Auflagen erlebte, preisgekrönt wurde und nicht nur in Polen und in Deutschland, sondern auch in Litauen, Frankreich, Russland und Tschechien lobend rezensiert wurde.

Jetzt liegt unter dem Titel „Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz“ die deutsche Übersetzung dieses Buches vor. Es ist das Musterbeispiel einer unvoreingenommenen und fairen Geschichtsschreibung – das Buch eines polnischen Patrioten und eines überzeugten Europäers.

Vom Deutschen Orden erobert

Vom Deutschen Orden erobert, war Ostpreußen, das Kernland der baltischen Prußen, bis zur ersten polnischen Teilung im Jahre 1771 deckungsgleich mit dem Herzogtum Preußen. Danach erst erhielt es den Namen „Ostpreußen“ und wurde nach der Reichsgründung 1871 zum östlichsten Teil Deutschlands.

Als Folge des Ersten Weltkriegs war Ostpreußen von 1920 bis 1939 durch den polnischen Korridor vom deutschen Reichsgebiet abgetrennt. Diese geografische Ferne machte, in den Worten Robert Trabas, „die Konstruktion einer deutschen Provinz“ zur dringenden nationalen Aufgabe.

1992 fragte sich Marion Gräfin Dönhoff, warum ihr heimisches Ostpreußen „so anders als die anderen Länder und Provinzen des Deutschen Reiches“ war. Sie gab eine erstaunliche Antwort. Typisch für Ostpreußen waren ein festgefügtes Wertesystem, die Achtung von Ehre, Gemeinsinn und Loyalität – und „eine gewisse Enge, ein Mangel an Toleranz Andersdenkenden gegenüber sowie die Unfähigkeit zu offener Diskussion“. Waren die Ostpreußen darin wirklich von den übrigen Deutschen verschieden? Waren die Bewohner des preußischen Kernlandes nicht immer schon typische Deutsche? Und erklären sich nicht daraus Übersteigerung und Pathos, mit dem Ostpreußen, der „heilige deutsche Osten“ zu einer Art von Überdeutschland wurde?

Dies ist ein Eindruck, der sich dem deutschen Leser nach der Lektüre von Trabas Buch aufdrängt. Aber nicht nur die geografische Isolierung führte zu patriotischen Überreaktionen. Ostpreußen war im Ersten Weltkrieg das einzige Gebiet Deutschlands, das von feindlichen (russischen) Truppen besetzt wurde.

Hunderttausende flohen

In der Zeit der Besatzung flohen 300.000 Menschen aus Ostpreußen, 13.000, meist Frauen und Kinder, wurden verschleppt. Die Schlacht bei Allenstein Ende August 1914, in der die russischen Truppen eine vernichtende Niederlage erlitten, wurde zu einem mythischen Datum der deutschen Geschichte.

Auf Wunsch des siegreichen Heerführers Hindenburg wurde sie zur „Schlacht von Tannenberg“, um die Erinnerung an die Niederlage auszulöschen, die der Deutsche Orden 1410 in Tannenberg gegen die Polnisch-Litauische Union erlitten hatte. Hindenburg wurde zum Helden. Und die Dolchstoßlegende half, den Heldenstatus Hindenburgs auch nach dem Ersten Weltkrieg zu bewahren.

Nicht weniger als 15 ostpreußische Städte ernannten Hindenburg zu ihrem Ehrenbürger. Letztlich war es sein Nimbus als Retter Ostpreußens, der es dem Reichspräsidenten Hindenburg später erlaubte, Hitler den Weg an die Macht zu bahnen. Der endgültige Verlust Ostpreußens war die Folge.

Mit detaillierter Quellenkenntnis zeichnet Traba nach, wie von 1914 bis 1933 in Politik und Kultur eine „imaginierte Realität“ geschaffen wurde: das „Ostpreußentum“. 1915 veröffentlichte der Oberpräsident der Provinz ein „Manifest des Ostpreußentums“, in dem er klagte, den meisten Deutschen seien von Ostpreußen nur der „Königsberger Klops, der ostpreußische Maitrank und der komische Dialekt“ vertraut.

Patriotische Pflicht

Es wurde zur patriotischen Pflicht aller Deutschen, den Osten besser kennen zu lernen und, wann immer möglich, Ostpreußen zu besuchen. Zur ostpreußischen Identitätsbildung trugen dabei Begriffe wie „Landschaft“ und „Heimat“ wesentlich bei. Die Dünen der Kurischen Nehrung und die Masurischen Seen, die Elche in der Rominter Heide und die Pferde von Trakehnen wurden zu Markenzeichen. Das „Land der dunklen Wälder / und kristall’nen Seen“ besingt das Ostpreußenlied.

Mit leiser Ironie weist Traba daraufhin, dass die Provinz Ostpreußen den geringsten Waldbestand von ganz Deutschland aufwies und dass es in ihrem Norden überhaupt keine Seenlandschaften gab. In der Volksabstimmung von 1920 hatten sich zwischen 93 und 98 Prozent der Bewohner Ostpreußens für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich entschieden.

Im Lauf der Zeit wurde das vom deutschen Kernland so weit entfernte Ostpreußen zur „deutschesten“ aller Provinzen. In den Wahlen vom März 1933 erhielten die Nationalsozialisten fast 60 Prozent der Stimmen, in einigen Kreisen mehr als 80 Prozent – der höchste Wähleranteil im ganzen Reich.

Wie unvoreingenommen Robert Traba die Herstellung des „Ostpreußentums“ nachzeichnet, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass er auf die Parallelen hinweist, welche die deutschen und die polnischen Ostgebiete aufweisen. Am Rande ihres Kernlandes vereinte Deutsche und Polen die Überzeugung, in einer Art von Leerraum den wahren Glauben, Wissenschaft und Kultur zu verbreiten und damit einer missionarischen Aufgabe zu dienen.

In Olsztyn kann man sich in der „Borussia“ von der großartigen Arbeit überzeugen, die Robert Traba für die deutsch-polnische Aussöhnung, Annäherung und Freundschaft geleistet hat. Im früheren Allenstein treffen die deutschen Vertriebenen bei ihren Besuchen auf Polen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpolen verlassen mussten. Die Erinnerungen der Deutschen und Polen ähneln einander – und helfen ihren Kindern und Enkeln, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten.

Robert Traba: Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz. A. d. Poln. v. Peter Oliver Loew. Fibre, Osnabrück. 518 S., 39.80 €.