Seeed-Frontman

Dellé als WM-verrückter Musiklehrer in Südafrika

Seeed-Frontman Dellé war zur WM in Südafrika. Er gab ein Konzert, Musikworkshops für Kinder, feuerte Ghana und Deutschland im Stadion an. Dellé kennt Ghana, doch nun erlebte er ein ganz anderes Afrika mit Höhen und Tiefen. Die Bilanz der Reise.

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Seeed-Sänger Dellé konnte nicht nur das Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Ghana live im Stadion verfolgen, sondern gab auch einen Musikworkshop für Kids. Dabei ging es hoch her.

Video: Morgenpost TV
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Die große WM-Reise beginnt am 19. Juni mit einer Lücke – einer Zahnlücke. Am Tag seiner Abreise nach Südafrika bricht Seeed-Frontman Frank Dellé (40), der solo als Dellé auftritt, eine Ecke eines Schneidezahns heraus. Doch selbst ein gebrochenes Bein hätte Dellé nicht gestoppt: „Ich wäre auf jeden Fall gefahren“, sagt er ernst. Es findet sich eine Zahnärztin, die ihn auch am Sonnabend behandelt – nicht ohne anzumerken, dass sie ihn um die Reise beneide.

Die Reise führt nach Johannesburg, auf Einladung des Goethe-Instituts. Dieses richtet zur Fußball-Weltmeisterschaft ein Konzert mit deutscher Musik in Südafrika aus. Die Wahl fiel auf 2Raumwohnung und Dellé aus Berlin. Der Deutsch-Ghanaer fährt also mit englischsprachigem Reggae nach Südafrika, um so deutsche Kultur bekannt zu machen – nicht ohne seine Band natürlich. Ohne die gebe es nicht den richtigen Sound, sagt er. Zwölf Musiker machen sich also auf den Weg. Es winken ein Konzert und Tickets für das WM-Spiel Ghana-Deutschland – und ein Musik-Workshop mit Jugendlichen aus ganz Afrika, den Dellé leiten sollte. Per Nachtflug geht es nach Südafrika.

"Das war nicht das Afrika, das ich kenne"

„Das war ein Afrika, das ich so nicht kannte“, sagt Dellé, der als Kind mehrere Jahre in Ghana gelebt hat, jetzt nach seiner Rückkehr. Es beginnt schon mit der Kälte. Die Temperaturen schwanken zwischen 25 Grad am Tag in der Sonne und um 0 Grad. Aber auch kulturell sind die Unterschiede zu Ghana wie erwartet riesig. Vorab hat Dellé Südafrika gegenüber Morgenpost Online bereits als das europäischste Land Afrikas bezeichnet, nun erinnert ihn Vieles an ein Schwarzenviertel in den USA, sagt er: Große moderne Häuser, breite Straßen, selbst die schwarz-weißen Bordsteinmarkierungen.

Nur das Hotel, das das Goethe-Institut ausgewählt hat, nicht. „Das war total Berlin-Mitte-mäßig“, erzählt Dellé. „Alles war total durchgestylt. Das war nicht das Afrika, das ich kenne.“ Die Bediensten stehen alle Spalier, als die Musiker aus Deutschland kommen. Doch diese Ehrfurcht ist bald verflogen. Dellé unterhält sich einfach zu gern: Er plauderte mit den Angestellten, erfährt von einer Putzfrau, dass sich ein neuer Rassismus entwickle in Südafrika: „Das hat die WM mitgebracht, jeder weiß, da ist was zu holen ist.“ Also seien Afrikaner anderer Länder zum Geldverdienen gekommen – und es entwickelten sich neue Feindseeligkeiten.

Die Musiker setzen das Hotelpersonal auf die Gästeliste für ihr Konzert und am Ende tauschen die Profimusiker mit den Hobbymusikern ihre Musik auf CDs aus. „Das sind echt geile Sachen dabei“, schwärmt Dellé über die Musik der Hotelangestellten.

2Raumwohnung heizen ein

Das Konzert findet in einem kleinen Theater statt. Auf den Straßen werben Dellé und seine Musiker noch Konzertbesucher. Er liebt es, mal nicht in den höheren Sphären der Seeed-Berühmtheit zu schweben. Die Tickets sind günstig, es kommen gut 500 Menschen, schwarze und weiße, wie Dellé betont - 800 hätten wohl in den Saal gepasst - und 2Raumwohnung heizen sie an. „Was Besseres kannst Du Dir nicht wünschen“, schwärmt Dellé über die Kollegen.

Dann wird Dellé angekündigt. Der Ansager schlägt einen Bogen zwischen dem Musiker, dessen Mutter Deutsche und Vater Ghanaer ist und US-Präsident Barack Obama – Mutter aus den USA, Vater aus Kenia. Und so wird Dellé als „der nächste Obama aus Deutschland“ auf die Bühne geschickt. Er muss laut lachen, als er dies erzählt und guckt zugleich ein wenig beschämt. Zu viel der Ehre.

Die Band legt los. Die Bässe dröhnen, die Bläser setzen ein. „Manche standen wirklich mit offenen Mündern da“, erzählt Dellé. Das ist wohl nicht das, was alle aus Deutschland erwartet haben. Die Menge feiert schließlich. Dellé lobt das Goethe-Institut in höchsten Tönen. „Die wussten ja auch nicht, ob das passt“, sagt er. Doch sie wagten es, organisierten die Reise perfekt, ebenso wie die Bühnentechnik.

Kinder lernen Musik als Arbeit kennen

Und dann ist da ja noch der Workshop. Dellé als Lehrer. Davor hat er vorab am meisten Angst. Doch welcher Lehrer steht schon am Abend auf der Bühne und groovt – die Schüler sind beim Konzert alle dabei gewesen. „Ich hatte definitiv einen Vorteil gegenüber einem normalen Lehrer“, sagt Dellé und grinst. Als die Musiker dann das erste Mal zu den Jugendlichen kommen, gibt es tosenden Applaus, manche wollen Autogramme. Wieder muss Dellé lachen und winkt ab. „Wir hatten doch noch gar nichts gemacht!“

Zwei Gruppen à 50 Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren warten darauf, mit Dellé und sechs seiner Bandmitglieder anderthalb Tage lang Musik zu machen. Sie sind durch die deutsche Partnerschulinitiative „ Pasch “ aus ganz Afrika zur WM eingeladen worden. Vier Wochen lang nehmen sie an Workshops Teil, in Musik, Theaterspiel oder auch Fußball. Workshopsprache ist Deutsch.

Die Jugendlichen nehmen sich mit den Deutschen Dellé „Power of Love“ und „Cry Out - WM 2010“ – seinen WM-Song - vor. Eine Percussiongruppe und eine Gesanggruppe werden eingeteilt, „das Spaßding wird mit einmal Arbeit“, sagt Dellé. Genau das sollen die Kinder erleben – ohne dass der Spaß ganz verloren geht. Dellé schwärmt. „Das Konzert war fett glamourmäßig, und dann kannst Du das am nächsten Tag mit dem Sänger noch mal ganz basismäßig machen,“ das sei für die Jugendlichen ein großes Erlebnis gewesen. Er strahlt über das ganze Gesicht, und schwärmt: Erst live spielen, „und das dann runterbrechen“, das sei genau sein Ding. Er würde es jederzeit wieder machen, sagt er, es sei eine tolle Erfahrung, zu erleben, dass auch abseits von Seeed noch etwas möglich sei: „Da hab ich echt Glück gehabt im Leben. Es ist nie erschöpft, es geht immer weiter.“

Eines Abends scheint die Situation brenzlig zu werden

Zwischen den Workshops liegen fünf Tage Zeit. Zeit um Südafrika ein wenig näher zu kommen – und die WM im Stadion zu erleben. Dellé ist froh, dass die Mitarbeiter des Goethe-Instituts es entspannt angehen: „Ihr müsst jetzt nicht Angst haben, sofort überfallen zu werden“, ist einer der ersten Sätze, den er hört. „Das ist ja auch eine Beleidigung für die Menschen“, beschwert er sich. Wenn man sich ständig an seine Tasche klammere, würde man ja allen unterstellen, sie würden Taschen klauen. Nur einmal denkt er, es könnte brenzlig werden, als er abends allein unterwegs ist zum Hotel. Ein angetrunkener Mann sagt ihm, er könne doch noch nicht nach Hause gehen, er solle mit um die Ecke kommen, da sei ein toller Club. Dellé glaubt ihm nicht: „Aber ich dachte auch nicht, dass er mit wirklich etwas tun kann“. Also geht er mit um die Ecke – und dort ist ein Club: „Da sah es aus wie in einer Berliner Zweiraumwohnung.“ Bis fünf Uhr morgens kann der Musiker sich nicht wieder losreißen.

Die Weltmeisterschaft in Südafrika hat Dellé vorab skeptisch gesehen, denn die Fifa brachte seiner Meinung nach ein europäisches System nach Afrika, es war keine südafrikanische WM. Aber er befürwortete sie auch, damit Afrika mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit der Welt rückt. Im Nachhinein erzählt er: „Jeder dort sagt, dass es gut ist, dass die WM in Südafrika stattfand.“ Sie bringe Hoffnung. „Es kamen Weiße ins Land, die nichts mit der Apartheid zu tun haben.“ Das sei wichtig gewesen. Seine weißen Musiker seien auf der Straße angesprochen worden: „Kommt wieder, ihr seht doch, nichts passiert.“ Im Apartheid-Museum, das Dellé tief beeindruckt hat, haben die Musiker gelernt, „wie systematisch den Weißen Angst eingeschärft wurde“. Deshalb sei die WM gut für Südafrika gewesen: „Du kannst so einfach mit Angst Feindseeligkeit hervorrufen, und das lässt sich nur aufheben mit eigenen Erfahrungen, die Du machst.“ Und in einem Punkt war die WM nicht so Fifa-gelenkt wie erwartet: „Die Händler kamen bis ans Stadion ran.“

Großer Auftritt im Stadion

Im Stadion hat Dellé beim Spiel Deutschland gegen Ghana einen weiteren großen Auftritt: „Ich bin da richtig einmarschiert“, erzählt er und lacht lauthals, als er sich noch einmal die Videoaufnahmen ansieht. Sein Gesicht ist für das Spiel zur Hälfte mit der deutschen, zur anderen Hälfte mit der ghanaischen Fahne geschminkt. Um die Schultern hängt ihm eine Ghana-Fahne, um den Hals ein Deutschland-Schal. Eine Mitarbeiterin des Goethe-Instituts geht die Ghana-Fahne schwenkend vorne weg zu ihren Sitzplätzen, es folgen der WM-gestylte Dellé und die Band-Musiker. „Ich glaub’, das hat auch welche genervt“, sagt er grinsend. Doch andere wollen sich sogleich mit ihm fotografieren lassen. „Es war eine große Gaudi.“ Eine Lanze bricht Dellé für die Vuvuzelas. „Mir war schon klar, dass Afrikaner, wenn Du ihnen so ein Instrument gibst, nicht einfach nur reinblasen“, sagt er. Im Gegenteil im Stadion seien die Vuvuzelas rhythmisch ausgefeilt gespielt worden. Nur im Fernsehen sei das nicht rübergekommen – „die hätten die Mikros nur punktuell platzieren dürfen“, beklagt der Diplom-Filmtoningenieur.

Als dann Ghana und Deutschland schließlich eine Runde weiterkommen, kann Dellé es kaum fassen. „Papa, Du hast mich erhört“, ruft er da gen Himmel zu seinem verstorbenen Vater. Doch die Gefühlsachterbahnfahrt setzt sich mit dem Ausscheiden Ghanas im Viertelfinale fort: „Das hat mich zutiefst getroffen“, sagt Dellé. „Ich hatte irgendwie daran geglaubt, das Unmögliche würde passieren, weil ich es will.“ Das Unmögliche ist für ihn Deutschland gegen Ghana im WM-Finale. Doch es soll nicht sein. Den aus seiner Sicht historischen Sieg Deutschlands gegen Argentinien kann Dellé dann gar nicht so richtig genießen: „Mein Traum war geplatzt.“

Nun geht es weiter mit Seeed

Dennoch war es die spannendste WM, die er je erlebt hat, sagt Dellé. Denn er war dabei – ausgerechnet in Afrika. Nachdem eine kleine Südafrika-Tour mit Seeed 2005 geplatzt war, weil er zu seinem sterbenden Vater nach Deutschland zurück musste, hat es nun geklappt: Dellé hat Deutschland nach Afrika gebracht. Auch seine Band habe die Reise zusammenschweißt, sagt er, „und wenn die nächste Pause ist…“. Pause von Seeed meint er. Denn nun steht wieder die Erfolgsband auf dem Programm. Im September geht es an die intensive Arbeit am neuen Album. Zwei Tracks sind bereits in ersten Fassungen eingespielt, die Band hat ihren Probenraum renoviert. „Damit wir noch lange mit Seeed weitermachen“, sagte Dellé, „wird es aber immer wieder Pausen geben“. Das letzte Mal wollte er gar keine einlegen – und dann kamen ein Album, eine WM und eine Reise.