Stürmisch und verregnet war der Morgen, an dem Filmemacher Wim Wenders aus seinem Haus an der Torstraße trat und verblüfft auf die gegenüberliegende Straßenseite schaute. Dort stand, allein, pitschnass und verzweifelt mit einem Stadtplan kämpfend, kein Geringerer als Kultregisseur Quentin Tarantino. „Er war auf Motivsuche für seinen Kinofilm ,Inglourious Basterds' und hatte sich wohl verirrt“, erinnert sich Wenders. Der deutsche Regisseur half dem amerikanischen bei der Wegsuche. Es war der Moment, in dem ihm bewusst wurde, sagt Wenders, dass Berlin sich zu einer ernst zu nehmenden Filmmetropole entwickelt – dass es dies nicht nur reklamiert.
Und tatsächlich: Jeder vierte in Deutschland produzierte Film wird mittlerweile in der Hauptstadtregion gedreht. Der Trend wird sich auch 2009 nicht ändern. Trotz der anhaltenden Wirtschaftskrise kann von einem Umsatzrückgang in der hiesigen Filmbranche keine Rede sein. „Das Jahr fing sehr gut an. Und allein bei der letzten Fördersitzung lagen so viele qualitativ gute Anträge vor wie noch nie“, sagt Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin des Medienboards Berlin-Brandenburg. Bereits 20,5 Millionen Euro Fördergelder wurden in den ersten sechs Monaten 2009 an 185 Projekte vergeben. „Wenn jetzt noch die eine oder andere internationale Großproduktion nach Babelsberg kommt, ist die Situation mit der des krisenfreien Vorjahres 2008 vergleichbar“, sagt Niehuus.
Und die Großproduktionen kommen. „Wir holen noch mindestens eine nach Babelsberg“, bestätigt Christoph Fisser, Chef der Babelsberger Filmstudios.
Während in vielen Branchen Umsätze und Arbeitsplätze zurückgehen, frohlocken Filmproduzenten wie TeamWorx-Chef Nico Hofmann: „Wir haben schon im ersten Halbjahr 2009 ein Umsatzplus von zwanzig Prozent eingefahren.“ Allein für seine zwei aktuellen Projekte (u.a. „Die Grenze“) investiert der Berliner Produzent 16 Millionen Euro. „Die ganze Unterhaltungsbranche boomt, und das wirkt sich natürlich positiv auf unser Geschäft aus“, sagt Hofmann. Die Krise als Chance für die Filmbranche? Tatsächlich stieg der Umsatz an den deutschen Kinokassen im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2008 um 11,6 Prozent. „Es läuft erstaunlich gut“, sagt Wilfried Berauer von der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft.
Wenn Zuschauer in Deutschland im Kinosessel sitzen, genüsslich Popcorn essen oder ein Bierchen picheln, flimmern über die Leinwand vor ihnen oft Bilder aus der Hauptstadt. Welche aus Moskau gefällig? Auch kein Problem. Als Kulisse dafür kann Berlin seine Stalinbauten anbieten. Aber können hiesige Produktionen mithalten mit Hollywood, und ist das Fördergeld gut angelegt? Der Berliner Schauspieler Arndt Schwering-Sohnrey, den Tarantino für eine Nebenrolle als Wehrmachtssoldat in „Inglourious Basterds“ besetzte, hat dazu eine klare Meinung: „Solche Produktionen bieten hiesigen Schauspielern die Möglichkeit, international auf sich aufmerksam zu machen und große Preise zu erringen.“
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist die Region zum wichtigsten Filmstandort Deutschlands geworden. 17,4 Millionen Zuschauer schauten bereits 2008 die vom Medienboard geförderten Filme. Sie brachten knapp 100 Millionen Euro in die Kinokassen und machten damit 57 Prozent des Gesamtumsatzes deutscher Filme aus. „Die Früchte, die wir derzeit ernten, sind das Resultat von jahrelangem Engagement – auch von politischer Seite. Das wird jetzt von anderen Regionen neidvoll beäugt“, sagt Produzent Nico Hofmann.
Ein wortreich und lautstark geführter Wettstreit ist unterdessen zwischen den Filmstädten München und Berlin entbrannt. Wo liegt das Herzstück der deutschen Filmindustrie? In den 80er- und 90er-Jahren konnten sich die Bavaria-Filmstudios durchaus rühmen, im Kinogeschäft erfolgreich zu sein, mit Werken wie dem Oscar-prämierten Film „Das Boot“ oder der Verfilmung des Bestsellers „Die unendliche Geschichte“. Aber die Tage, als München triumphieren konnte, die deutsche Filmstadt nach 1945 zu sein, scheinen vorüber.
„Es wird kein großer Film nach München kommen, außer Sie scheißen ihn mit Kohle zu“, sagte jüngst ausgerechnet Bernd Eichinger. Der bayerische Vorzeigeproduzent war zu einem Filmgespräch der CSU geladen. Darin sollte es eigentlich darum gehen, wie man die Filmproduktion im Freistaat ankurbeln kann – Eichinger scherte das wenig. Das Interesse internationaler Produzenten an Bayern sei „fraglich“, bekannte der Produzent.
Eichinger weiß, wovon er spricht, kennt Zahlen und Fakten. Was die wesentlichen Branchenzahlen anlangt, liegt Berlin vor Hamburg, München und Köln. Vor allem bei prestigeträchtigen internationalen Produktionen hat Berlin dabei den Bavaria-Studios längst den ersten Rang abgetrotzt. Eichinger formuliert das so: Studio Babelsberg habe es geschafft, sich den US-Studios als Partner anzubieten, der nicht nur den Zugang zu Fördertöpfen ermögliche, sondern umfassende Leistungen biete, vor allem mit Blick auf lokale Abstimmungen wie Drehgenehmigungen.
Wie findet man solch eindeutige Bekenntnisse in Berlin? „Diese Aussage ist absolut berechtigt, ich kann Bernd Eichinger da nur unterstützen. Es fehlt in Bayern an einer Vision“, sagt Nico Hofmann. Inhaltlich könnten die Bayern nicht mehr mithalten, der ganze Markt drehe sich um Berlin. Da könnten die Bayern „so viel reden, wie sie wollen“. Ändern werde dies nichts.
Sätze wie diese sind für die Besitzer der Babelsberger Filmstudios, Carl Woebcken und Christopher Fisser, pure Bestätigung. Als sie 2004 die defizitären Studios übernahmen, glaubte kaum einer an den Erfolg. Woebcken und Fisser blieben unbeirrt und forcierten die Zusammenarbeit mit internationalen Filmproduktionen. Blockbuster heißt das Zauberwort. „Gerade das hat uns ganz stark nach vorne gebracht, dass wir das einzige Studio Deutschlands sind, das sich komplett auf große Kinoproduktionen ausgerichtet hat“, sagt Fisser. Das sei Berlins Alleinstellungsmerkmal, und das nutze man.
An den Kinokassen wird es vermutlich bald wieder ganz laut für einen Kinofilm „made in Berlin“ klingeln: Am 20. August läuft in Deutschland Tarantinos Werk „Inglourious Basterds“ an.

















