DVD

AC/DC und die Offenbarung in Offenbach

Die Rock-DVD "Plug Me In" fördert einiges zu Tage: So die legendären Auftritte des zügellosen Rockgottes Bon Scott. AC/DC schaffte es, aus fast jedem Mann Brunftgebrüll und Anti-Bürgerlichkeit hervor zu bringen. Spurensuche bei einer Band, die heute schon die CSU des Hardrock ist.

Das Bild wackelt heftig, Schwarz ist zu sehen, schemenhaft auch Gelb und Rot. Ein Mann schält sich aus dem Verschwommenen, greift zum Mikrofon und brüllt los.

Ein heimlich mitgeschnittener Film, Dezember 1979, Nizza. Es ist der Sänger von AC/DC zu sehen, der schon fast 30 Jahre bei den Toten weilt. Bon Scott: Wie er sich windet und schreit. Wie er predigt: Let There Be Rock . Und wie daneben ein junger Mann in Schuluniform und später mit nacktem Oberkörper unglaubliche Dinge mit der Gitarre tut.

Kein Kenner kam an der Band vorbei


Ach, und mir fällt dazu sofort Offenbach ein. Musik transportiert Erinnerung, auch dazu sind DVDs hervorragend geeignet. „Plug Me In“ heißt eine opulente Ausgabe mit Konzert- und Fernsehmitschnitten der australischen Band AC/DC.

Ich tauche darin ein wie in einen dunklen Waldteich. Die Stadt Offenbach wird gemeinhin in ganz Hessen als ziemlich überflüssig angesehen, wer von dort kommt, hat mindestens in Frankfurt einen schweren Stand. Für mich aber ist Offenbach der Ort eines Erweckungserlebnisses erster Güte. Ich bin Träger der Bon-Scott-Ehrenmedaille, ich darf sagen, ich bin dabei gewesen.


Im November 1979 war mein erstes Konzert, wir wurden zu viert von einem Vater von unserem Dorf 20 Kilometer weit gefahren, stiegen dort in einen Bus nach Offenbach. AC/DC spielten in der Stadthalle, die Band war damals sehr groß, das Album „Highway to Hell“ – so sahen wir das - riss alle ernsthaft an Musik Interessierten mit. Wir waren 15 Jahre alt.

Schwitzende Rücken, irre Gitarren

Die Erinnerung ist genauso schemenhaft wie auf den Bildern aus Nizza im Dezember 1979, das nur drei Wochen nach unserem Konzert stattfand.

Die Halle erschien mir groß, obwohl wahrscheinlich nur drei- bis viertausend Menschen da waren, die meisten Zuschauer deutlich älter und einen Kopf größer, so habe ich eigentlich gar nicht so viel gesehen von dem Auftritt. Aber es gab zehn Meter von der Bühne entfernt genug Platz, um hin- und hin und her zu stampfen wie Bon Scott.


Mein T-Shirt war bald komplett nassgeschwitzt. Wir Vier wollten natürlich Angus Young sein, der Solo-Gitarre spielende Schuluniformträger, den wir viel mehr bewunderten als den Sänger. Ich dachte damals, Angus sei fast so jung wie ich; er war jedoch schon 21 Jahre alt.


Wie wir schon vorab wussten, wurde er irgendwann auf den Schultern eines Roadies durchs Publikum getragen, während er eines seiner irren Solos spielte, den schweißnassen Kopf heftig schüttelnd. Die Parade führte direkt an uns vorbei. Mit ekstatischem Gesichtsausdruck gab Angus Young den Derwisch, ständig unter Strom. Hier hatten wir ein echtes Vorbild gefunden. Und, ja, wir spielten selbstverständlich Luftgitarre dazu.

Der haltlose Säufer wird bis heute verehrt

Ich erinnere mich an den ungeheuren Lärm und das Chaos in meinem Kopf und die herrliche Befreiung, die von der Musik ausging. Das war es. Entäußerung und Energie. Druck, Gewalt, Erlösung. Das war das Leben, das war die Welt, wie sie sein sollte und nicht, wie sie war, jedenfalls so ganz anders als in unserem Dorf. Let there be sound – drums – guitar . Mehr brauchte es nicht.

Im Bus zurück lief wieder lauter Rock, aber ich wollte es nicht mehr hören. Ich wollte Stille. Ich hörte das Fiepen in meinen Ohren und war stolz. Kaum nötig zu sagen, dass nach dieser Offenbarung in Offenbach die feinen Formen der bürgerlichen Musikvermittlung für sehr lange Zeit an mir vorübergingen. In Philharmonien und Kammermusiksälen wird nicht gebrüllt oder geschwitzt. Niemand konnte Angus Young das Wasser reichen.

Das hessische AC/DC-Konzert war das letzte in Deutschland mit Bon Scott. Die Band spielte noch in Frankreich und England, im Februar 1980 starb der Sänger, gerade mal 33 Jahre alt. Er erstickte nach einem Alkoholexzess an seinem Erbrochenen, ein Freund fand ihn am Morgen in seinem Auto, er hatte ihn in der Nacht nicht wecken können. Heute ist Bon Scott als haltloser Säufer legendär; die Fans leeren Bierflaschen an seinem Grab in Australien und lassen die Verschlüsse zurück.

Der Dudelsack brüllte vor braven Frisuren

Auf der DVD mit den Aufnahmen von 1975 bis 1979 kann man die Risiken und Nebenwirkungen des Hardrock nicht sehen. Dann und wann wirken die Musiker bei Interviews betrunken, es sieht harmlos aus. Was man aber sehr wohl sieht, ist, dass die Revolution, die AC/DC im Gefolge des Punk auslösten, viel mit der Präsenz des Sängers zu tun hatte.

Bon Scott wusste genau, wie viel von ihm abhängt. Wie die Brüder Malcom und Angus Young stammte er aus Schottland, war aber in kleinsten Verhältnissen in Australien aufgewachsen. Im Fernsehen, wo die Band sich nie richtig entfalten konnte, setzte Scott auf Sex mit der Kamera. Immer in hautengen Jeans, mit verrückten Westen, Anzugjacken, Frackhemden über den nackten Oberkörper gestreift, flirtete er mit dem Zuschauer.

Bald riss er sich alles vom Leib, meist sind auf den Aufnahmen Schweißperlen am ganzen Körper zu sehen. Beim ersten Europaauftritt, in der BBC, stellt er eine knappe Leopardenweste über dem nackten Oberkörper zur Schau. Er albert – Schottland! - mit einem Dudelsack herum, und schreit sich die Seele aus dem Leib. Im Publikum sitzen brav frisierte Mädchen in Abendkleidern und Jünglinge mit Krawatten.

Neue Fans für altes Krächzen

Mit dem neuen Sänger Brian Johnson kehrten AC/DC ein paar Monate später zurück. Das Album „Back in Black“ wurde mit 42 Millionen Stück weltweit zur zweitbest verkauften Platte der Geschichte. Aber es interessierte mich nicht mehr so. Bon Scott war tot, seine heisere, gequälte Kopfstimme dahin, und die aufkommende New Wave mit ihren kühlen Klängen und neuen Synthesizertönen erschien plötzlich viel aufregender als der harte Rock.

Wir glaubten ernsthaft, die Gitarre habe endgültig ausgedient. AC/DC aber machten die gleichen Platten immer wieder. Die Konzerthallen und -arenen wurden riesig. So gingen wohl um die 150 Millionen Platten in die Jugendzimmer der Welt. Man sieht auf der zweiten DVD von „Plug Me In“ (1980-2003), wie Angus Young sich ständig aufs Neue auf dem Boden windet, wie er die Hosen runterlässt, um Shorts mit den jeweiligen Landeswappen zu präsentieren (früher war es der nackte Hintern).

Sein headbanging lässt er mittlerweile sein, und der Sänger, der nun auch schon etliche Jahre Dienst nach Vorschrift verrichtet, krächzt oft mehr als er schreit. Auf bemerkenswerte Weise kamen nach dem Tief der neunziger Jahre mit der Wiederkehr des Rock die alten Fans zu den neuen hinzu. AC/DC sind längst wieder hip.

Sehnsucht nach dem brünftigen Anti-Bürger

Wenn im nächsten Jahr das erste Studioalbum seit 2000 erscheint, ist die Band garantiert wieder obenauf. Warum? Weil sich nichts verändert hat. Die Beständigkeit der Band ist bis heute das viel besungene Erfolgsgeheimnis der Band. Man muss sich wiederholen, um sich treu zu bleiben. Bloß nicht vom rechten Weg abweichen. Beharren auf die erprobten Rezepte der frühen Tage.

Hardrock verspricht auf intelligente Weise das Ausblenden aller Umstände, so ist die Musik zum wuchtigen Garanten der Wertbeständigkeit geworden. Ja, AC/DC sind praktisch die CSU im Musikspektrum. Die Welt um den Zuhörer verändert sich rasend schnell, hier aber weicht nichts auf, hier werden junge und alte Männer noch angesprochen wie in der Jungsteinzeit.

Die schlichten Lieder über Machos, Bier, untreue Bräute und den Rock ’n’ Roll, der keine Lärmbelästigung ist, garantieren so etwas wie Bestätigung und Katharsis. Es gibt die Sehnsucht nach Antibürgerlichkeit und Brunftgebaren noch im treuesten Büroangestellten – wenn er im Konzert für Angus Young den Kopf schütteln kann, als hätte er noch lange Haare, wird alles gut.

Man mag das lächerlich finden und infantil. Aber wo ist Erhabenheit sonst so einfach – und so laut? 2008 soll es auch wieder Konzerte geben. Also, einmal noch den Bad Boy Boogie.

AC/DC: Plug Me In. (SonyBMG) Als Zweier-DVD oder Dreier-DVD mit zusätzlichen Aufnahmen und Extras.