Seit über 36 Jahren ist dieser Mann auf der Welt, und er hat keine Zeit verloren, sich mit so ziemlich jedem anzulegen: seiner Mutter, seiner Frau (die er zweimal heiratete und zweimal verließ), Christina Aguilera, Elton John, Präsident George W. Bush, Frauenrechtlerinnen, Schwulenverbänden, Kinderschützern, der Polizei sowie der Nicht-ganz-Präsidentengattin und hauptberuflichen Spaßverderberin Tipper Gore. Bei einer derartigen Feindesliste und einer erwiesenen Unfähigkeit, die Klappe zu halten, wundert es, dass der Rapper Eminem erst jetzt seine erste Autobiografie veröffentlicht.
Seine Memoiren erscheinen zu einem merkwürdigen Zeitpunkt, denn es ist zuletzt ziemlich ruhig geworden ihn. Und das ist in seinem Fall tatsächlich bemerkenswert. Nachdem er 1999 sein Album "The Slim Shady" veröffentlichte, erzeugte Bruce Marshall Mathers III, so sein echter Name, ein anhaltendes Maß an Aufregung, zusammengesetzt zu ziemlich gleichen Teilen aus Bewunderung und Hass.
Er hat das Genre Hip-Hop, eine der zwei relevanten musikalischen Innovationen der vergangenen 30 Jahre, zu vorher ungekanntem kommerziellen Erfolg verholfen, er war auch der erste ernst zu nehmende und massentaugliche weiße Rapper. Und er hat in seinen Texten Gewalt verherrlicht, Frauen beleidigt, andere Popstars verhöhnt.
Verbalkrawall ist nicht seine Erfindung, sondern eher Standard im Hip-Hop, aber wie oft im Pop geht es vor allem darum, dass einer die vorliegenden Strömungen perfektioniert und perfekt verkörpert. Ein Rüpel mit schlechter Haut und ohne Hemmungen war die Idealbesetzung, um Wut und Gewaltfantasien in jedes Kinderzimmer zu bellen. Dass sein Produzent Dr. Dre ihm einen unwiderstehlichen Sound verpasste schadete nicht: Bis heute hat Eminem mehr als 80 Millionen Alben verkauft.
Nähe zum unerreichbaren Star
Wie jedes gute Fanbuch erzeugt "The Way I Am" eine sonst unerreichbare Nähe zu dem Mann, der seit Langem in einer gut bewachten Wohnanlage lebt. In seinem Buch aber erzählt Eminem, als säße er in einem Imbiss in seiner Heimatstadt Detroit bei ein paar Dosen Seven Up.
Er schwärmt von den Freuden des Vaterseins, trauert um seinen bei einer Schießerei gestorbenen besten Freund, berichtet von Kontroversen, Festnahmen, Zusammenbrüchen, Dreharbeiten. Und bereut pflichtschuldig seinen Drogenkonsum. Heute ist er angeblich ziemlich clean, nachdem er zuletzt sogar seine Schlafmittelsucht therapeutisch behandeln ließ.
Dass ein Popstar in etwa so schnell altert wie ein Hund, erweist sich auch hier. Was nur wenige Jahre her ist, wirkt Lichtjahre entfernt. Bei den MTV Awards 2002 etwa fühlte sich Eminem von einer komoderierenden Hundepuppe so irritiert, dass er seinem Kollegen Moby den ausgestreckten Mittelfinger direkt ins Gesicht hielt und ihn nach Preisentgegennahme von der Bühne als "Mädchen" beschimpfte.
"Meine Stimmung kann schnell umschlagen", schreibt er, kann aber bis heute nicht richtig erklären, was an dem Abend eigentlich das Problem war. Er würde sich heute anders verhalten, behauptet er, aber bildet das Foto mit dem Mittelfinger groß genug ab, um die Zerknirschung nicht allzu überwältigend wirken zu lassen.
Interessanter als der etwas geschwätzige Text sind ohnehin die Bilder, denn man hat sich hier sehr sorgfältig in den Archiven umgetan. Eine frühe Demokassette ist ebenso abgebildet wie echte und gestellte Festnahmefotos, die viel publizierten Bilder mit der Dynamitstange sowie der ganz normale Alltag eines Weltstars: Backstage, Umkleide, Tourbus, Hotels, Stripklubs, der Schulterschluss mit Hugh Hefner.
Dankenswerterweise für die Nachwelt erhalten: das unscharfe Bild von dem Musiker mit einem Jeansaufsticker in Form einer glasierten Schokolinse. Von "M & M's" leitete er immerhin seinen Künstlernamen ab. Die Einleitung ist ein Nachruf auf seinen Kumpel "Proof", direkt danach sieht man Eminem, der eine Zeit bei einem Hamburgerimbiss arbeitete, mit Schmollmund und Schürze, in der einen Hand eine Mülltüte, in der anderen einen Karton mit Kartoffeln aus Idaho. Das Foto ist ein bisschen zu gut, um ein Schnappschuss aus den harten Anfangsjahren zu sein. Aber als "working class hero" kann man sich ja auch verkleiden.
Der schönste Teil von "The Way I Am" sind die abfotografierten Zettel, auf denen der Musiker seine Texte notiert hat. Sie sind eng bekritzelt, voller Kringel und Durchstreichungen, mit fahriger Hand geschrieben. Man könnte sie von einem Grafologen deuten lassen oder gerahmt in einer Galerie hängen, in jedem Fall vermitteln die Notizzettel von Marshall Mathers die suchende Energie eine wirklichen Künstlers.



















