Berlin-Konzert

Eigenbrötler Mark Knopfler begeistert in O2 World

Was Mark Knopfler da in der O2 World zelebrierte, wirkte wie ein Treffen alter Bekannter in einem etwas zu groß geratenen Pub. Und obwohl der Ex-Dire-Straits-Frontmann wegen Rückenproblemen sein Konzert im Sitzen ablieferte, ließ er die Gitarren so richtig rocken.

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Ein bisschen stoische Widerborstigkeit ist ihm schon anzumerken. Es gibt wohl kaum einen Rockstar, der sich so konsequent gegen sein einstiges Image abzuschotten versucht wie Mark Knopfler. Der 60-jährige Schotte, der einst mit den Dire Straits dem Stadionrock eine gewisse Qualität verschafft hat und mit so grandiosen wie technisch brillanten Alben wie „Dire Straits“, „Love Over Gold“ oder „Brothers In Arms“ Millionen umsetzte, hat sich seit der Auflösung seiner Band Ende der Neunziger konsequent als musikalischer Eigenbrötler inszeniert, der stur seine eigene musikalische Wege gehen will. Das hat er auf bereits mehreren ansprechenden Alben manifestiert. „Get Lucky“, sein mittlerweile sechstes Soloalbum, steht am Freitagabend im Mittelpunkt seines Konzerts in der ausverkauften O2 World.

Knopfler-Konzerte sind einerseits eine Hitrevue mit Klassikern der siebziger und achtziger Jahre, andererseits eine musikalische Geschichtsstunde in Sachen Roots. Er schlägt sozusagen eine musikalisch die Brücke von der Alten in die Neue Welt und zurück. Er hat seiner musikalischen Wurzeln in amerikanischer Countrymusik, bei Bluegrass, bei Louisiana-Zydeco, beim Blues der Schwarzen - und tief in der schottischen Folklore, die durch die frühen Amerika-Auswanderer die amerikanische Volksmusik nachhaltig prägte. Der neue Song „Border Reiver“ ist solch ein Stück, das diesen weiten musikalischen Bogen über den Atlantik schlägt. Es steht am Anfang dieses Abends und beginnt mit beseelter schottischer Flöte, die unisono mit dem Akkordeon die wehmütige Melodie vorgibt, über die Knopfler an der knallroten Fender Stratocaster seinen so einzigartigen Gitarrensound legt. Sofort hat er das Publikum auf seiner Seite.

sEin kompakter Mix aus Bluesgrass-Elementen, Folk-Einflüssen, elektrifiziertem Blues und swingendem Rock’n’Roll perlt in bestem Sound durch den Saal. Fiddle, Flöten und Bouzouki kommen zum Einsatz, Mandoline und National Steel Dobro. Dann werden wieder die E-Gitarren geschwungen. Was Mark Knopfler da in dieser für den großen Show-Event ausgelegten Halle zelebriert, wirkt wie ein Zusammentreffen alter Bekannter, wie eine Jam-Session in einem etwas zu groß geratenen Pub, bei der die Gitarre etwas zu laut ist und der Sänger seine Lieder mit Emphase zernuschelt.

Sieben erstklassige Musiker stärken ihm den Rücken. Apropos Rücken. Den hat er sich, so erklärt er während einer seiner wenigen Ansagen, vor sechs Wochen so schwer verletzt, dass ihm sein Arzt jegliche Bewegung untersagt hat. Man könnte meinen, dies würde das Ende einer jeden Rocktournee bedeuten, doch Knopfler nimmt sich einfach einen Designer-Drehstuhl und spielt sich im Sitzen durch diese zwei Stunden. „Ist nicht schlimm“, beteuert er. „Ich finde das sogar ziemlich cool.“ Das Publikum offenbar auch. Und so lehnt er sich wie ein altersweiser Geschichtenerzähler zurück und treibt mit „What It Is“ noch so einen pulsierenden Schotten-Folkrock durch die O2 World. Es stampft der Rhyhtm’n’Blues („Coyote“), es wird in hemmungslosen Liebesballaden geschmelzt („Prairie Wedding“). Und nach „Romeo and Juliet“ vom ersten Dire-Straits-Album gibt’s den Jahrhundert-Hit „Sultans of Swing“, bei dem sich der Flötist und die beiden Keyboarder verziehen. Man rockt in klassischer Viererbesetzung, wie damals mit den Dire Straits, und im Saal ist kein Halten mehr.

Knopfler, der stilprägende Gitarrist, ist ein im positivsten Sinne altmodischer Traditionalist, der im Licht der Vorbilder von B.B.King über Chet Atkins und Bob Dylan bis J.J. Cale zu strahlen versucht. Es ist ein Abend ohne große Showeffekte, nur guter Sound, gutes Licht, gute Musik. Doch einmal, während der beiden erwähnten Dire-Straits-Hits, zeigt Knopfler, was Understatement heißt. Ein Vorhang öffnet sich und gibt eine riesige Leinwand frei, auf der nichts anderes zu sehen ist als Knopflers Finger, die live über die Gitarrensaiten perlen. Und schon schließt sich der High-Tech-Aufwand nach den zwei Stücken wieder. Bloß nicht zuviel Ablenkung. Aber zu jedem Song eine neue Gitarre, das muss schon sein.

Mit der rockigen Dire-Straits-Hymne „Telegraph Road“ vom 82er-Album „Love Over Gold“ wird wie schon bei der letzten Tournee phonstark das Finale zelebriert. Die Musiker stoßen beim Schlussapplaus mit Sekt aus Pappbechern an und gehen erst gar nicht von der Bühne. Nein, Mark Knopfler hat es nicht nötig, die Dire Straits wieder zu vereinen. Ihre Songs hält er auch im Alleingang am Leben, und schließlich gehören mit Keyboarder Guy Fletcher und Schlagzeuger Danny Cummings zwei ehemalige Dire-Straits-Mitglieder zu seiner Band. Die Ballade „Brothers in Arms“ eröffnet den Zugabenteil. Das Publikum ist glücklich und singt bei „So Far Away“ kräftigst mit. Rückwärtsgewandtheit kann so schön sein.