O2 World

Kings of Leon - Die aufregendste Band der Welt war da

Sie spielen Rock pur, sehen toll aus, und rauben ihrem Publikum, ganz gleich ob Frau oder Mann, alt oder jung den Verstand. Die Kings of Leon. Mit Bier und Schnaps auf der Bühne spielten und tranken sie sich nun in der Berliner O2 World in einen Rausch.

Foto: dpa / dpa/DPA

Was wurde nicht alles über die vier Jungspunde aus Nashville geschrieben. Sie seien jetzt die neuen U2, sie würden sich bald eh trennen, aus rockerüblichen Gründen: Bier und Schnaps in rauen Mengen, Frauen, Schlägereien, der berühmten Ruhmklatsche. Sie machten jetzt auf 80er und Stadionbombast, während sie einst den Strokes, klassischem Southern Rock, sowie ungezogenem Schweinerock die Schau stahlen. Sänger Caleb Followill habe seine besten Songs vom aktuellen vierten Album "Only by the night" unter akuter Schmerzmitteldröhnung geschrieben. Und überhaupt: Drei von ihnen sind die Söhne eines Wanderpredigers, was für den himmlischen Rumpelrock und Gottes Erfolgsegen spricht. Sie trugen mal Milchbärte, jetzt haben sie enge Hosen an und eine Frisur. Stimmt ja alles.

Aber ganz ehrlich: das ist doch alles ganz und gar unwichtiger Firlefanz, denn: Die Kings of Leon sind nun mal die momentan unwiderstehlichste Rockband der Welt. Punkt. Durchatmen. Auf das "Warum?" warten. Und ganz frech: "Darum!" antworten. Es dann doch mit den Live Auftritten belegen. Sie haben dieses Jahr schon mal in Berlin gespielt, in der schnuckligen Columbiahalle vor dreitausend hingerissenen Seelen. Jener Gig war eine Lektion in Sexyness, in all dem, was Frauen um den Verstand bringt, Männern Respekt einflößt, und Neid, Wut, Liebe und Begehren zu einem Cocktail mixt, den man nur bestellen sollte, wenn man den Kater nicht fürchtet. Es war eine Nacht, die Funken schlug, die nach Rotz, Bier und Pheromonen roch und bei der man sich, noch während sie dauerte, wünschte, sie möge nie, nie, nie enden.

Samstagabend bespielten sie nun die ungleich größere O2 Arena und auch dieser Auftritt war ein Adrenalinkick, und auch wenn er eine Spur kleiner ausfiel, schaffte er es immer noch zur stattlichen Testosteronüberdosis. Auch hier kriegen sie alle: Die Mädchen sowieso, die Jungs erst recht und die Alten stehen daneben und jubeln mit, weil sie sehen, dass sie gerade noch mal bei der aufregendsten Samstagabendgestaltung dabei sein dürfen.

Oftmals gibt es den ganz normalen Rockstarquatsch

Den Kings of Leon wurde viel Gemeines vorgeworfen, Erfolg macht eben neidisch. Sie hätten keinen Humor, sie seien auf unangenehme Weise amerikanisch geworden, außerdem völlig abgehoben und während Interviews die ganze Zeit über besoffen. Hier und heute ist das alles Geschwätz aus der Ferne, denn die 02 Arena brennt tatsächlich und dass passiert großen Mehrzweckhallen ja bekanntlich eher selten. Zwar hat der aseptische Ort keinen Soul, erst recht keinen Blues und da die Kings of Leons eine Rockband sind und kein Pop, gibt es auch keine aufwendige Lichtshow, keinen optischen Bombast wie Kostümwechsel oder besonders originellen Videoleinwände.

Sie schlurfen einfach zu viert auf die Bühne, starten mit dem hübschen "Notion" und werden dann gleich etwas ungehalten und rotzig mit "Be somebody". Sänger Caleb ist tatsächlich kein großer Entertainer, nach dem dritten Song nuschelt er "Wir sind die Kings of Leon, hallo" und ein Mann in der ersten Reihe brüllt stellvertretend für alle "Ach ne jetzt, echt?" Aber das Publikum verzeiht den Pfarrerssöhnen alles. Vielleicht weil sie ihre Musik tatsächlich erst nehmen, die rumpligen Klassiker wie "Molly's Chambers" oder "Milk" genauso wie die grandiose Spuknummer "Closer" und das süffisante "Knocked Up". Und entgegen anderslautender Gerüchte kommen sie dabei keineswegs abgebrüht oder arrogant rüber: Sie arbeiten sich an ihren Songs ab, Sänger Caleb röhrt wie ein wildgewordener Ziegenbock und Cousin Matthew probt ganz possierlich alle breitbeinigen Gitarristenposen. Oftmals gibt es im Gig den ganz normalen Rockstarquatsch über den sich die Jungs beim Ansehen ihrer Show wahrscheinlich am lautesten lustig machen würden: Der hübscheste von ihnen, der 22 jährige Jared steht die meiste Zeit mit dem Rücken zum Publikum und heult seinen Bassverstärker an, alle vier exen Bier und Schnaps als gebe es kein Morgen und der deutlich The Edge-infizierte Matthew sieht irgendwann so aus, als würde er seine Gitarrensaiten ablecken.

Obgleich im Vergleich zum Auftritt Anfang des Jahres hier viel Charme in den Weiten der Halle verschwindet, ist es ein solider Gig, denn das Publikum jubelt eh immer, am meisten natürlich bei der angeprollten Radionummer "Sex on Fire". Die Hardcore Fans seufzen und wollen sich lieber zu Sehnsuchtsbrocken wie "Manhattan", dreckigen Wüstennummern wie "Crawl" oder kreischenden Biestern wie "Charmer" die Kehle aus dem Leib brüllen und den Verstand aus dem Hirn tanzen. Beide Fraktionen kamen auf ihre Kosten. Die Kings of Leon bleiben also auch nach dem Stadiontest die aufregendste Band der Welt. Wie sagte Sänger Caleb doch in der Mitte des Gigs so schön: "Am Anfang von Konzerten bin ich immer sauer. Dann wird es besser, ich trinke mehr. Dann trinke ich noch mehr und am Ende ist es der Spaß meines Lebens." Wir sagen: Wenn alle besoffenen Rocker so voll Herz, Schmerz und Leidenschaft rocken würden, sollen sie doch alle mehr trinken. Unsere Leber ist es ja nicht. Na dann: Prost.

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