Jeder kreative Kopf weiß: Auf der Stelle zu treten, ist der Fluch des Erfolgs und führt alsbald zum Verlust jeglicher Originalität. In diese Falle wollte der Amerikaner Ben Harper nicht tappen, der Musiker, dessen Stimme seit 15 Jahren ein Garant für Ton gewordenen Sex ist und dessen Gutmenschentum uns zahlreiche Platten voller Fürbitten zu perlendem Folk, Funk und Reggae-Begleitung geschenkt hat.
Er pflegt zwar weiterhin ein erotisches Verhältnis zu seiner Weissenborn-Gitarre, hat aber im letzten Jahr seine großartige Begleitband The Innocent Criminals in den Ruhestand geschickt und sich mit drei verwegenen Begleitern zu Ben Harper & the Relentless 7 zusammengetan. Sie sind jetzt zu viert und fabrizieren gemeinsam ein aufwühlendes Getöse für zwölf.
Diese Frischzellenkur war eine Entscheidung, die seine Jünger in zwei Lager teilt: Beim Berlin-Konzert im Astra-Kulturhaus waren die einen überglücklich und andere seufzten leise aus Nostalgie. Denn Ben Harper 2009 ist Rock. Kein Indiegeschrammel, aber eben auch keine wunderschöne Leisetretermusik mehr, sondern hemmungsloser Rock und aufwühlender Blues, inspiriert von den 60er-Jahren.
Der Liveauftritt dürfte vor allem Männer jeden Alters unglaublich glücklich gemacht haben. Plötzlich kann man zu Harper-Klängen wie dem unbarmherzigen "Number With No Name" die Rockerfaust heben, man kann Luftgitarre zu den ausufernden und mehr als souverän präsentierten Soli spielen und man kann laut "Yeah Alter" brüllen, ohne dass irgendwer "Klappe jetzt" antwortete.
Denn lauter als Harper und seine Jungs war eh keiner. Hier wurden Rockhymnen wie "Shimmer And Shine" wie Wirbelstürme zelebriert, es war ein Tosen und Jaulen, Harper gab überzeugend den Kojoten und erinnerte sogar an Jimi Hendrix, doch mittendrin vermisste man plötzlich den zarten, den traurigen, den sensiblen Harper.



