Manic Street Preachers

Als Gitarrist Richey James den Emo erfand

Nach seinem Tod begann der Erfolg der Rockband Manic Street Preachers. Der mysteriöse Fall Richey James machte die Band zur Legende. Nun haben sie das Vermächtnis ihres 1995 verschwundenen Texters vertont. Morgenpost Online sprach mit Bassist Nicky Wire über ihn und seine merkwürdigen Rituale.

Morgenpost Online: Am 1. Februar 1995 verschwand Ihr Gitarrist und Texter Richey James Edwards spurlos. Seitdem haftet der Vorfall wie ein Mythos an den Manic Street Preachers. Kann einer Rockband etwas Besseres passieren?

Nicky Wire: Von außen wirkt das wohl so. Als Fan von Joy Division würde ich sonst lügen. Schon diese große Band wurde durch den Selbstmord ihrer Hauptfigur zur Legende. Aber wenn man selber Teil einer so tragischen Geschichte ist, ist das etwas anderes. Wir haben auch einen Freund verloren. Andere ihren Sohn oder Bruder. Nichts an seinem Verschwinden ist Rock'n'Roll.

Morgenpost Online: Es tauchen immer wieder Zeugen auf, die Edwards gesichtet haben wollen.

Wire: Heutzutage, im digitalen Zeitalter, ist das kaum noch auszuhalten! Es war früher schon entsetzlich und deprimierend. Ein Phänomen wie bei Elvis, nur im kleineren Maßstab. Ich habe nie an solche Sichtungen geglaubt.

Morgenpost Online: Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?

Wire: Wenige Tage vor seinem Verschwinden. Wir waren in einem Tonstudio in Surrey. Die Stimmung war bestens. Das einzige, was uns etwas Sorgen machte, war eine große Amerikareise, die anstand. James (Dean Bradfield, Sänger, d.R.) und Richey sollten zu Werbezwecken dorthin. Die beiden fuhren zunächst nach London. Und wir anderen nach Hause.

Morgenpost Online: Und wie tauchte er ab?

Wire: Kurz vor dem Abflug nach Amerika verschwand Richey aus dem Londoner Hotel. Was wir heute wissen ist, dass er zu seiner Wohnung nach Cardiff fuhr. In den zwei Wochen danach wurde er mehrmals gesehen, unter anderem von einem Taxifahrer, der ihn umher fuhr. Am 14. Februar fiel sein verwaistes Auto auf einem Parkplatz auf. Das war nahe der Severn Bridge, einer Brücke, die gern für Freitode gewählt wird. Man hat ihn nie gefunden. Erst im vergangenen November entschied seine Familie, ihn für Tod erklären zu lassen.

Morgenpost Online: Kurz zuvor hatte er Ihnen Notizbücher mit den Texten überlassen, die nun die Grundlage Ihres neuen Albums bilden. Hatte er den Abgang vorbereitet?

Wire: Er hat uns immer Texte gegeben. Nur waren es diesmal ungewöhnlich viele: anstatt der üblichen zehn plötzlich um die 30. Auch auf die Zusammenstellung hatte er mehr Mühe verwendet. In dem Ringordner waren neben den Texten auch Collagen und Zitate von Schriftstellern wie J. G. Ballard. Es war ein hübsches, kleines Gesamtkunstwerk. Natürlich hat auch die Polizei die Mappe nach Indizien abgesucht. Aber letztlich war Richey sowieso ständig am Schreiben und Lesen und absolut besessen davon, Künstler zu sein. Er war ziemlich unberechenbar, er steckte in einer schwierigen Phase.

Morgenpost Online: Edwards wird oft mit Kurt Cobain verglichen. Es ist wohl kein Zufall, dass sie sich für den Produzenten des letzten Nirvana-Albums entschieden haben, für Steve Albini.

Wire: Richey liebte das Album! Nirvanas „In Utero“ und unser drittes Album, „The Holy Bible“, bildeten 1994 den Soundtrack in Großbritannien. Es war ein ziemlich erbärmliches Jahr. Irgendwie drehten alle durch.

Morgenpost Online: Wollten die Manic Street Preachers nicht deutlich glamouröser wirken als Nirvana?

Wire: Ich konnte Nirvana in ihren Holzfällerhemden nicht ansehen. Oder Soundgarden mit ihren Bärten. Aber Kurt Cobain war anders. Auch wenn sich die beiden nie getroffen haben, fühlte sich Richey verbunden mit ihm. Er sah in Kurt jemanden, der Ablehnung und Verweigerung verkörperte und einen ähnlich intellektuellen Zorn auf die Welt pflegte wie er. Und natürlich hatte Richey auch diese selbstzerstörerischen Tendenzen: Er litt an Bulimie und verletzte sich selbst mit der Klinge.

Morgenpost Online: Mit dem Hang zum Ritzen würde man ihn heutzutage wohl als Emo bezeichnen – die derzeit populärste Jugendbewegung.

Wire: Richey hat Emo sozusagen erfunden! Wenn man sich heute solche Bands wie My Chemical Romance ansieht, denke ich oft, wenn ich 16 wäre, würde ich so sein wollen wie sie. Ich weiß, dass ihr Bassist ein großer Fan von uns ist. Auch auf der neuen Platte von Fall Out Boy findet sich eine Zeile über uns.

Morgenpost Online: Dokumentieren Edwards' zurückgelassene Texte den Zeitgeist von einst? Oder bedeuten sie auch etwas im Hier und Jetzt?

Wire: Sie wirken auf mich konserviert, wie aus einer Zeitkapsel. Aber es gibt Stellen, die auf gespenstische Weise aktuell wirken. „All This Vanity“ und „Jackie Collins...“ beschäftigen sich mit dem Promikult. Und „Peeled Apples“ behandelt ein kollabierendes politisches System, zu dem die Menschen ihr Vertrauen verlieren. Richey trug in seiner Tasche immer eine mobile Schreibmaschine umher.

Morgenpost Online: Sehen Sie auch Parallelen zu Pete Doherty?

Wire: Der Unterschied ist, dass Richey besessen war vom Schreiben. Pete Doherty verteilt seine Zeit auf die Besessenheit, Musik zu machen, und auf seine Besessenheit von Drogen. Richeys verschlang Unmengen von Büchern. Ich konnte ihm irgendwann nicht mehr folgen. Sein Geist rotierte ständig. Er tat mir leid. Er konnte nicht mehr abschalten, nicht mehr schlafen. Ein Fußballspiel zu gucken, sich einen Drink zu gönnen, gemeinsam mit anderen zu kochen oder mit dem Hund rauszugehen wie wir es in Studententagen getan hatten, war ihm am Ende nicht mehr möglich. In meiner Erinnerung werde ich ihn allerdings als den behalten, der mit mir zusammen aufwuchs, Fußball spielte und am Tisch brütete, um gemeinsam Texte zu schreiben.

Morgenpost Online: Bereuen Sie etwas?

Wire: Eine Sache, die ich wirklich bedauere ist, dass Richey niemals die Chance hatte vor 60000 Leuten zu spielen. Wie wir heute. Mich würde auch interessieren, was für ein T-Shirt oder Make-up Richey bei den BritAwards tragen würde. Wir haben Richeys Lücke nie gefüllt. Wenn man uns auf der Bühne sieht, ist immer noch ein Platz für ihn frei. Allerdings wären wir wohl nie zu einer britischen Stadionband geworden. Vermutlich hätte sein Intellekt alles verkompliziert.

Morgenpost Online: Überweisen Sie immer noch 25 Prozent aller Einkünfte aus Plattenverkäufen auf sein Konto?

Wire: Ja, für alles, an dem er irgendwie mitgewirkt hat. Manchmal muss man dabei natürlich Anwälten und Buchhaltern vertrauen. Ich denke aber, wir sind Richey gerecht geworden. Auch mit dem Album, der Fortsetzung von „The Holy Bible“. Nur mit besseren Musikern, die 14 Jahre Zeit hatten, ungestört zu üben.

Morgenpost Online: Was glauben Sie persönlich? Was ist mit ihm passiert?

Wire: Manchmal sehe ich ihn vor mir, mit langem Bart an seiner Schreibmaschine sitzend, wie er schreibt und schreibt. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er gefunden wird. Denn wenn er am Leben ist und nicht gefunden werden will, dann wird er auch nicht gefunden. Er hat seine Entscheidung bewusst gefällt. Worin auch immer diese Entscheidung bestand. Das gibt mir Trost.