Letzte Rolle

"Dr. Parnassus" ist der wahre Heath-Ledger-Film

Vor zwei Jahren starb Heath Ledger ("The Dark Knight") 28-jährig während der Dreharbeiten zu "Das Kabinett des Dr. Parnassus". Um den Film zu vollenden, sprangen die Hollywood-Stars Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ein. Dadurch bekommt das jetzt in den Kinos startende Werk eine reizvolle Meta-Ebene.

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Vor zwei Jahren starb Heath Ledger ("The Dark Knight") 28-jährig während der Dreharbeiten zu "Das Kabinett des Dr. Parnassus". Um den Film zu vollenden, sprangen die Hollywood-Stars Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ein.

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Der Auftritt ist höchst makaber. Gleich zu Beginn baumelt Heath Ledger reglos am Seil unter einer Brücke. Und wird in eine Kiste geworfen. Aber allmählich kehren die Lebensgeister zurück. Die Wirklichkeit sah anders aus: Vor fast genau zwei Jahren, am 22. Januar 2008, starb Heath Ledger 28-jährig an einer Überdosis von Medikamenten. Da war Terry Gilliams Film „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ gerade zur Hälfte abgedreht.

Es ist der Super-GAU, der einem Film passieren kann: wenn ein Hauptdarsteller stirbt. Zumindest bevor die letzte Klappe fällt. Stirbt er danach, ist das, so zynisch das klingen mag, manchmal gar nicht so schlecht. Weil das dem Werk ein zusätzliches Interesse beschert.

Das konnte man nirgends besser studieren als an dem Batman-Film „The Dark Knight“, in dem Ledger den Joker spielte. Der Film kam erst nach seinem Tod in die Kinos, jeder wollte ihn sehen, Ledger erhielt dafür postum sogar einen Oscar. „Dark Knight“ befand sich zum Zeitpunkt seines Todes aber bereits in der Nachbearbeitungsphase.

Ganz anders dagegen „Parnassus“. Regisseur Terry Gilliam, Veteran der legendären „Monthy Python“-Truppe, war, als er die Todesnachricht erfuhr, am Boden zerstört und wollte die Dreharbeiten sofort einstellen. Mit Mühe konnte er überzeugt werden, nicht aufzugeben.

Es gibt eine lange Liste von Stars, die ihre letzten Filme nicht zu Ende bringen konnten. Unvergessen James Dean in „Giganten“, Marilyn Monroe in „Something’s Got To Give“, Jean Harlow in „Saratoga“ oder Clark Gable in „Nicht gesellschaftsfähig“. Die Filmemacher behalfen sich dabei gern mit Notlösungen wie Doubles, die man von hinten aufnahm, oder Probenmaterial. Als Brandon Lee 1993 bei den Dreharbeiten von „The Crow“ starb, wurde ein Darsteller erstmals computer-re-animiert.

Auch „Parnassus“ hat große, computeranimierte Szenen. Aber auf eine künstliche „Verlängerung“ des Darstellers ließ sich Gilliam nicht ein. Er verfiel auf eine grandiose Idee: Ledgers Rolle wird einfach von anderen Stars, drei an der Zahl, weitergespielt.

Das geht gut auf. Denn „Das Kabinett“ spielt grob auf zwei Handlungsebenen. Die Rahmenhandlung handelt von dem uralten Dr. Parnassus (Christopher Plummer), der mit einem rollenden Kuriositätenkabinett durchs hochmoderne London fährt.

Ein Jahrmarktschausteller, der sein Publikum bittet, durch seinen Zauberspiegel in die Welt ihrer Fantasie hineinzuspazieren. Dieser Parnassus ist ein Geschichtenerzähler der altmodischsten Art, der schon seit Jahrtausenden seine Geschichten erzählt, auch wenn die kaum noch einer hören will.

Er hat nur, wie weiland Dr. Faust, einen Pakt geschlossen mit dem Teufel, der als Dr. Nick grandios verkörpert wird von Tom Waits. Als Pfand muss seine Tochter Valentina (Lily Cole) herhalten. Da Parnassus aber ein Spieler ist (und der Teufel sowieso), schließen sie eine Wette: Wer zuerst fünf Seelen verführt, dem gehört das Mädchen. Und weil Tony (Ledger), kaum vom Seil abgehängt, sich in die Tochter verliebt, versucht er, das alte Kabinett etwas aufzumodernisieren, um die Seelen älterer Damen einzufangen.

Die Rahmenhandlung in der tristen Realität wurde vollständig abgedreht. Immer wieder aber treten Menschen durch den Zauberspiegel in ihre Fantasiewelt; und all diese kreischend bunten, optisch überwältigenden Szenen standen noch aus, als Ledger starb.

Wenn Ledger nun das erste Mal im Film durch den Spiegel geht, ist er plötzlich Johnny Depp. Und wundert sich über sein Aussehen nicht wenig. Zurück in der Realität, ist er wieder Ledger. Beim zweiten Mal verwandelt er sich in Jude Law und zuletzt in Colin Farrell. Der betrachtet sein Spiegelbild im Wasser und rollt die Augen. Schon wieder ein anderer!

Schon mit Plummer, Waits und Ledger war der Film star-besetzt. Durch die drei Freunde aber, die für Ledger einsprangen – und das auch als Hommage auf ihren verstorbenen Kollegen verstehen – gewinnt der Film aber eine reizvolle Meta-Ebene, die sogar die zuweilen doch recht chaotische, allzu sehr ins Assoziativ-Manierierte mäanderte Dramaturgie überstrahlt.

Plötzlich ist der Film der definitive Heath-Ledger-Film. Was dagegen ein wenig in den Hintergrund gerät, ist, dass er eigentlich ein Film über den Filmemacher ist. Auch Gilliam ist, wie Parnassus, ein Geschichtenerzähler der alten Art, der wie dieser daran verzweifelt, dass niemand mehr seine fantastischen, überbordenden Geschichten hören will.

Der Kampf der Fantasie gegen die öde Realität ist sogar sein erwiesenes Hauptthema. Doch allzu oft scheitert der Fantast an besagten öden Wirklichkeiten. Selbst mit dem ganz mainstreamig angelegten Film „Brothers Grimm“ (2005) – ein Film über die Märchenerzähler, ebenfalls mit Ledger – konnte Gilliam zuletzt nicht an frühere Erfolge wie „Brazil“ oder „12 Monkeys“ anknüpfen; er floppte wie „Tideland“ (ebenfalls 2005), der bei uns gar nicht erst in die Kinos kam.

Zahlreiche andere Großprojekte wie seinen legendären „Don Quixote“ mit Johnny Depp konnte er nie realisieren, weitere Arbeiten wie „Harry Potter“ oder „The Watchmen“ musste er an andere Regisseure abgeben, weil er sich nicht mit den Studios einigen konnte.

Ledgers Tod schien eine weitere schmerzliche Erfahrung für Gilliam zu sein, seine Träume nicht verwirklichen zu können. Dank des einspringenden Freunde-Trios ist nun aber auch Gilliam wieder in den Olymp aufgerückt – und will nun endgültig auch „Don Quixote“ noch einmal angehen.