So ein Star-Dasein ist schon schwierig. Lena Meyer-Landrut hat gerade drei Lieder gesungen und Blumen in die Hand gedrückt bekommen.

In einem, in „Love Me“, lautet eine Zeile, es gäbe „so viele Plätze, wo ich nicht hingehen will“ und dass sie sich einen Dreck um alles schert, solange sie geliebt wird. Das ist der Fall. Es wird gejubelt.

Trotzdem ist Lena, der Star, alleine. „Soll ich jetzt von der Bühne gehen?“, fragt sie ins Mikro. Keine Antwort. Muss wohl. Also winkt sie schnell noch zu Hape Kerkeling und Mary Roos, die frenetisch mit Winkelementen arbeiten, und stakst lächelnd davon. Wenn sie sich selbst aussucht, was sie macht, ist Lena am besten.

Die Bühne ist klein, sehr viel kleiner als in der Arena, wo der Eurovision Song Contest stattfindet. Die junge Sängerin fühlt sich sichtlich wohl, wie sie sich da dreht, mit den Armen wedelt und sich den Bauch hält.

Bei den Proben in der Arena sah sie schon etwas verloren aus. Jetzt, an Bord der Fähre „Color Fantasy“, klappt es ganz gut, auch wenn die Stimme deutlich dünner klingt als im Studio aufgenommen. Nach ihr tritt der ausgebildete Norweger Didrik Solli-Tangen auf und schmettert neben seiner Powerballade auch auf Deutsch „Zueignung“ von Richard Strauss. „Ja, du weißt es, teure Seele,/ Dass ich fern von dir mich quäle.“ Kunstlied versus Discopop: Singt der listige Konkurrent dies zur Entmutigung Lenas? Gemein!

In den Hafen von Oslo hat der deutsche Botschaft Detlev Rünger eingeladen, das Überriesenereignis Song Contest zieht in diesem Jahr weit mehr Aufmerksamkeit auf sich als in den letzten Jahren. Der Run auf die Schiffsplätze ist an diesem Morgen ungefähr so groß wie bei der Jungfernfahrt der „Titanic“. Jeder, der schon mal heimlich gesungen hat, muss dabei sein. Und alle, die öffentlich singen, auch. Die norwegische Fröhlichkeitsfürstin Wencke Myhre schaut vorbei und freut sich über Aufmerksamkeit, Mary Roos als deutsches Jurymitglied (und zweimalige Teilnehmerin des Grand Prix) weiß nur Gutes über Lena zu berichten. Die Stimmung ist in Lenas Worten „Wahnsinn, super“.

Der Botschafter erzählt, was er alles über den Song Contest gegoogelt hat – es sei ein doch sehr großes Ereignis! –, und bittet alle Anwesenden, die Finger zu kreuzen und auf den Erfolg Lenas zu hoffen.

Die Vielgelobte gesteht später atemlos eine gewisse Irritiertheit, es sei hier „total offiziell“, alle hätten Anzüge an, und wie immer macht der Ton die Musik. Wie die 19-Jährige nämlich diese Sätze spricht, ist entwaffnend ehrlich und mitreißend. Das bisschen Harmonie für ihren Bedarf schafft sie sich selber.

Ob sie wie Pippi Langstrumpf sei, wird sie gefragt. „Oh“, jubelt sie, „endlich eine Frage, die ich noch nie gestellt bekommen habe.“ Auf und ab hüpft sie, um dann als Antwort ein klares „Nöö“ zu sagen. Sie sei doch gar nicht stark.

Dann soll sie eine historische weibliche Vorbildsperson nennen, was ihr schwerfällt. Und Angela Merkel? „Nein, überhaupt nicht.“ Das ist alles in allem schon viel an Aussage. In den letzten Tagen war die Sängerin zunehmend einsilbig aufgetreten, und vollständige Lena-Sätze ließen sich locker mit Gold aufwiegen, ohne groß zu verarmen.

Deutschland mit Lena zählt weiterhin zu den Favoriten des Song Contest, sowohl in Fan-Foren als auch bei Wettbüros und einer Google-Auswertung. Aserbaidschan, Israel und Frankreich werden hoch gehandelt, die isländische Wuchtbrumme Hera Björk vereint mit ihrem Ausbruchsschmachtfetzen „Je ne sais quoi“ die schwule Gemeinschaft hinter sich, das kann europaweit bis auf die vorderen Plätze führen. Lena selbst wehrt diplomatisch geschult alle Anfragen ab, sie sehe sich nicht als Favoritin. „Denken Sie an DJ Bobo“, ruft sie. Der lag 2007 vorne, flog dann für die Schweiz im Halbfinale raus.

Auch Hape Kerkeling will sich eigentlich zurückhalten. Der Grand-Prix-Experte darf in diesem Jahr als Jurypräsident die heiligen Punkte für Deutschland vergeben. Er freut sich rührend. Wenn Lena unter die ersten fünf Plätze käme, wäre es eine Sensation, sagt er. „Bis Platz zehn wäre sehr gut, alles darunter wäre ehrlich gesagt Schiebung.“ Dann fragt ein Reporter von „evangelisch.de“ ob Kerkeling schnell noch ein flottes Grand-Prix-Lied singen wolle. Nein, will er nicht.

Einmal kurz nach rechts gedreht, steht da der Nachrichtensender N24 mit dem Mikrofon. Kerkeling soll ernst referieren. Nach wenigen Sekunden fängt der Komödiant an, „Sha-la-lie sha-la-la“ zu singen, den holländischen Beitrag, den der mittlerweile 75 Jahre alte Vadder Abraham geschrieben hat.

Der Song gilt in Eurovisonskreisen als Kult, auch Stefan Raab streitet für das schlumpfartige Karnevalsgehopse, wo er kann. Man muss das natürlich sehr ernst nehmen.

Nach zwei Stunden müssen alle Gesangsfreunde flugs von Bord, die „Color Fantasy“ startet nämlich nach Kiel. Dorthin will nun vor Sonntag niemand. Lena ruft, bevor sie von ihrem Tross fortgeführt wird: „Fertig? Wahnsinn.“

2. Halbfinale: 27. Mai, 21 Uhr, EinsFestival

Finale: 29. Mai, 21 Uhr, ARD