Balkan

Das Kosovo und der serbische Phantomschmerz

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Ein halbes Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ist die Debatte um die abgelehnte Eigenstaatlichkeit der Ex-Provinz in Serbien zwar merklich abgekühlt. Doch an den Ansprüchen auf Kosovo hält Belgrad fest: Der EU-Anwärter will gar die EU-Staaten verklagen, die den Staaten-Neuling anerkennen.

"Etwas ermattet" ist der Belgrader Markthändler Milan Marcura von den endlosen Kosovo-Debatten. Doch auch ein halbes Jahr nach dessen Unabhängigkeitserklärung hält der Serbe die Kosovo-Frage für "keineswegs gelöst". "Schau doch, was nun im Kaukasus passiert!", weist der drahtige Flüchtling aus der kroatischen Krajina auf die Schlagzeilen seiner Morgenzeitung. Eine "Doppelmoral" wirft er dem Westen vor, der mit der Anerkennung des Kosovo gegen internationales Recht verstoßen habe: "Das rächt sich in Georgien und wird noch weitere Konsequenzen haben – ob im Baskenland, Belgien oder Elsass." In der Weltpolitik würden offenbar nur zwei Regeln gelten, sagt er bitter: "Die Serben sind immer schuld. Und die Gewinner haben immer recht."

Zumindest in der EU hat Serbien die aus Verärgerung über die Anerkennung des Kosovo abgezogenen Botschafter vergangenen Monat wieder in ihre Gastländer entsandt. Doch auch wenn die neue Koalition in Belgrad gegenüber Brüssel einen wesentlich pragmatischeren Kurs als der abgetretene Ex-Premier Vojislav Kostunica fährt, hält Serbien an seinen Ansprüchen auf Kosovo eisern fest. Zwar hat die neue Regierung die ärgsten nationalistischen Eiferer im Kosovo-Ministerium ausgetauscht. Doch offizielle Kontakte zu der neuen EU-Polizei-Mission Euleks meidet Belgrad in den serbisch besiedelten Regionen des Kosovo noch stets. Von einer Anerkennung des abgelehnten Staatenneulings ist das schmollende Ex-Mutterland auch ein halbes Jahr nach dessen Geburt nach wie vor Lichtjahre entfernt.


Serbien will Kosovo-Anerkenner verklagen



Serbien werde seine territoriale Integrität nicht gegen die EU-Mitgliedschaft eintauschen – und "Erpressungen" keineswegs nachgeben, bekräftigte zu Monatsbeginn Staatspräsident Boris Tadic. Außenminister Vuk Jeremic will derweil bei der UN-Vollversammlung im September ein Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof (ICJ ) gegen alle 45 Staaten beantragen, die Kosovo bislang anerkannt haben. Das kurzfristige Ziel Belgrads sei es, weitere Anerkennungen "des illegalen Aktes" der Unabhängigkeitserklärung zu stoppen, so Serbiens Chefdiplomat: Langfristig solle ein ICJ-Urteil, das die Unabhängigkeit für völkerrechtswidrig erkläre, den Weg zur Rückkehr an den Verhandlungstisch bahnen.


"Wollen wir wirklich zum Anführer eines antiwestlichen Blocks außerhalb der EU werden und gleichzeitig den Zugang zum Bündnis suchen?", fragt indes warnend der frühere Außenminister Goran Svilanovic. Die Kosovofrage lasse sich nur mit der EU und nicht vor den UN lösen, weist er auf die bevorstehende Ablösung der UN-Verwaltung Unmik im Kosovo durch Euleks: "Jede Maßnahme, die die EU umgeht, schadet Serbien direkt."


Kein Wähler verüble den heimischen Politikern den Verlust des Kosovo, aber niemand würde diesen dessen freiwillige Aufgabe verzeihen, erklärt Srdjan Bogosavljevic, Direktor des Meinungsforschungsinstitut SMMRI, Belgrads trotzigen Windmühlenkampf um das verlorene Kosovo. Laut den Befragungen seines Instituts ist die Bedeutung der Kosovofrage für die Serben auf den niedrigsten Wert seit zwölf Monaten gesackt – weit hinter Problemen wie Arbeitslosigkeit, Lebensstandard, Kriminalität und Korruption. Die Wichtigkeit des in Serbien "sehr emotionalen" Kosovo-Themas sei allerdings stets starken Schwankungen unterworfen und unter starken Einfluss der Politik und der Medien: "Herrscht in Sachen Kosovo Medienstille, geht die Betroffenheit runterl, aber sie kann auch sehr schnell wieder hoch gehen."


Obwohl er ein weiteres Nachlassen des Interesses bei "anhaltend ruhiger Lage" nicht ausschließt, will der Meinungsforscher keineswegs von einer generellen Kosovo-Müdigkeit seiner Landsleute sprechen. Nicht nur weil fast zehn Prozent der Serben aus der Ex-Provinz stammen, ist seiner Ansicht nach eine ähnliche Gelassenheit wie gegenüber dem 2006 unabhängig Montenegro selbst langfristig kaum zu erwarten. Die ethnische Distanz zwischen Serben und Kosovo-Albanern sei auf beiden Seiten groß und grenze an Rassismus: "Schon zu jugoslawischen Zeiten gab es kaum Eheschließungen zwischen beiden Volksgruppen."


Niemand in Serbien wolle einen Krieg für Kosovo, versichert auf einer Parkbank an der Belgrader Cuburska-Straße der Anwalt Nikola Nikolic: "Doch es muss eine Lösung gefunden werden, die Albanern und Serben gerecht wird und sei es ein Staaten-Bund." Gut sei, dass die Regierung nun den Internationalen Gerichtshof anrufe, so der vollbärtige Jurist: "Denn Recht muss Recht bleiben." Gut sei es aber auch, dass Belgrad die abberufenen Botschafter wieder in die EU-Staaten entsandt habe: "Das Leben geht weiter: Und wir wollen nach Europa." Kosovo sei zwar rechtlich Teil des Landes, aber "faktisch von uns los gelöst", sagt Markthändler Milan mit einem Schulterzucken: "Was hilft es, dass Kosovo serbisch ist, wenn dort fast keine Serben mehr leben?"

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