Zwei Politiker, eine Reinigungskraft und Betriebsrätin und ein Unternehmensberater, der zugleich Präsident eines Arbeitgeberverbandes ist. Für alle zählt einzig und allein, wie sich die Flexibilisierung der Beschäftigung derzeit auf dem Arbeitsmarkt auswirkt. Zu diesem Quartett einen Zukunftsforscher einzuladen, dessen Fokus auf die Arbeitswelt von morgen ausgerichtet ist – kann das funktionieren?

Das könnte sicherlich funktionieren, wenn der Zukunftsforscher auch Synapsen für momentane Probleme auf dem Arbeitsmarkt frei hätte. Und wenn sich besagtes Quartett zumindest für eine Stunde von den Scharmützeln der Gegenwart freimachen könnte.

Mit dieser gegenseitigen Befruchtung ließen sich vielleicht sogar aktuelle Fragen mit Erkenntnisgewinn diskutieren. Doch von so viel Distanz zum Tagesgeschäft sind deutsche Talkshows noch ein ganzes Stück weit entfernt. Das zeigten schon die ersten Statements in der Talkshow von Anne Will, die die Überschrift „Schlechte Löhne, schnell gekündigt – Aus für Sicherheit und Wohlstand?“ trug.

Vor der Hartz-Gesetzgebung habe es fünf Millionen Arbeitslose gegeben, nach den Reformen und der Flexibilisierung am Arbeitsmarkt sei die Zahl auf 3,5 Millionen gesunken, verteidigte der technologiepolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Martin Lindner, die im ersten Halbjahr 2009 auf 47 Prozent angestiegene Zahl befristeter Arbeitsverträge bei Neueinstellungen.

”Befristet angestellte Frauen haben keinen Mutterschutz, keinen Kündigungsschutz und klagen auch nicht die ihnen tariflich zustehenden Rechte ein“, konterte Susanne Neumann, Reinigungskraft und Betriebsratsvorsitzende in einem Gelsenkirchener Unternehmen.” Alles, was befristet ist, sind Menschen zweiter Klasse.“

Die Fronten waren also wieder mal verhärtet, für beide Seiten gab es nur schwarz und weiß. Und die Frage des Zukunftsforschers Matthias Horx an Neumann, ”können Sie nicht eine eigene Firma aufmachen?“, wirkte erstens doch sehr naiv und ging zweitens weit vorbei an den Problemen befristeter Beschäftigung.

Diese gerieten auch nicht gerade bei den beiden übrigen Diskussionsteilnehmern in den Blick. Florian Gerster, Ex-Chef der Bundesanstalt für Arbeit und jetzt als Unternehmensberater und Präsident des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste aktiv, attestiert Deutschland den ”wasserdichtesten Kündigungsschutz in Europa“, während für den designierten Chef der Linken, Klaus Ernst, Befristung nichts mit Globalisierung zu tun hat, sondern nur mit ”schlechter Bezahlung und besserer Rendite für die Arbeitgeber“.

Aus dieser sicheren Diskussionsdistanz feuerten die beiden gegnerischen Duos in der Folge noch einige Geschütze ab. Anne Will gelang es mit Einspielfilmen, in denen ein Seminar zur leichteren Kündigung auch von unbefristeten Arbeitsverhältnissen sowie unlautere Praktiken von Arbeitgebern vorgestellt wurden, zwar zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Diskussionsfördernd waren diese Beiträge aber auch nicht.

Florian Gerster brachte schließlich die Sicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ins Spiel. Aktuell fordert diese eine Lockerung des deutschen Kündigungsschutzes. Allerdings erwähnte Gerster nicht, dass die OECD erst vor zwei Monaten die Misere deutscher Zeitarbeiter und befristet Beschäftigter angeprangert hat. Was deren Kündigungsschutz anbelangt, rangiert die Bundesrepublik im Vergleich der 30 OECD-Staaten nämlich in der unteren Hälfte.

Und was meint der Zukunftsforscher? Matthias Horx sagt, die Flexibilisierung der Arbeitsgesellschaft bedeute nicht nur Ausbeutung. Bei Regelverstößen der Arbeitgeber möchte er aber die ”Menschen zur Kündigung ermuntern“. Dass den Arbeitnehmern aber mit einer eigenen Kündigung kaum geholfen ist, sondern eher Repressalien wie Kürzung des Arbeitslosengelds bescheren dürfte, kam ihm nicht in den Sinn.

Dabei hat Horx durchaus schöne Visionen für die Arbeitswelt von morgen, wenn in der Gegenwart die richtigen Weichen gestellt würden: Entscheidend sei seines Erachtens die Frage, wie das Bildungssystem beim Talent jedes Einzelnen ansetze.

Schon die Schule müsse Talente besser fördern, für Beschäftigte im Niedriglohnsektor sei Weiterbildung zu organisieren. ”Bildung, die von unten hoch drängt, macht Billiglohnarbeitsplätze unmöglich.“ Überhaupt müssten die Menschen künftig drei, vier, fünf Berufe im Leben haben, dann seien sie nicht so verletzlich gegen Ausbeutung.

Horx hat schon recht, wenn er sagt, das Problem in Deutschland sei, dass ”die Debatte immer rückwärtsgewandt geführt“ werde. Wirklich dazu beigetragen, dass der Blick in die Zukunft gerichtet wird, hat auch er allerdings nicht.