Was für eine prall produzierte Show! Was für eine hochglanzpolierte Inszenierung! Eigentlich gehört solch ein Aufwand an den Broadway. Oder nach Las Vegas. Aber Beyoncé Knowles, die schöne Texanerin mit der noch schöneren Stimme, zieht mit ihrem neuen Live-Spektakel „I Am“ gerade durch die größten Hallen Europas und setzt sich mit immensem Einsatz in Szene.

Unterstützt von einem routinierten Team aus gut zwei Dutzend Tänzerinnen, Tänzern und Musikerinnen und umrahmt von Videowänden, die das schöne Gesicht auch noch bis in die letzte Reihe der O2 World tragen, wo Beyoncé am Freitag Abend vor rund 10.000 begeisterten Fans ihre zweistündige musikalische Extravaganz präsentierte.

Sie ist die Makellose unter den Showgirls des zeitgenössischen Pop. Eine, die wie Kollegin Britney Spears schon von Kindesbeinen an im Millionenerfolg badet, aber eine, die im Gegensatz zu Spears dem Erfolgsdruck standhalten konnte. Sie war die Konstante beim Hitgespann Destiny’s Child, sie schaffte nach der Auflösung der Mädchentruppe als einzige, auch dauerhaft als Solistin zu bestehen.

Sie versucht sich mit Anstand auch im Filmgeschäft, gerade ist sie im Musikfilm „Cadillac Records“ als Rhythm’n’Blues-Sängerin Etta James zu sehen. Und auch auf der Bühne will die 27-Jährige, deren Karriere nach wie vor von den Eltern mitgelenkt und von Ehemann Jay-Z gefördert wird, alles richtig machen. Da ist jeder Schritt, jede Geste, jede Emotion peinlichst genau choreographiert. Man spielt quasi eine Pop- und Soul-Revue vom Blatt. Und es funktioniert.

Schlag 21 Uhr öffnet sich der Vorhang und Beyoncé tritt aus wallendem Bühnennebel unter Jubel an die Rampe. „Sweet Dreams“ vom aktuellen, dritten Album „I am … Sasha Fierce“ singt sie in lasziver Pose noch nahezu im Alleingang, bevor mit „Crazy In Love“ Band und Tänzer einsteigen. Konfettikanonen werden angeworfen und die Luft in der Halle beginnt zu Kochen. Beyoncé will ganz vorsätzlich die Kunstfigur im Rampenlicht geben, die mit Beyoncé Knowles nach eigenem Bekunden wenig zu tun hat.

Sasha Fierce nennt sie ihr Bühnen-Alter-Ego, als das sie all das tun kann, was sie im wirklichen Leben („ich bin sehr konservativ“) nie wagen würde. Sagt sie wenigstens. Aber verstehen muss und will das keiner. Denn hier steht Beyoncé, umschwirrt von viel Lack, Leder und Latex, muskelbepackten Gigolos und virtuosen Musikerinnen. Zwei Schlagzeugerinnen, eine Perkussionistin, zwei Keyboarderinnen, zwei Saxofonistinnen, eine Trompeterin, Bassistin und Gitarristin formen ihre Band, die von drei schwergewichtigen „Mamas“ als Chorsängerinnen ergänzt wird. Eine famose Truppe, der im Verlauf der Show immer mal wieder Raum für ein Solo eingeräumt wird.

Sanfte R’n’B-Balladen wechseln mit pulsierenden Uptempo-Nummern, mit HipHop, Rap, Rock und Dancefloor-Elektronik. Alles pikobello abgemischt und auf’s Edelste serviert von einer Diva, die nur ein Ziel zu haben scheint: die Beste sein zu wollen.

Die Show ist kompakt arrangiert. Neue Stücke wechseln mit alten Erfolgen. Immer wieder zieht sie sich um – die Bühnengarderobe kommt aus dem Hause Thierry Mugler – und auch die ganzen Hits von Destiny’s Child werden sozusagen im Schnelldurchlauf kredenzt: „Bootylicious“ und „Jumpin’ Jumpin’“ auf einer Rundbühne mitten in der Halle, später gibt’s „Say My Name“, „No No No“ und natürlich „Survivor“ als getanztes Playback-Medley vor weißem Gazevorhang.

Und gegen Ende kommt auch ein wenig Pathos in die Show, als sie engelsgleich „At Last“ singt, und auf der Riesenleinwand hinter ihr auf eine schwarzweiße Hommage an die amerikanische Bürgerrechtsbewegung US-Präsident Barack Obama bei seiner Amtseinführung überlebensgroß erscheint. Frenetischer Applaus brandet auf in der Halle, bevor Beyoncé zum Finale noch einmal kräftig die Partymaschine anwirft. Die O2 World tobt.