Interview

Die Überlebensstrategien des Dave Gahan

Der Sänger wollte Grenzerfahrungen und fand sie – als Nahtod-Erlebnis nach einem Heroin-Drogenrausch. Doch inzwischen ist Depeche-Mode-Frontmann Dave Gahan wachsam und hat Menschen gefunden, mit denen er über seine Gefühle reden kann.

Foto: Anton Corbijn/EMI

Dave Gahan wurde wiedergeboren. Physisch und kreativ. Nach einem Suizidversuch und einem Drogen-Absturz Mitte der 90er-Jahre bekam der Sänger der Synthie-Popband Depeche Mode nicht nur sein Leben wieder in den Griff, sondern entdeckte sich auch als Künstler neu. Er veröffentlichte sein Soloalbum „Paper Monsters“ (2003) und schrieb für „Playing the Angel“ (2005) zum ersten Mal Songs für Depeche Mode, wo er bis dahin nur den Frontmann gegeben hatte.

Sein gerade erschienenes, betörend melancholisches Soloalbum "Hourglass" zeigt eindrucksvoll, wie sich der 45-Jährige kreativ weiterentwickelt hat. Gahan berichtet, dass dieser Fortschritt mit einer spirituell-psychologischen Suche einherging. Außerdem erzählt der Sänger von einer entscheidenden Station dieses Trips – der Schwelle zwischen Leben und Tod.

Morgenpost Online : "Is there a God who loves your soul?" ("Gibt es einen Gott, der deine Seele liebt?"), "I don't believe in Jesus, but I'm praying anyway." ("Ich glaube nicht an Jesus, bete aber trotzdem.") Die Songs Ihres neuen Albums sind voll religiöser Bezüge. Waren Sie auf Sinnsuche?

Dave Gahan : Ja, ich suche nach dem Glauben an etwas, das größer ist als ich selbst, aber nicht im Rahmen einer organisierten Religion. Ich weiß, dass diese Macht existiert. Sie hat mich so weit durch mein Leben getragen. Selbst als ich die Grenzen meiner Existenz auslotete, hatte ich das Gefühl, als würde sie mich behüten. Und sie möchte ich erfahren.

Morgenpost Online : Was tun Sie dafür?

Gahan : Ich meditiere gelegentlich. Aber hauptsächlich versuche ich Ruhe zu finden, still zu werden. Deshalb möchte ich momentan nicht auf Tour gehen. Ich möchte die Erfahrung dieses Albums genießen und abwarten, was passiert. Lieber verbringe ich Zeit mit Leuten, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben. Das mag auch daran liegen, dass ich älter werde. Ich habe ein Landhaus in der Nähe des Meeres, wo ich gerade mit meiner Familie ein paar Wochen verbracht habe. Zuerst war mir die Ruhe etwas unangenehm, aber nach einiger Zeit genoss ich, dass das Leben in einem viel langsameren Rhythmus ablief. Besonders liebe ich den Ozean – der Atlantik ist ziemlich wild, du springst hinein, und er kann dich in einer Sekunde in Stücke reißen. Auch das zeigt mir, dass es eine mächtige Energie außerhalb meines verrückten kleinen Lebens gibt.

Morgenpost Online : Wie verrückt ist denn Ihr Leben? Ich dachte, Sie hätten die Exzesse weit hinter sich gelassen?

Gahan : Das habe ich. Aber es ist eben auch nicht alles im Lot. Immer wieder versuche ich, etwas anzutreiben, anstatt es sich entwickeln zu lassen – seien es Freundschaften, seien es meine Kinder. Dabei möchte ich eigentlich, dass sie heranwachsen, ohne dass ich sie kontrolliere. Deshalb muss ich mir ständig meine eigenen Handlungen und Stimmungen bewusst machen. Ich muss begreifen, dass sie Auswirkungen auf meine Mitmenschen haben. Das kann etwas ganz Banales sein. Meine Frau steckt das Geschirr in die Spülmaschine, und ich bin so schlechter Laune, dass ich alles neu ordne. Sie fragt mich dann: "Hab ich denn etwas falsch gemacht?" Erst dann fange ich an zu begreifen, wie passiv-aggressiv ich in Wirklichkeit drauf war. Um das in den Griff zu bekommen, habe ich Leute, mit denen ich über meine Gefühle reden kann.

Morgenpost Online : Was haben Sie denn über Ihre Gefühle gelernt?

Gahan : Dass das ganze Leiden, das ich für mich und andere schaffe, nur mit meinem Begehren zu tun hat. Immer wieder will ich etwas, von dem ich glaube, dass es mein Leben besser macht, und sobald ich es habe, bin ich enttäuscht. Oder wenn ich mit einer Gruppe von Leuten zusammen bin, dann fühle ich instinktiv das Bedürfnis, meine Stimme zu erheben, um die Leere zu füllen. Aber das erschöpft mich nur. Wirkliche Freude und Klarheit finde ich, wenn ich einfach zuschaue und auf meine innere Stimme höre, die wir alle haben und die wir meist ignorieren. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ich in New York lebe. Das ist zwar ein Ort, wo du mit äußerer Aktivität bombardiert wirst, aber genau deshalb ist es für mich leichter, langsamer zu werden und mich zurückzuziehen. Sozusagen im Bürgersteig zu verschwinden.

Morgenpost Online : Für das vorige Depeche-Mode-Album schrieben Sie den Song "Suffer well" – "Leide gut". War das ironisch oder ernst gemeint?

Gahan : Es war ernst gemeint. Ich habe seit vielen Jahren einen Gesprächspartner, der praktizierender Buddhist ist. Und einmal – das war lange bevor ich diesen Song schrieb – erzählte ich ihm eine Stunde lang von den Problemen, die ich gerade durchmachte, er hörte mir die ganze Zeit ruhig zu, streute nur gelegentlich ein paar Worte ein. Am Ende schaute er mich an und lächelte: "David, leide gut." Damals dachte ich mir: "Fuck you, hast du denn nicht gehört, was ich gesagt habe!?" Aber jetzt verstehe ich ihn. Mein Leben ist sehr privilegiert, ich habe nur gelitten durch die Entscheidungen, die ich selbst getroffen habe. Ich versuchte, mich zu behaupten, zu zeigen, dass ich recht habe. Aber am Schluss fühlte ich mich leer und einsam.

Morgenpost Online : Wie stark hilft Ihnen die Musik bei Ihrer inneren Entwicklung?

Gahan : Musik hat schon immer eine sehr beruhigende Wirkung auf mich. Sie hilft mir, meine Ängste auszudrücken, die sich sonst als Wut manifestieren würden. Deshalb ist auch dieses neue Album sehr melancholisch geworden. Erst im Nachhinein habe ich begriffen, wie viel Hoffnung die Texte eigentlich ausstrahlen.

Morgenpost Online : Der Titel Ihres Albums "Hourglass" spielt aber auch auf die verstreichende Lebenszeit an. Nehmen wir an, Ihre Zeit wäre abgelaufen – sind Sie zufrieden, mit dem, was Sie erreicht haben?

Gahan : Ich frage mich häufig, ob ich alles so zurücklassen und davongehen könnte. Aber dazu bin ich noch nicht bereit. Ich bin sehr stolz auf die gemeinsame Arbeit mit Depeche Mode und auf mein eigenes Werk. Doch es darf noch nicht vorbei sein. Vor ungefähr zehn Jahren hatte ich das Gefühl, als hätte ich mit Depeche Mode alles erreicht, was nur möglich ist, als könnte ich nichts mehr beitragen, das mich musikalisch zufrieden stellen würde. Aber gerade dann boten sich mir neue Möglichkeiten, und ich habe sie zum Glück erkannt und genutzt. "Paper Monsters", mein erstes Soloalbum, war der Anfang. Jetzt kommt es mir so vor, als sei ich erst vom Kindergarten in die Grundschule gewechselt.

Morgenpost Online : Zuvor kam eine sehr düstere Phase. Mitte der Neunziger erlebten Sie in Los Angeles den psychischen Totalabsturz; an der Überdosis eines Drogencocktails wären Sie beinahe gestorben. Sind Sie in gewissem Sinne dankbar, dass Sie so etwas durchgemacht haben?

Gahan : Aus irgendeinem Grund musste ich die Dinge so weit treiben wie möglich. Jetzt wo ich das alles zum Glück überlebt habe, schätze ich das, was ich habe, viel mehr. Ich fürchte mich nicht mehr, durch die nächste Tür zu gehen. Ich habe keine Angst, mich bloßzustellen. Ich maskiere meine Emotionen nicht mehr und tue so, als sei alles okay, sondern drücke sie kreativ aus. Und ich habe durch diese Erfahrung Leute kennengelernt, mit denen ich bei "Paper Monsters" zusammengearbeitet habe, meinen Freund Knox Chandler zum Beispiel.

Morgenpost Online : Ihr neues Album endet mit dem Song "Down", wo es heißt, „This world's going to end, as your lies crumble down“. Sind die Dämonen von damals nicht ganz gebannt?

Gahan : "Down" ist der einzige Song auf "Hourglass", in dem ich meine Vergangenheit direkt reflektiere. Und ich wollte, dass das Album damit endet, damit ich mich daran erinnere. Ich muss wachsam und mir dessen bewusst sein, was um mich herum geschieht. Sinnigerweise hat der Song mit die schönste Melodie und den schönsten Text. Er beschreibt alles, wofür ich bei "Paper Monsters" noch ein ganzes Album brauchte.

Morgenpost Online : Was für eine Wirkung hat es, dem Tod ins Auge zu blicken?

Gahan : Ich erlebte die Situation folgendermaßen: Ich spürte sofort, dass ich einen eindeutigen Fehler gemacht hatte. Und so etwas sage ich nicht häufig von mir. Und als Nächstes hörte ich eine Stimme in mir: "Ist es das, was du willst? So sieht es aus. Du kannst es jetzt haben." Ich hatte eben so lange an diese Tür geklopft, und auf einmal tat sie sich vor mir auf. Aber dahinter war völlige Schwärze. Nichts. Ich war zutiefst erschrocken, Und das Nächste, woran ich mich erinnere, war, dass ich in meinen Körper zurückschoss.

Morgenpost Online : Also gibt es nach dem Tod weder Gott noch Unsterblichkeit?

Gahan : Ich kann nicht sagen, wie es danach aussieht. Immerhin gab es eine Macht, die mir diese Frage stellte. Das hörte sich an wie ein Erdbeben. Nur deshalb kehrte ich wieder zurück. Aber das, was danach gekommen wäre, wollte ich lieber nicht austesten. (Lacht)

Das Gespräch führte Rüdiger Sturm