Ganz am Ende bekommt man es noch einmal in Großbuchstaben schwarz auf weiß unter die Nase gerieben: „Kinder, schafft Neues!“. Das war Wagners immerwährende Forderung. Ob er darunter auch Kindereien verstand, ist allerdings fraglich. Gerade die aber teilt Stefan Herheim in seiner Neuinszenierung des „Lohengrin“ an der Staatsoper Unter den Linden reichlich aus. In buntem Gemisch mit dramatisch Vorzüglichem. Ihm fällt halt fortwährend Neues und Widersprüchliches ein. Ihm bleibt offenbar keine Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen. Einmal wird schließlich, so oder so, der Vorhang endgültig fallen, und das tat er dann auch in der Staatsoper. Unter bislang unerhörten, tumultartigen Szenen des Widerspruchs wie der Zustimmung.

Herheim kommt vom Marionettenspiel. Und prompt landet zu Beginn ein Richard Wagner, kleinwüchsig, doch mit Riesenkopf, an Schnüren hängend, vom Himmel kommend im Opern-Berlin an. Komische Oper, Deutsche Oper und Staatsoper sind wie zur Parade aufmarschiert. Der Heerrufer (Arttu Kataja) erscheint als riesiger Berliner Bär, der immer wieder zum Singen den Kopf abnehmen und sich unter den Arm klemmen muss. Rundum in buntem Zivil Berlinerinnen und Berliner als Zaungäste des rätselhaften Geschehens. Lohengrin, von einer riesigen Schwanenfeder in den Lüften angekündigt, begrüßen sie mit einer inbrünstigen Hingabe, wie sie in diesen Tagen sonst nur Obama zuteil wird.

Das Volk mit historischer Buntheit kostümiert

Der zweite Akt hebt hochdramatisch an. Ortrud, die wundervoll aufgeladene, vor Bösartigkeit strotzende Michaela Schuster, hat sich von ihrem Beobachterplatz in der Proszeniums-Rangloge, von dem aus sie das Geschehen um Dorothea Röschmann, die sanft dahinsingende Dulderin Elsa, einen ganzen Akt lang belauert hatte, angriffsbereit auf die Bühne begeben und sagt ihrem Telramund (in der liebenswürdigen Gestalt von Gerd Grochwski) nachdrücklich an, wie der Karren zu laufen hat.

Allmählich kehrt nun auch das Volk auf die Bühne zurück, jetzt jedoch mit historischer Buntheit kostümiert, Humpen in der Hand, saufend und fröhlich, mit Wagner-Marionetten reichlich ausstaffiert. So erwartet man im Sing-Gedränge den Brautzug. Und immer donnert aus dem Orchestergraben, kommentierend und einheizend, die Staatskapelle unter Daniel Barenboims Leitung herauf. Er scheint besonders laut aufzudrehen, um wenigstens ein bisschen mit den Tumulten mithalten zu können, die Herheim auf der Bühne veranstaltet. Die Instrumental-Musik Wagners, von dem Dutzend Trompeter auf der Bühne einmal abgesehen, die sogar Misstöne ins Publikum senden, zieht deutlich den Kürzeren. Die Staatskapelle kämpft bei all ihrer Kunstfertigkeit geradezu ums Überleben. Vergeblich! Immer wieder fährt ihr die Bühne in die Parade.

Klaus Florian Vogt setzt kein Stimm-Fleisch an

Heike Scheele hat ein nimmermüdes Bühnenbild erfunden. Es hüllt immer wieder die Massen ein oder schließt sie mit wehenden Schleiern aus. Burganlagen, aufs Handlichste auf- und zuklappbar, treppenfreudig, stufenselig, wollen immer aufs Neue erklommen sein. Licht und Videoprojektionen verzaubern immer wieder den Bühnenraum, in dem einzig Klaus Florian Vogt im altväterischen Schwanenritterkostüm vollkommen unangefochten bleibt. Er singt die Titelpartie. Er ist Lohengrin, das Männer-Ding aus einer anderen Welt.

Vogts schlanker Tenor liegt hoch, er setzt kein Stimm-Fleisch an. Er singt, wundervoll artikulierend (das ist selten geworden), in makelloser Reinheit seine Partie, die geradezu über den fortgesetzt hochschäumenden Wellen der Inszenierung zu schweben scheint. Das gibt Vogts Auftritt einen Schimmer von verführerischer Jenseitigkeit. Viel an imponierender Diesseitigkeit bringt freilich der brave König Heinrich, in den sich Kwangchul Youn verkleidet hat, nicht zu Wege. Die Inszenierung entzieht ihm seine Wichtigkeit ganz und gar. Er wird zur Randfigur abgewrackt.

Bis zum Schluss mit aristokratischer Finesse

Gott sei Dank bekommen sich wenigstens Frau Röschmann und Frau Schuster nachdrücklich in die Haare, zwei vokale Kämpferinnen erster Klasse, auch wenn Ortrud ihre Bösartigkeit leicht übertreibt. Ganz am Schluss, bevor sie geradezu vor Bosheit zusammenbricht, schreit sie noch einmal all ihre Niedertracht gellend heraus. Da aber hat Dorothea Röschmann, bis zum Schluss mit aristokratischer Finesse singend, bereits die Waffen gestreckt. Ihr Lohengrin ist auf uns davon. Der tote, ihr vermeintlich wiedergeschenkte Bruder, klatscht als Leichnam aus voller Bühnenhöhe auf die Bretter nieder. „Kinder schafft Neues!“. Aber vielleicht doch nicht so. Eines steht fest: Über diese Aufführung des „Lohengrin“ wird man sich im Pro und Contra den Mund fusselig reden.

Dennoch – die Aufführung ist eine Sehenswürdigkeit, auch wenn sie mitunter einer „Elsa von Sinnen“-Show gleicht. Stefan Herheim ist fraglos der Begabteste der jüngeren Regisseurs-Generation. Er braucht nur einen Operndirektor, der seine unendlichen Ausflüge ins Neuland ein wenig zu regulieren versteht: einen Beistand also, der Nein zu sagen vermag. So ist es nun einmal: auch offensichtliche Genialität muss gelegentlich entrümpelt werden.

Wagner-Oper war Auftakt der Festtage 2009

Die Neuinszenierung der Wagner-Oper war Auftakt der Festtage 2009 der Staatsoper Unter den Linden. Bei den bis zum Ostersonntag (12. April) dauernden Festtagen der Lindenoper wird Barenboim erstmals in Berlin mit dem Orchester und Chor des Teatro alla Scala aus Mailand auftreten – mit Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ (10. April) sowie mit Béla Bartóks Klavierkonzert Nr. 2 und Hector Berlioz „Symphonie fantastique“ mit Lang Lang am Klavier (11. April). Außerdem gibt es das Klavierkonzert Nr. 2 von Franz Liszt mit Yefim Bronfman und Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 9 mit der Staatskapelle Berlin (5. April), „Ein deutsches Requiem“ von Johannes Brahms mit der Staatskapelle und dem Staatsopernchor (7. April) sowie Schuberts „Winterreise“ mit Thomas Quasthoff und Daniel Barenboim am 9. April.

"Lohengrin" in der Staatsoper, Unter den Linden 7, Mitte. Kartentel.: (030) 20 35 45 55. Nächste Vorstellungen: 8.4. und 12.4.