Wagner im Wald. Warum ist vorher noch niemand auf diese Idee gekommen? Jetzt hat Daniel Barenboim, der alle Klangzauberei immer schon als brodelnde Mythensuppe servierte, Wagners „Walküre“ (1. Akt) dahin zurückgebracht, wo etliche Werke dieses Komponisten spielen: in den deutschen Wald. Ins Naturtheater von Westend. In die Runenrunde der Berliner Waldbühne.
Der Himmel hält, was Barenboim an diesem Abend verspricht. Die 9000 Unermüdlichen, die trotz unsicherer Wetterverhältnisse in die Arena geströmt sind, werden nicht nass. Man kuschelt sich paarweise unter Decken. Solistin Waltraud Meier wird von rötlich strahlenden Heizaggregaten frontal angewärmt. Das West-Eastern Divan Orchestra legt noch wärmere Klangfarben als sonst auf den Rost. Heraus kommt: Wagner, ein Märchen-Meister aus deutschem Forst. Ein Erbe von Grimms Märchen. Einer, der dem Teufel mit den drei goldenen Haaren feierlich unsere Zukunft anvertraut. Ganz erstaunlich, wie verändert dieser Wagner als Freiluft-Erzähler wirkt.
Das kriegt tatsächlich wohl nur Barenboim so hin. Während die Zuhörer einen leichten Laub-, Pilz- und Bratwurst-Geruch nicht aus der Nase kriegen, animiert er René Pape (Hunding) zu bösartig knarzender Überzeichnung. Simon O’Neill (Siegmund) gewinnt dem Metallgeschirr seines rasselnden Tenors wunderliche Strahlkraft ab. Seine „Wälse“-Rufe schleudert er rekordverdächtig lang und durchschlagend in den Orbit.
Selbst Waltraud Meier, die ihre Sieglinde gewiss unendlich oft gesungen hat, schaut neugierig zu diesem Temperamentspaket hinüber. Ihr züngelnder, nasal spitz gewordener (Mezzo-)Sopran tönt stechend hell. Selbst in zärtlich zweideutigen Passagen schwingt bei ihr ein Moment wunderbar tragischer Aggressivität mit. Alle tragen ein bisschen dicker auf als sonst. Selbst Barenboim dirigiert mit solch ausladenden Gebärden, als müsse währenddessen sein Sakko trocknen.
Zum Lockermachen hatte man vor der Pause Mozarts Konzert für drei Klaviere KV 242 (das sogenannte „Lodron“-Konzert) angesetzt. Das Gründungsprinzip des West-Eastern Divan Orchestra besteht darin, jüdische und arabische Musiker miteinander musizieren zu lassen. Passend dazu waren auch die Pianisten ausgewählt worden: Zwischen der israelischen Yael Kareth (Schülerin von Barenboims Schwiegervater Dimitri Bashkirov) und dem jordanischen Karim Said vermittelt als Dritter Barenboim selbst. Am ersten Pult sitzt sein Sohn Michael. Am fünften Pult (!) tummelt sich mit Guy Braunstein einer der Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Er habe die „Idee des Orchesters“ verinnerlicht wie kein Zweiter, sagt Barenboim hinter der Bühne.
Als man das Orchester 1999 zusammenstellte, hatte ein Großteil der Musiker noch niemals in einem Orchester gespielt. Mehr noch: Die meisten hatten noch nie im Leben ein Orchester live spielen gehört. Bis heute zeichnet sich der irrlichternd unruhige Klang des „Divan“ denn auch nicht eben durch Homogeneität aus. Barenboim indes hat den Musikern ein ausgesprochen deutsches Klangideal vermittelt, das man sofort wieder erkennt.
Dies deutsche Klangprofil mag bei einem Orchester des Nahen Ostens (mit Sitz im spanischen Sevilla) erstaunen – nicht zuletzt technisch. Ist denn das lernbar? Gegenüber der BERLINER MORGENPOST hat Barenboim nun das Geheimnis um den sogenannten deutschen Klangs endgültig gelüftet. Aufgepasst: „Ich kann Ihnen genau erklären, was man tun muss, damit ein Orchester diesen deutschen Klang hat. Es hängt davon ab, wie man einen Ton anfängt. Nicht immer mit Akzent und nicht hart. Es kommt darauf an, dass man den Ton bis zum Ende hält. Dass man während einer rhythmischen Figur den Charakter nicht ändert. Und wenn Sechzehntel oder schnelle Achtel kommen, dass man nicht automatisch mit Akzent spielt. Ich sage dann immer: ‚Lasst Eure Achtelmaschine zuhause.’ Nicht: Takatakatakataka…“
Noch Fragen? „Der Ton muss von Anfang an vibrieren, so dass das Vibrato nicht wie ein künstlich eingesetztes Element wirkt. Auch darf die Entfernung des Bogens vom Körper nicht zu groß sein, sonst wird der Klang viel zu vertikal. Sie sehen, dass der deutsche Klang durchaus etwas ist, das man lernen kann!“
Ist das alles nicht bloß Dirigenten-Latein? – Stimmt. Aber doch eines, das sich auszahlt. Im steilen Halbrund der Waldbühne, an dem diesmal keinerlei Wunderkerzen glühen, wirken die Zuhörer wie finstere Zeugen eines rätselhaft bedeutungsvollen Vorgangs. Die Entdeckung von Wagner als Open air-Event geht nicht ganz ohne Feierlichkeit, ohne Grusel und klangliches Mythenbrimborium ab. Der Picknick-Gedanke kommt auch nicht zu kurz. Man denkt: Wagner ist einfach der Meister des deutschen Waldes.









