An Breitenwirkung können es die Josephsromane, an denen Thomas Mann 16 Jahre arbeitete und mit denen er Hitlerdeutschland überstand, bis heute nicht mit seinen anderen Hauptwerken aufnehmen. Dabei stehen sie – auch ein Großfamilienepos – an Geschichtenfülle und erzählerischer Vitalität nicht hinter den „Buddenbrooks“ zurück.
Der biblische Mythos legitimierte ein lebenspralles, zum Teil drastisches Fabulieren, wie es die bürgerlichen Lebenswelten nicht mehr hergaben – in den Höhen des „Zauberbergs“ war die Kunst der Ironie groß, die Luft des Erzählens aber dünn geworden. Man lese dagegen nur die „Geschichte Dina's“ oder die grandiose Episode von Jaakobs Segensbetrug an Esau. Oder, sehr anrührend, von Rahels Tod am Wegesrand.
Mann als bedeutender Religionstheoretiker
Nie war Thomas Mann besser. Der Roman – dem der Autor allerdings ein strapaziöses Vorspiel namens „Höllenfahrt“ voranstellte – vollbringt das Kunststück, uns die Menschen des 14. vorchristlichen Jahrhunderts in ihrer Entferntheit nahe zu bringen und in ihrem Anderssein vertraut zu machen.
Damit nicht genug. Der Ägyptologe Jan Assmann rechnet den Verfasser der Josephsromane nun auch zu den „bedeutendsten Religions- und Mythostheoretikern seiner Zeit“. Die Fachwissenschaften, von denen er bei seiner quellengestützten Arbeitsweise selbst viele Anregungen bezog, hätten bis heute nicht angemessen auf diese Herausforderung reagiert.
Konzeption des mythischen Bewusstseins
Assmann selbst hat jetzt eine Studie über die Josephsromane vorgelegt, die die Tetralogie gleichsam als „Sachbuch“ lesen und ernst nehmen will. Tatsächlich enthalten die Josephsromane eine faszinierende Konzeption des mythischen Bewusstseins, die Assmann zunächst rekapituliert. Leben im Mythos – das ist das Leben, das in Spuren geht und sich als Wiederholung zelebriert, „zitathaftes Leben“. Joseph etwa reproduziert die Passions- und Heilsgeschichte diverser Gottheiten; dazu gehören der mesopotamische Tammuz, der syrische Adonis, der ägyptische Osiris.
Es ist ein Beispiel für die „hybride“ Traditionsmischung, die in den Josephsromanen entscheidend ist – auch dies eine Antithese zum Nationalismus der Entstehungszeit. Von „multikultureller Bricolage“ spricht Jan Assmann gar. Und natürlich lässt er sich die Gelegenheit nicht entgehen, die mythische Vergangenheitsbezogenheit, wie sie Thomas Mann bei fast allen Figuren der Josephsromane zur Wirkung bringt, an die eigene Konzeption des „kulturellen Gedächtnisses“ anzuschließen. Das passt erstaunlich gut.
Mangel in den Monotheismus-Kapiteln
Dagegen leiden die Monotheismus-Kapitel ein wenig daran, dass Assmann sehr darum bemüht ist, Thomas Mann zum Gewährsmann seiner eigenen Ideen zu machen. Assmann glaubt an Gründungen, die zu ihrer Zeit etwas radikal Neues darstellen. So hat er in mehreren Büchern die „Erfindung“ des Monotheismus als kulturgeschichtliche Wasserscheide herausgearbeitet. Statt mythischer Muster ist nun das Gesetz zu erfüllen. An die Stelle der vielen Mythen, die man zum Drehbuch der eigenen Lebensgeschichte machen kann, tritt nun die eine Heilsgeschichte. Nicht der Bezug zur Vergangenheit, sondern der zur Zukunft ist nun entscheidend.
Auch Thomas Mann wollte in Abgrenzung von der grassierenden Rückkehrsehnsucht in ambivalenzfreie Urzustände den Mythos „humanisieren“. Er sollte nicht den „faschistischen Dunkelmännern“ überlassen bleiben. Deshalb hat auch er dem eigentlich „zeitlosen“ Mythos (dessen politische Aspekte ihn sonst herzlich wenig interessierten) eine Fortschrittsperspektive eingebaut – eine allmähliche Vergeistigung, Spiritualisierung, Transzendierung.
Mann sieht die Dinge fließender
Aber er sieht die Dinge doch ein wenig anders als Assmann: fließender, nicht als Bruch, nicht als schroffe Entgegensetzung von Mythos und Monotheismus. Das verschafft ihm von seiten des Interpreten einmal den Vorwurf, ignorant, und ein andermal das Lob, ein raffinierter Mann der Synthese zu sein. Ein Höhepunkt des Buches sind die Ausführungen über Thomas Manns Ägyptenbild.
Leicht kränkend wirkt es hier allerdings auf den Ägyptologen, dass Thomas Mann das Land aus Gründen der antithetischen Struktur seines Romans als alte, „überständige“ Spätzivilisation braucht – als Antipoden zum Verheißungsträger Israel. Andererseits macht sich Manns grundsätzliche Sympathie mit überfeinerten Spätzivilisationen doch auch in der Darstellung Ägyptens deutlich genug geltend.
Manns Großgerümpel des Todes
Trotzdem gibt sich Assmann indigniert etwa bei der Beschreibung der Pyramiden. Fast den Atem verschlägt es ihm da angesichts der Bezeichnung „Großgerümpel des Todes“. Dass der Erzähler es nicht unbedingt mit der verächtlichen Perspektive des jungen Migranten Joseph hält, dass er später die ägyptische Dame Mut-em-enet (vulgo: Potiphars Weib) gegen die in Jahrtausenden aufgehäuften Vorurteile verteidigt, fällt für Assmann offenbar kaum ins Gewicht.
Aufschlussreich ist das Kapitel über die Sonnentheologie des Echnaton. Hier sieht Assmann eine ganz andere Tendenz am Werk als Thomas Mann im zentralen Gespräch zwischen Joseph und Pharao – eher aufklärerisch-naturphilosophische Immanenz statt sublime Transzendenz.
Die Sonnentheologie des Echnaton
Auch hier stelle Thomas Mann „die historischen Phänomene nur verzerrt dar“. Natürlich weiß Assmann, dass poetische und historische Wahrheit im Roman, der eben doch kein Sachbuch ist, auseinander gehen und ein Schriftsteller nicht auf geschichtswissenschaftliche Akkuratesse verpflichtet ist. Neben kulanten Zurechtweisungen stimmt er ja immer wieder das Lob von Manns genialischer Intuition an. Ist der Autor mit einem siebten Sinn für Zusammenhänge doch gelegentlich auf Ideenverbindungen gestoßen, die für die Ägyptologie noch heute befruchtend seien.
Auch mit der großen Verführungs- und Versuchungsgeschichte beschäftigt sich Assmann. Gegen den von vielen Interpreten geltend gemachten Freud-Einfluss begreift er Joseph als entschiedenen Anti-Ödipus, eher auf Vaterlob denn auf Vatermord gestimmt. Ist Freud erst einmal beiseite geschafft, ergibt sich wieder Platz für einen emphatischen Begriff von Keuschheit. Denn auf den „keuschen Joseph“ läuft die Geschichte in christlicher Lesart ja vor allem hinaus – der alttestamentliche Urtext legt dagegen viel deutlichere Akzente auf den Einzug Israels nach Ägypten.
Keuschheit ist für Mann und Assmann ein Thema
Der Entsagungskünstler Thomas Mann konnte viel mit dem Thema der Keuschheit anfangen. Sehr zu Recht, findet Assmann, denn sie setzt einen neuen Begriff von Sündhaftigkeit voraus, der erst mit dem eifersüchtigen monotheistischen Gott in die Welt gekommen sei, als Kernbestand einer neuen religiösen Innerlichkeitskultur. Diese Deutung hätte Mann gutgeheißen: „Zum Sündigen gehört Geist“, schreibt er, und „recht betrachtet, ist aller Geist nichts anderes als Sinn für die Sünde.“
Mit seinem scharfen Dualismus von Mythos und Monotheismus liest Assmann in die Josephsromane eine Kritik am Mythos hinein, die sie ungeachtet der Entwicklungstheologie der Gottesklugheit nicht enthalten. Zunächst sind sie Ausdruck einer außerordentlichen Mythos-Faszination. Trotzdem ist Assmanns eigensinnige, thesenstarke Lektüre reich an Einsichten. Nie ist die mythostheoretische Problematik von Thomas Manns Hauptwerk so scharf herausgearbeitet worden.
Jan Assmann: Thomas Mann und Ägypten. C. H. Beck, München. 256 S., 22,90 Euro.




