Die Zeit des Wanderns und Zeltens ist vorbei. Das Deutsche Theater bespielt nach zehnmonatiger Renovierung wieder sein Großes Haus. Auch wenn der Regierende Bürgermeister und Kultursenator, Klaus Wowereit, die künstlerischen Defizite des Provisoriums jetzt schönzureden suchte – der Zuschauer hofft auf bessere Zeiten. Er freut sich erst einmal über mehr Bequemlichkeit auf (sehr) roten Sitzen und, endlich, bessere Klimatisierung. Hätte die Qualität des zur Wiedereröffnung angebotenen Sekts eine tiefere Aussagekraft, durften die Erwartungen an die erste Premiere aber nicht allzu hoch ausfallen: Er prickelte nur mäßig. Und ein kurzer Blick ins Programm zeigte: Es wurde etwas anderes gespielt als noch angekündigt war.

Bekannter Stoff, zahlreiche Verfilmungen

Die Quelle der Handlung ist der hochberühmte, 1782 erschienene Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos – ein durch zahllose Bearbeitungen und Verfilmungen bis in die jüngste Zeit weithin bekannter Stoff. Die Marquise de Merteuil und ihr ehemaliger Liebhaber, der Vicomte de Valmont, machen sich strategisch an die Vernichtung anderer Menschen. Der Vicomte schwängert Cécile, die künftige Frau eines weggelaufenen Lovers seiner Komplizin, um sie eheuntüchtig zu machen. Die Präsidentin Tourvel, eine moralisch vorbildlich intakte Frau, will er zunächst eher nur sportlich rumkriegen. Dann liebt er sie aber wirklich. Was natürlich der teuflisch eifersüchtigen Merteuil nicht in den schlimmen Kram passt. Sie zwingt ihn zum Verzicht.

Wohin der Hase in Karin Henkels Inszenierung laufen soll, ist von Anfang an klar. Denn Valmont und Merteuil stecken da in veritablen Rammler-Kostümen. Per Klettband fixierbare Geschlechtszubehöre fallen praktischerweise aus dem Bühnenhimmel.

Karin Henkel ist offenbar während der Probenarbeiten eingefallen, dass es von Heiner Müller eine bedeutende eigene Version nach Laclos' „Liaisons dangereuses“ gibt. Sie presst nun Christopher Hamptons Schauspiel (sozusagen ein Stück des 18. Jahrhunderts von heute) mit Müllers deftig-kräftig von Geschlechtertausch und Rollenspielen bestimmtem Zweipersonen-„Quartett“ zusammen, ohne allerdings dessen beißende Qualität zu nutzen. Wie überhaupt der ganze Abend jegliches gedankliche oder darstellerische Raffinement ausblendet. Von Witz ganz zu schweigen.

Das reduzierte Personal verzehrt Äpfel aus der Einkaufstüte an öden Bürotischen, ein Chevalier wird durch einen Multiinstrumentalisten ersetzt, der nichts zu sagen, nur zu klimpern hat. Der Verzicht aufs Inventar des Ancien Régime, heutige Ober- wie Unterbekleidung sollen wohl „Aktualisierung“ mit Blick auf die angebliche Liebesunfähigkeit der derzeitigen www- und SMS-Gesellschaft bedeuten. „Briefe“ werden übers Mikrofon formuliert. Aber Vergegenwärtigung findet allenfalls in formaler Weise, keineswegs inhaltlich überzeugend, statt. Angestrengt wird buchstäblich in letzter Minute versucht, mit Reproduktionen des Adam-und-Eva-Motivs, von Dürer bis heute, auf dem ansonsten überflüssigen, rotierenden Bühnenbildmöbel Zeitlosigkeit zu behaupten.

Alles nur noch routiniertes Vergnügen

Von dem abgefeimten Verführer Valmont ist hier nur noch ein lustloser Vergewaltiger übrig geblieben. Seine sexuellen Karnickeleien werden mit elektronischem Gelächter-Stakkato vom Plattenspieler begleitet. Wolfram Koch verkörpert diesen Typen, der sich ein routiniertes Vergnügen daraus macht, anderen Leuten gleichsam wie armen Tierchen die Flügel auszureißen, recht kunstlos als grau gewordenen, unrasierten Schlechtmenschen. Dass er dem eigenen sexuellen Kalkül schließlich, tatsächlich liebend, erliegt, bleibt unscharf.

Auch Constanze Becker, als eigentliche Drahtzieherin der Intrige, läuft erst beim Endspurt zu toller Eifersucht und hoch- und vernichtungswütiger Gemeinheit auf. Allein Meike Droste ist erlaubt, als Tourvel die vielfältigen emotionalen und seelischen Bedrängungen der Figur, die Preisgabe ihrer Vorbehalte, ihre schmerzhafte Liebe und ihre Verzweiflung in allen Nuancen sichtbar zu machen.

Auch der festliche Anlass kann nicht verhindern, dass ungewohnt massiver Protest den höflichen Beifall kräftig verhagelt.

"Gefährliche Liebschaften" im Deutsches Theater. Schumannstraße 13 a. Berlin-Mitte. Tel.: (030) 28.441.225. Termine: 7., 8., 11., 13., 21. März., 20 Uhr.